Glasses on a wire

Nein

Wenn Champagner-Gläser aufgehängt statt hingestellt werden, erfindet der japanische Designer Oki Sato für Ruinart gerade das Picknick neu. Bolero traf den Gestalter in Paris.

Bolero: Wie soll man Ihre Arbeit für Ruinart verstehen? Als eine Art Champagner-Installation?
Oki Sato: (lacht) Nein, ich hatte ein ganz pragmatisches Briefing. Ich sollte einfach eine Picknick-Box für den «Blanc de Blanc» von Ruinart entwerfen. Es geht dabei um eine Art «Seitensprung» vom täglichen Leben und darum, sich zu erfrischen. Das Thema lautete «urban Picknick». Man soll also nicht aufs Land flüchten, sondern in der Stadt bleiben und dort einen ruhigen Ort finden, um zu entspannen. Aus diesem Grund haben sie mich mit dem Projekt beauftragt. Ich wohne ja in Tokio. In Tokio ist es nicht so, dass man sich gegenseitig zu Hause besucht an Wochenenden oder freien Tagen hinaus aus der Stadt fährt. Man sucht vielmehr gemeinsam einen Platz irgendwo in der Stadt, wo man sich treffen kann.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Gläser zu hängen statt zu stellen?
Ich schaute aus dem Fenster in meinem Studio und sah die kleinen Vögel auf den elektrischen Leitungen landen. Da bekamen diese Elektro-Drähte einen neuen Sinn. Sie waren plötzlich Hocker wo sich die Vögel ausruhen und nicht mehr nur Drähte. Das entsprach dem Gefühl, das ich für dieses Projekt hatte; irgendwo kurz zu landen und den Champagner geniessen.


«Like a bird on a wire...» Oki Satos Champagnerglas für den «Blanc de Blanc» von Ruinart.

Was meinten die Auftraggeber zu dieser speziellen Idee?
Die Leichtigkeit und Frische der Idee passe zum «Blanc de Blanc». Interessant ist, dass Ruinart das älteste Champagner Maison der Welt ist. Und ich bin einer der jüngsten japanischen Designer. Als ich den Anruf bekam war ich sofort begeistert, eine Verbindung zwischen den Werten der alten Marke Ruinart und unserer jungen Firma Nendo herstellen zu können. Unsere Gemeinsamkeiten sind Leichtigkeit, Frische und das Pure. Wir fanden beide, dass dies perfekt zur Idee mit den Vögeln auf dem Draht passt. Jetzt landen die Gläser auf dem Flaschenstopper. Es ist eine Art Bento-Box für Champagner geworden.


Pures Design für den «Blanc de Blanc» von Ruinart.

Holen Sie Ihre Ideen oft aus der Beobachtung der Natur?
Mehr als die Natur inspiriert mich das tägliche Leben, die täglichen, langweiligen Dinge. Wenn ich jeden Tag dieselbe Strasse zum Büro entlanggehe. Plötzlich stelle ich kleine Veränderungen fest und filtere sie heraus. Die kleinen Unterschiede im täglichen Leben sind meine Designquelle.

Was sind denn diese kleinen Dinge, auf ihrem Arbeitsweg, die sich plötzlich verändern?
Ein Objekt kann jeden Tag da sein. Man sieht es jeden Tag und eines Tages bemerkt man plötzlich etwas daran. Und man fragt sich, warum ist es da? War das gestern schon hier? Es kann das Licht sein, etwas dahinter oder daneben, das sich verändert hat. Ich liebe Schneefall, der macht die Dinge so anders. Es sind kleine Unterschiede. Alles ist gleich aber ist doch nicht gleich. Die Leute tendieren dazu, solch kleine Dinge zu übersehen. Man meint etwas anders zu sehen, aber es ist nur ein Schatten. Ich denke dann nicht, es ist ja nur ein Schatten, sondern: was für ein schöner Schatten!

Wie wird der Schatten zu einem Designobjekt?
Es ist wie eine Fotoaufnahme. Man hält etwas fest und interpretiert es neu. Man macht es leichter verständlich. Für Kinder, für ältere Leute für jemanden der überhaupt nicht an Design interessiert ist. Diese Leute muss man überraschen. Ihnen die Dinge näher bringen. Ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Die Dinge dem täglichen Leben zurückgeben. Das ist meine Art Design zu entwickeln. Ich mag keine grossen Ideen. Ich mag ganz kleine Ideen. Und einfache Regeln. Das wichtigste für einen Designer ist es, eine einfache Geschichte zu erzählen. Diese kleine Idee ist bei mir durch das tägliche Leben inspiriert.

Was war das Speziellste, das sie auf ihrem Arbeitsweg sahen und dann in ein Objekt verwandelten?
Im Frühling habe ich einen transparenten Tisch für den Salone in Milano gemacht. Der Tisch ist aus Acryl hat aber die Struktur von Holz. Von Weitem sieht er aus wie ein schwarzer Holztisch. Erst wenn man näher kommt, sieht man dass er durchsichtig ist. Ein Holzzaun hat mich dazu inspiriert. Eines Tages sah ich ihn aus einem anderen Winkel und er wirkte durchsichtig. Ich denke, es war eine Lichtreflexion. Da entstand die Idee von transparentem Holz.


Oki Satos Transparent Table, April 2011. Acryl-Glas mit Holzstruktur.

Die Bento-Box für Ruinart ist aus Holz. Welche Beziehung haben Sie zu diesem Werkstoff?
Wir fangen nie mit dem Material an. Wenn ich denke, dass Holz das beste ist für die Geschichte die ich erzählen will, dann nehme ich Holz. Ich bin allen Materialien gegenüber total aufgeschlossen. Einmal kam Issey Miyake zu uns mit einem Stück Papier und sagte in etwa, machen Sie einen Stuhl daraus! Es war eine Art plissiertes Papier. Es wurde benützt um Miyakes Pleats Please Stoffe vor der Plissiermaschine zu schützen. Das Papier wurde dadurch auch plissiert. Und danach weggeworfen. Wir haben angefangen, es weiter zu falten und daraus wurde unser Cabbage-Chair. Miyake sah den Stuhl und sagte er schaue aus wie ein Kohlkopf und wir gaben ihm den Namen Cabbage Chair. Solche Dinge passieren auch.


Cabbage Chair von Nendo inspiriert durch Issey Miyakes Pleats Please-Kollektion.

Weshalb wollten Sie Designer werden?
Ich wurde in eine normale Familie hinein geboren. Meine Eltern lebten zur Zeit meiner Geburt in Kanada. Als ich zehn Jahre alt war, zogen wir zurück nach Tokio, wo ich auf wuchs und studierte. Bis zur Uni habe ich mich überhaupt nicht mit Design befasst. Ich habe Architektur studiert. Obwohl ich nicht mal unbedingt Architekt werden wollte. Ich habe es einfach so gewählt. Ich habe mich aber nie wohl gefühlt in der Architektur, weil sie zu strikt war. Vieles durfte man nicht machen. Es gab nur richtig oder falsch. Nach dem Abschluss habe ich den Design-Salon in Mailand besucht. Dort habe ich so viele Leute gesehen, die ganz frei entwarfen, fast wie Modedesigner. Jeder in der Designszene dort schien sehr glücklich und frei. Das war der Moment, wo ich Designer werden wollte. Nendo bedeutet in der japanischen Sprache frei von Kitt, sehr weich, ändert die Form. Übertragen bedeutet das Wort Freiheit und Flexibilität. Das war genau, was ich machen wollte. Das war 2002. Ich ging nach Hause und startete Nendo, zusammen mit fünf Freunden, die mit mir in Mailand waren.

Sie haben also nie ein Haus gebaut?
Doch. Wir haben vier oder fünf Häuser gebaut und schauen gerade nach einem weiteren.

Wieviele Leute arbeiten bei Ihnen?
Wir sind 20 Designer und arbeiten immer an 130 bis 140 Projekten gleichzeitig. Architektur, Interior. Möbel, Produktedesign, Grafiken... Wir designen alles. 40 Prozent für den japanischen Markt, der Rest ist für Europa und die USA.

Arbeiten Sie auch für die Modeindustrie?
Wir haben in Tokio den neuen Laden für Puma designt. Issey Miyake ist ein Kunde und wir designen alle Parfum-Counters und -Shops für Kenzo. Insgesamt etwa 300 Verkaufstellen. Wir arbeiten aber nur im Umfeld der Mode. Wir machen nicht Mode.


Puma House in Tokio, April 2011. Design Oki Sato und Nendo.

Gibt es etwas, das Sie sofort neu designen möchten?
Eine schwierige Frage. Es ist nicht so, dass ich etwas designen will. Ich finde es sehr aufregend, gefragt zu werden, ob ich etwas designen möchte. Ein Briefing finde ich aufregend. Es ist wie ein Problem lösen. Wie Mathematik. Man muss die beste Antwort finden. Es wird kompliziert, wenn man mit der Antwort beginnen muss.

Was denken Sie, wenn sie in einer so alten Stadt wie Paris sind? Möchten sie da Dinge verändern?
Ich schätze die Vergangenheit sehr. Paris ist wie in Kyoto in Japan, wo altes und ein wenig neues zusammen kommen und den Charakter der Stadt ausmacht. Charakter ist sehr wichtig. Sonst wird schnell alles gleich. Man weiss heute oft nicht mehr, ob man in New York, Shanghai oder Tokio ist. Alles ist voll von McDonalds und Starbucks. Ich finde jedes Design, jede Stadt, jede Strasse braucht einen eigenen Charakter. Wenn man neuen Dingen Charakter geben will, muss man die Vergangenheit respektieren. Ich würde also nicht alles in Paris ändern wollen, sondern vielleicht etwas kleines. Vielleicht den Knopf an der Fussgängerampel, um den Verkehr zu stoppen oder eine einzelne Bodenfliese. Langsame Veränderungen sind besser als drastische. Ich liebe kleine Ideen, die sich entwickeln. Vielleicht auch erst nach meinem Tod. Das wäre schön.


Ruinart lud zur Präsentation ins Kenzo-Haus in Paris ein.

Was ist das nächste grosse Projekt?
Ich arbeite an Einzelausstellungen in den USA, im High-Museum in Atlanta und in der Friedman-Benda Galerie in New York. Wir arbeiten auch an einer neuen Möbelkollektion. Und an noch einer Einzelausstellung in Taiwan. Dann arbeiten wir noch an Ausstellungsräumen in Ottawa und in Tokio. Im Auftrag von Issey Miyake. Es geht um eine Ausstellung von Akio Hirata, dem Hut-Designer. Er arbeitet für Miyake, Yamamoto, Comme des Garçons und für den japanischen Kaiser. Hier in Paris. Er ist ein sehr alter Mann. Es gibt eine einwöchige Ausstellung für ihn in Tokio und wir machen den Ausstellungsraum. Die Ausstellung wird vermutlich auf Tournee gehen. Issey Miyake bewundert diesen Hutdesigner und will dass alles perfekt ist.


Akio Hirata’s Hut-Ausstellung by Nendo in Tokio.

Werden die dramatischen Ereignisse in Japan vom letzten Frühling Ihre Arbeit beeinflussen?
Ich denke schon. Der japanische Charakter hat drastische Veränderungen erlebt. Es gibt Leute, die mit Schmerz zurückschauen. Und Leute, die in die Zukunft blicken und dabei versuchen zu lächeln. Die Gesellschaft ist in diese zwei Gruppen gespalten. Über die Hälfte der Japaner sind sehr traurig und sehr still geworden. Ich finde, Designer und Künstler sollten nicht still sein. Sie müssen in die Zukunft blicken. Es ist ihre Aufgabe, neue Ideen zu finden, um den Menschen ein Lächeln zurück zu geben. Ein kleines Lächeln in die Gesichter zu zaubern, ist das Wichtigste, das Designer tun können. Wir sind an einem Punkt, an dem wir entscheiden müssen, was wir mit unserem Design wollen. Die Japaner brauchen jetzt richtiges Design. Ich weiss nicht, ob ich das so sagen kann. Was ich meine ist, dass es nicht nur um Style und Trends geht. Sondern darum wie wir jetzt Gefühle beeinflussen können. Das sollte Design tun. Japan braucht das jetzt.

Die Welt bewundert wie Japan mit der Situation umgeht...
Ja, die Japaner sind sehr ruhig und machen nicht in Panik. Japan kennt viele Erdbeben, Tsunamis, Katastrophen... Unsere Geschichte ist der Wiederaufbau. Das ist die japanische Kultur.

Das hat auch Einfluss auf japanisches Design. Alles wirkt so luftig und leicht...
Ja, wir wollen keine Dinge für Jahre, für die Ewigkeit... Es geht bei uns um den Moment. Wie ein Haiku-Reim, nicht die lange Geschichte. Man fängt den Moment ein. Wie der Vogel, der auf dem Elektrodraht landet. Er macht eine kleine Pause und fliegt weiter. Das ist es. Der Moment ist der Kern des Ganzen


Die Picknickbox «Kotoli by Nendo» von Ruinart ist bei Globus und im Fachhandel erhältlich.