Geschichten, die das Leben schrieb…

Adriana Altaras, «Titos Brille», Kiepenheuer & Witsch, CHF 28.90
Nein

Mal biografisch, mal erfunden. Mal heiter, mal melancholisch, aber immer unheimlich spannend. Entdecken Sie Bücher, die grosse (Lebens-)Geschichten erzählen

Die Jazzpianistin und Diseuse Peggy Stone


Peggy Stone (1907–2009) war Jazzpianistin und Diseuse und lebte in Berlin, Bialystok, Göteborg, Moskau, Bukarest, Tel Aviv und New York. Eine erstaunliche Frau, die ein abenteuerliches Leben führte: Die gebürtige Berlinerin arbeitete als Künstlerin im Berlin der Goldenen Zwanziger, trat in Sibirien als Unterhaltungsmusikerin für die Rote Armee auf und fing nach dem Zweiten Weltkrieg in der Modebranche in New York ganz von vorne an.

Regine Beyer, «Abendkleid und Filzstiefel», Aviva Verlag, CHF 37.90

 

Die Lebenserinnerungen einer fast Vergessenen


Salka Viertel war das, was man eine grosse Gastgeberin nennt. Und zu Gast waren sie alle: Filmemacher, Literaten, Schauspieler und Maler. Wie aus einem Künstlerlexikon zur ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts lesen sich die Namen der Freunde, die Salomea Steuermann, von allen nur Salka genannt, um sich zu versammeln wusste: Karl Kraus und Alfred Polgar, Thomas und Heinrich Mann, Sergej Eisenstein und Greta Garbo. Diese faszinierende und früh emanzipierte Salka Viertel machte ihr Haus an der Mabery Road in Santa Monica zum vielgerühmten Salon – und schliesslich zum «Hafen für die Heimatlosen», die europäischen Emigranten nach 1933. Salka Viertels Lebenserinnerungen, Ende der 60er Jahre in den Vereinigten Staaten erschienen und seitdem im Vergessen verschwunden, vergegenwärtigen die dramatischen Jahrzehnte europäischer Kulturgeschichte, vor allem die Welt des Theaters und des Films bis 1933 und die Exilierung dieser Kultur in Kalifornien.

Salka Viertel, «Das unbelehrbare Herz. Erinnerungen an ein Leben mit Künstlern des 20. Jahrhunderts.», Die Andere Bibliothek im Eichborn Verlag, CHF 48.90

 

Kindertage


Die neunjährige Lilly schildert ihre Leben in einem Dorf auf dem Berg Napf, zwischen den Kantonen Bern und Luzern, Ende der fünfziger Jahre. Inmitten von Armut und harten, bäuerischen Sitten verbringt Lilly ihre Kindheit und wehrt sich mit allen Mitteln gegen die Ungerechtigkeit in der Familie, gegen Gewalt und die Zumutungen der Erwachsenenwelt. Alice Schmid, Filmproduzentin aus der Schweiz, ist mit viel Liebe zum Detail ein anrührender Erstling gelungen, beklemmend und von grosser Glaubwürdigkeit. Eine tief wahrhaftige Geschichte, deren Witz und Feinfühligkeit lange nachklingen.

Alice Schmid, «Dreizehn ist meine Zahl», Nagel & Kimche, CHF 23.90

 

Vom Reisen in parallele Welten

Wenn das Unglaubliche wahr wird, ist nichts mehr wie zuvor. Das beweist der Roman «Die Moldau im Schrank» des Bilger Verlags. Mit Mann und Kindern hat sich Helena im Frankfurter Alltag eingerichtet. Unversehens öffnet sich ihr der Weg in eine andere Welt, die der unseren nur auf den ersten Blick ähnelt. Helena trifft auf ihr eigenes Ich – auf eine Helena, die ein völlig anderes Leben führt als sie. Voll Angstlust erkundet Helena die faszinierend unendlichen Möglichkeiten ihres anderen Ichs: Was wäre wenn... Aber auf bedrohliche Weise kreuzen sich Lebenswege: Markus taucht auf, ein Mann, der schon als Kind mehr gesehen hat als andere Menschen und der schuldlos schuldig zum Mörder geworden ist. Helena hat eine Entscheidung zu treffen, die über Leben und Tod entscheidet. «Die Moldau im Schrank» ist der erste Roman von Nina Maria Marewski. Verstörend und nachdenklich machend.

Nina Maria Marewski, «Die Moldau im Schrank», Bilger Verlag, CHF 34.–

 

Der ganz normale Wahnsinn


Die Schauspielerin und Regisseurin Adriana Altaras führt ein ganz normales chaotisches und unorthodoxes Leben in Berlin. Mit zwei fussballbegeisterten Söhnen, einem westfälischen Ehemann, der ihre jüdischen Neurosen stoisch erträgt, und mit einem ewig nörgelnden, stets liebeskranken Freund, der alle paar Monate verkündet, endlich auswandern zu wollen. Alles bestens also ... bis ihre Eltern sterben und sie eine Wohnung erbt, die seit 40 Jahren nicht mehr ausgemistet wurde. Fassungslos kämpft sich die Erzählerin durch kuriose Hinterlassenschaften, bewegende Briefe und uralte Fotos. Dabei kommen nicht nur turbulente Familiengeheimnisse ans Tageslicht. Auch die Toten reden von nun an mit und erzählen ihre eigenen Geschichten. Ein witziges Buch voller Wärme.

Adriana Altaras, «Titos Brille», Kiepenheuer & Witsch, CHF 28.90

 

Vom Abschiednehmen


Arno Geiger hat ein tief berührendes Buch über seinen Vater geschrieben, der trotz seiner Alzheimerkrankheit mit Vitalität, Witz und Klugheit beeindruckt. Die Krankheit löst langsam seine Erinnerung und seine Orientierung in der Gegenwart auf, lässt sein Leben abhandenkommen. Arno Geiger erzählt, wie er nochmals Freundschaft mit seinem Vater schließt und ihn viele Jahre begleitet. In nur scheinbar sinnlosen und oft wunderbar poetischen Sätzen entdeckt er, dass es auch im Alter in der Person des Vaters noch alles gibt: Charme, Witz, Selbstbewusstsein und Würde. Arno Geigers Buch ist lebendig, oft komisch.

Arno Geiger, «Der alte König in seinem Exil», Hanser, CHF 26.90

Rubrik: KULTUR
Tags: Buch