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Mailänder Möbel - Besuch am «Salone Internazionale del Mobile»
Mailand - Der Zug schunkelt Richtung Mailand, vorbei an Tessiner Dörfern mit ihren pittoresken Steinhäusern, über denen der Frühling schon in voller Blüte steht. Um es vorweg zu nehmen: Mailand selbst mag ich nicht besonders, die Zugfahrt dorthin aber liebe ich. Der Empfang, den einem die Stadt bereitet, ist allenfalls halb so schön, so grau in grau, mit langen Schlangen am Taxistand. Aber man ist ja hier, um zu arbeiten, um zu schauen, was die Möbelmesse Neues zu bieten hat.
Am Morgen bin ich der erste Gast im Pop-up-Store von Bottega Veneta. Chefdesigner Tomas Maier hat hier seine eigene Kollektion schöner Dinge zusammengestellt. Japanische Handwerkskunst ist das Thema: Es gibt wunderbare Schüsseln und Gläser, Schächtelchen für geliebte Kleinigkeiten und einen besonders tollen Beistelltisch. Weiter geht es zu Jaeger-leCoultre, wo ich Marc Newson treffe. Der Designer ist laut «Time Magazine» einer der einflussreichsten Menschen überhaupt und dafür reichlich entspannt. Die von ihm redesignte Tischuhr «Atmos 566» ist ein Wunderwerk der Technik, wird angetrieben durch geringste Temperaturschwankungen im Raum und schaut dabei noch sehr cool aus. Das fand wohl auch Tausendsassa Monty Shadow, der kurz reinschaute. Newson verrät mir, dass seine eigene Atmos hinter verschlossenen Türen steht, um sie vor seiner zweijährigen Tochter zu schützen. Zu schade.
Kurze Mittagspause in der sonnendurchfluteten Rotonda und dann schnell weiter in Richtung Fashiondistrict Monte-Napoleone. Bei Marni hat Matteo Thun eine Dependance seiner dreiteiligen Holz-Installation errichtet, um die Ecke, beim Instituto Svizzero zeigt der Studiengang «Luxury & Design» der Lausanner Hochschule ECAL seine Entwürfe. Ich bin begeistert über den Witz und die Nonchalance der Arbeiten. Besonders die Spieldose mit sich wie im Wind bewegenden Ähren hat es mir angetan.
Bei wunderbaren 21 Grad geht es weiter in die via Durini, die für Möbel das ist, was Monte-Napoleone für Mode ist. Hier befinden sich die Showrooms von B&B, Cassina, Fendi, nebenan warten neue Möbelstücke der Maison Martin Margiela mit dem italienische Möbelhersteller Cerruti Baleri – Sofas und Sessel sind eingehüllt in weissen Kanvas. Wie gern würde man sich niederlassen. Aber es geht nun in die Zona Tortona, dem brodelnden Epizentrum. Hier ist die Hölle los, die schmalen Gassen verstopft und man beschaut abwechslungsweise mal lieber Menschen als Möbel. Denn die sehen mindestens genauso gut aus. Rund ums Superstudio Piu tummeln sich schöne Frauen auf hohen Hacken und Männer in engen Hosen, die nicht nur zum Möbel schauen, sondern auch zum Feiern gekommen sind. Und das kann man in diesen Tagen an jeder Ecke, auch wenn die Füsse längst den Heldentod gestorben sind.
Keine Schonung am nächsten Tag, man schwört sich mal wieder, im nächsten Jahr Geld in bequeme Laufschuhe und Zeit in einen weiteren Messetag zu investieren und startet in der vollbesetzten Metro gen Rho, zu Europas grösstem Messezentrum. Natürlich funktioniert das für dieses Jahr neu eingerichtete Barcode-System nicht, am «Express-Schalter» gibts eine lange Schlange. Babylonisches Stimmgewirr und aufgeregte Anspannung liegen in der Luft. Mein Highlight auch in diesem Jahr war der Stand vonMoroso – für Patricia Urquiolas «Silver Lake»-Kollektion und die Alu-Papier-Sessel «Memory» von Tokujin Yoshioka würde ich sofort Platz im Wohnzimmer machen. Auch toll die Betten von Poliform und Zanotta und die Stricksachen von Arcade. Und, und, und... Vor lauter Tischen, Stühlen, Betten, Schränken und Menschen schwirrt einem am Ende des Tages der Kopf und man ist froh, im Zeitalter der Digitalkameras zu leben. Vollbepackt mit Katalogen und Prospekten trollt man sich Richtung Pressecenter und dann zur Metro, natürlich nicht als Einzige. Auf dem Weg zum Bahnhof, einquetscht zwischen tausend roter Salone-Trolleys, gesteht man sich aber wie jedes Jahr ein, ja, es war doch schön – bis zum nächsten Mal.