Mut fassen
Wundern Sie sich nicht, wenn Sie am 21. Juni trotz (hoffentlich) strahlendem Sonnenschein unzählige geöffnete Schirme in Zürich sehen werden. Die rund rund 1000 offenen Schirme, die durch Zürich getragen und auf dem Grossmünsterplatz installiert werden, stellen die Lebensentwürfe von über 10000 Frauen symbolisch dar, die von der Beratungs- und Informationsstelle für Frauen gegen Gewalt in Ehe und Partnerschaft (kurz bif) beraten wurden. Gewalt in Ehe oder Partnerschaft wird oft so gut verheimlicht, dass niemand im Umfeld die Missstände vermuten würde. Sie ist jedoch für jede fünfte Frau in der Schweiz Lebensrealität. Die bif, eine anerkannte Opferhilfestelle des Kantons Zürich, berät seit 10 Jahren Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Dieses Thema soll mit der Schirm-Aktion in die Öffentlichkeit getragen werden, zum offenen Dialog anregen. Der Anlass steht unter dem Matronat von Stadtpräsidentin Corine Mauch, Patin für die Schirmsammlung ist Dr. Ellen Ringier. Sie sagt im Vorfeld: <Ich spende meinen Schirm, damit die Mauer des Schweigens und der Scham durchbrochen und Häusliche Gewalt sichtbar wird.>
Bolero: Was hat sie dazu bewogen, Patin für dieses Projekt zu sein?
Ellen Ringier: Ich setzte mich seit nunmehr genau 20 Jahren für NPO/NGOs im sozialen Bereich ein und habe in alle den Jahren – z.B. über meine unentgeltliche Rechtsberatung in der Zürcher Frauenzentrale – gelernt, dass häusliche Gewalt viel weiter verbreitet ist, als man gemeinhin annimmt und dass kaum eine psychische und oft auch physische Verletzung der Integrität eines Menschen so oft mit aller Kraft verschwiegen wird, wie die Verletzungen durch häusliche Gewalt.
Bolero: Warum existiert diese «Mauer des Schweigens» zu diesem Thema?
Die Familie, das Zuhause, ist für alle Beteiligten - Eltern wie Kinder - ein geschützter Bereich. Und das heisst, dass Übergriffe psychische und physischer Natur in diesem Bereich ganz besonders weh tun. Es heisst auch, dass alle Beteiligten sich damit unheimlich schwer tun, solche Verletzungen nach aussen zu tragen, denn das Verheimlichen lässt den Beteiligten die Möglichkeit, die Fassade der von der Gesellschaft fälschlicherweise vorausgesetzten heilen Familie aufrecht zu erhalten. Kinder fürchten ganz besonders, aber auch die meisten Frauen, dass sie nach einem Outing aus der Familie herausgerissen werden, dass Konsequenzen gezogen werden wie Scheidung, Fremdplatzierung etc., die sie noch mehr fürchten als die Folgen der Übergriffe oder gar zukünftige Verletzungen der Persönlichkeit.
Bolero: Was erhoffen Sie sich durch die Aktion?
Es gibt nur ein Mittel im Kampf gegen häusliche Gewalt und das heisst: Hinsehen! Auf die Dauer erkennt jede nahestehende Person - die Nachbarin genauso wie der Lehrer - die Veränderungen, die die Betroffenen unweigerlich treffen. Das kann sich in einer plötzlichen und unerklärlichen Wortkargheit, in Leistungsverweigerung in der Schule bis hin zu einer manifesten Depression zeigen. Hinsehen tut nur, wer für das Thema sensibilisiert ist und sensibilisieren tut man die Öffentlichkeit, in dem man dem Thema häusliche Gewalt Öffentlichkeit verschafft! Und genau das tun wir mit der bif-Schirmaktion!
Engagieren auch Sie sich und spenden Sie Ihren Regenschirm. Seien Sie dann mit dabei, wenn am Zürcher Grossmünsterplatz die 1000 Schirme gespannt werden. Informieren Sie sich zur Arbeit der Beratungs- und Informationsstelle für Frauen gegen Gewalt in Ehe und Partnerschaft (bif) und zur Aktion und den Abgabestellen unter www.mut-fassen.ch und www.bif-frauenberatung.ch
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