Bewegte Bilder
Der albanische Videokünstler Anri Sala scheint im Moment überall zu sein: In New York, Paris und Berlin kann man Arbeiten von ihm sehen, die Serpentine Gallery öffnete ihre Tore für ihn, in Stockholm wurde ihm der mit 30.000 Euro dotierte Absolut Art Award verliehen. Christine Macel, Chefkuratorin am Pariser Centre Pompidou feierte den Künstler als «most interesting cinematic storyteller».
Sie kennen den Künstler noch nicht? Das sollten Sie gleich ändern. Gilt der 1974 in Tirana, Albanien geborene Sala doch als eines der grössten Talente der jüngeren Kunst. Sein Werk besteht überwiegend aus Filmen in Digitaltechnik und Fotografien. Mit ihnen widmet er sich Themen der Geschichte und aus seinen Erinnerungen. Besonders eindrücklich ist seine Arbeit «Intervista». Ausganspunkt ist eine Filmrolle, die er im Haus seiner Eltern fand. Gezeigt wird seine Mutter an einem Kongress der Kommunistischen Partei. Die Tonspur aber ging verloren. Und so macht sich der Sohn auf die Suche nach der verlorenen Sprache – die er schliesslich in einer Taubstummenschule wiederfindet. Interessiert habe ihn bei dieser Arbeit «wie sich die Sprache, die Syntax, mit der Zeit verändert hat, und zwar weil sich das politische System verändert hat.» Beim Treffen in Stockholm fragen wir nach:
Bolero: Sie sind aber doch nach eigener Aussage kein politischer Künstler?
Anri Sala: «Es ist aber nicht so, dass ich keine Meinung hätte. Ich habe zu allem eine Meinung, zu dem ich denke, dass ich gut informiert darüber bin. Ich möchte meine Kunst nicht als Entschuldigung benutzen, um nicht direkt involviert zu sein in politische Ansichten.»
Der Künstler lebt mittlerweile in Berlin, Tirana besucht er regelmässig.

1395 Days Without Red
Bolero: Wie würden Sie die junge Kunstszene in Albanien charakterisieren? Welchen Einfluss haben die politischen Verhältnisse?
«Ich bin regelmässig dort und besuche die Kunstakademie, an der ich selber studiert habe. Obwohl das Land so klein ist, gibt es viele Talente wie Adrian Paci und andere, die ihre Werke überall auf der Welt zeigen. Auf der anderen Seite hat aber die Politik und die Korruption, die überall herrscht, einen schlechten Einfluss. Es gab eine goldene Zeit bis vor 4, 5 Jahren, jetzt wird man erfolgreich, wenn man sich loyal gegenüber den Machthabern zeigt. Leute, die jetzt von den Schulen kommen und diese Zustände sehen, implodieren. Sie gehen nicht nach aussen. Oder sie verlassen das Land.»

Arbeiten von Anri Sala: Long Sorrow
Eine von Salas Arbeiten heisst zufälliger- oder passenderweise auch «Should I Stay or Should I Go» – angelehnt an den The Clash-Hit. Im Video wird er gespielt von einer Spieluhr. Sollten Sie Anri Sala bis jetzt verpasst gaben, am 18. November eröffnet eine Ausstellung im Espace Culturel Louis Vuitton in Paris; ein authentisches «voyage musical»: «ANICROCHES, Variations, choral and fugue.» Mit dabei ist u.a. auch Anri Sala – begeben Sie sich doch mal wieder auf die Reise!
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