Alle Dinge der Welt verändern
Einer gegen den Weltenlauf, allein mit den Dingen der Welt. Karim Rashid ist der umstrittene Popstar unter den Designern dieser Welt. In der Lobby des Park Hyatt in Zürich fällt er mit seinen weissen Hosen, dem rosa Shirt und den rosa Turnschuhen auf. Relaxt lässt er die vorwitzigen Blicke der anderen Gäste an sich abtropfen. Der in Kairo geborene Rashid ist ägyptisch-englischer Abstammung und lebt seit vielen Jahren in den USA. Aufsehen hat er unter anderem vor neun Jahren mit seinem Manifest erregt, in dem er darlegt, dass er mit seinem Design die Welt verändern will, und in dem er andere zum Mittun auffordert. Vorerst sitzt er in einem Sessel in Zürich. In diesen Tagen hat er der Schweiz einen Besuch abgestattet. Campari hat zum 150-Jahr-Jubiläum mit der Glasbläserei Venini einen Cocktail Shaker kreiert. Am Morgen nach der Party in Zürich steht er Bruno Affentranger von BoleroMen für eines seiner stets unterhaltsamen Interviews zur Verfügung.
BoleroMen: Sie sind Designer, und viele Menschen bezeichnen sie als einen der berühmtesten und kontroversesten Designer der Welt, Karim Rachid.
Karim Rachid: Danke.
Das klingt vorerst einmal sehr gut. Doch was ist das überhaupt, ein Designer?
Das Ziel meiner Arbeit ist das Formen eines neuen sozialen Verhaltens. Ich möchte beeinflussen, wie wir leben, wie wir existieren, was uns inspiriert. Das alles ist Design. Design ist sicher nicht der explizite Umgang und die Verwendung von möglichst luxuriösen Materialien.
Ich verstehe nicht ganz.
Schauen Sie doch einmal etwas zurück und betrachten wir die Tradition, wie die Dinge bisher gemacht worden sind. Nehmen Sie zum Beispiel das Hotel, in dem wir hier sitzen.
Das Park Hyatt in Zürich.
Das Hyatt. Mein Bad in meinem Zimmer ist ganz schön designt und mit sehr viel Travertinstein ausgearbeitet. Es steckt sehr viel Energie in diesem Design, und der Stein stammt aus einem fremden Land, die Kosten und die Arbeitsaufwendungen, um diesen Stein so hier zu haben, sind hoch. Ich frage mich zum Schluss: Für was dient das Ganze?
Weil der Stein dem Auge schmeichelt?
Ist es das? Damit ich ins Bad gehen kann und den Stein sehe?
Ich verstehe nicht, auf was Sie hinaus wollen.
Ich will sagen: Einst war dieser Stein der Inbegriff von Luxus, weil er ein luxuriöses Material dargestellt hat. Heute aber ist er das nicht mehr.
Was ist Luxus, wenn nicht ein seltener, von weit her gebrachter und aufwändig verarbeiteter Stein?
Ich sage Ihnen, was heute Luxus ist. Gestern Abend war ich am Event von Campari. Ein Mann war zuständig für mich und hat mich betreut. Er nahm sich die Freiheit heraus, cashual gekleidet an den Anlass zu kommen. Das fand ich sehr gut. Das ist luxuriös. Sie sitzen mir heute auch im T-Shirt gegenüber, was gut aussieht und gut ist. Der neue Luxus ist der neue «Cashualism».
Was verstehen Sie unter «New Cashualism»?
Wir dürfen uns so geben, wie wir sind.
Privilegien zu haben ist also Luxus?
Definitiv, ja. Sie haben das Privileg, nicht im Anzug erscheinen zu müssen.
Ich war aber vorher in einem Businessmeeting, und ich trug dort einen Anzug.
Warum?
Weil dies der Etikette entspricht und weil ich es unnötig schwerer hätte, würde ich es nicht tun.
Ich schere mich nicht darum.
Sie haben als ein so genannter Star das Privileg sich so zu kleiden, wie Sie wollen.
Darum geht es hier nicht. Schauen Sie doch mal dort (Rachid zeigt mit dem Finger zur Hotel-Reception). Sehen Sie diese Männer? Alle stehen Sie da in ihren Hemden, Anzügen und Krawatten. Schwarz und grau. Das ist vorbei. Und wir wissen es alle. Es ist schlicht vorbei. Verstehen Sie?
Nein, das verstehe ich nicht.
Nehmen Sie ein anderes Beispiel. Sechzig Prozent der weltweit produzierten Schuhe sind Sneakers. Ist das nicht eine phänomenale Zahl? Vor dreissig Jahren machten Sneakers weniger als 1 Prozent aus. Das zeigt, wie sich die Welt verändert hat. Wenn die 3000 Topshots von Apple zusammenkommen, dann sehen Sie nur Jeans und Sneakers.
Das sind die neuen Anzüge. Wo ist also der Unterschied?
Das ist eine Art von Dresscode, stimmt. Aber den wirklichen Dresscode für Sie macht nur einer: Sie. Sie kleiden sich so, wie Sie sich fühlen, wie Sie sich der Welt zeigen wollen. Das ist eine neue Kraft. Ich glaube, dass sich die Welt in diese Richtung entwickelt. Doch zurück zum Hotel: Die Formalität des Check-ins ist altmodisch, weil es sich an alle richtet und nicht an den einzelnen. Das ist für das digitale Zeitalter, in dem wir leben, nicht mehr zeitgemäss.
Wann und mit was hat dieser Umbruch in diese von Ihnen zitierte neue Zeit begonnen?
Die Revolution des «New Cashual Age» hat in den Sechzigerjahren begonnen. Die Babyboomers aus dieser Zeit sind heute in führenden Positionen und kontrollieren den Lauf der Dinge. Sie besitzen heute Unternehmen. Damals waren sie Hippies. Ich bin einer der Letzten aus dieser Phase der Babyboomers.
Was ist das Besondere an den Hippies?
In der Weltgeschichte ist der Hippie ein einmaliges Phänomen, er führte eine Art Schisma herbei, indem er eine Linie zwischen das Vorher und das Nachher zog. Es ist das erste Mal in der Geschichte, das Menschen gesagt haben, dass sie nichts mit der Vergangenheit zu tun haben wollen, mit den alten Regeln, mit den Klassenstrukturen. Sie wollten stattdessen Befreiung: Sexuelle Befreiung, die Befreiung der Frau. In dieser Welt stecken wir heute. Es geschieht immer noch. Interessant ist übrigens auch, dass es Hippies waren, die die ersten Computer herstellten. Sie haben sich digital befreit.
Aber existiert ein Zeitpunkt für den Start dieser Zeit?
Das Millenium war der Startpunkt. Mit dem Jahr 2000 waren viele politische und soziale Veränderungen verbunden. Man kann es Koinzidenz nennen. Der Euro wurde eingeführt, der Jugoslawien-Konflikt erlebte einen traurigen Höhepunkt, 9/11, Gaskrise und so weiter. Damals merkten wir in den USA auch, dass wir nicht unbedingt auf Gas angewiesen sind. Wir realisierten, dass ein Wandel bevorstehen muss. Jetzt ist er da.
Meinen Sie das wachsende Interesse an erneuerbaren Energien?
Ja. Nächstes Jahr bringt Nissan ein elektrisch betriebenes Auto auf den Markt. Ich habe mich im Internet zusammen mit 117'000 Menschen eingetragen und mein Kaufinteresse hinterlegt. Wir haben alle 90 Dollar bezahlt und sind jetzt auf einer Liste. Ich werde lange warten müssen. Aber die Welt verändert sich.
Überschätzen Sie diesen so genannten Wandel nicht ein wenig?
Auf der einen Seite existiert viel Pessimismus, ja Zynismus. Mein letzter Gesprächspartner sprach mit mir über Untergangsszenarien. Ich kann das nicht verstehen. Das Gegenteil wird eintreffen: Das Schöne an dieser Welt ist doch gerade, dass wir sie mit unseren Ideen retten werden.
Dank Design?
Auch dank Design, aber dank richtig verstandenem Design. Kürzlich habe ich einen phantastischen Dokumentarfilm über einen Kerl aus Kanada gesehen. Er hat die Problematik der Plastikprodukte dargestellt. Jeder Fisch und jeder Vogel, den er aus dem Wasser gezogen hatte, hatte Plastikteile im Magen. Nicht abbaubare, nicht verdaubare Plastikteile. Doch es existieren bereits Lösungen für dieses Problem. Ein Typ aus Finnland hat zum Beispiel ein Verfahren entwickelt, wie er polymere Stoffe am Ende ihres Lebenszyklus wieder in ihre flüssigen Einzelteile zurückführen kann. Am Ende hat er viele verschiedene, wunderbar farbige Öle und keine Plastikteile mehr. Aber absolut neu sind diese Ideen nicht. Als ich in den Siebzigerjahren Ingeneering und Design studierte, ging es bereits um solche Themen. Nachhaltiges Bauen, Solar-Technologien und ähnliches. Schon damals gab es Diskussionen um Bio-Plastik, basierend auf Getreide oder Rohrzucker. Doch später war das alles vergessen, kein Thema mehr. Das war schockierend für mich. Jetzt kommen all diese Themen wieder.
Haben Sie in diese Richtung Designs vorangetrieben?
1995 hatte ich mit einem Unternehmen geforscht, ob wir Produkte aus Bio-Plastik statt aus Plastik herstellen könnten. Das Unternehmen wollte damals nicht, weil die Produktionskosten siebenmal höher ausgefallen wären. Vor drei Jahren haben wir all diese Produkte von damals hergestellt – aus Korn.
Aus Korn?
Ja, aus Korn. Die Konsumenten haben den Unterschied überhaupt nicht erkannt. Wenn ich Ihnen eine Flasche aus korn-basiertem Plastik geben würde, Sie würden nicht erkennen, dass es aus diesem Material ist. Und wissen Sie, was das Beste daran ist.
Was?
Wenn die Flasche leer ist, stecken Sie sie einfach in die Erde. In zwei Jahren ist sie zu Staub geworden, weg. Phantastisch, nicht?
Sind die Kosten auch phantastisch hoch?
Es sind dieselben wie für normales Plastik. In den USA entstehen derzeit Unternehmen, die spezialisieren sich auf das Herstellen von Bio-Polymeren. Ich kenne jemanden in Brasilien, der macht aus Zuckerrohr Wasserflaschen wie diese hier, aus der wir unser Mineralwasser trinken. Er ist der einzige in der Welt, der das bisher macht, und ich weiss nicht, weshalb das so ist. Wir müssen das ändern. Das macht ein Designer.
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