Von Molekülen und einem Männertraum

Nein

Ein IT-Experte aus Zürich hat sich vorgenommen, nur noch zu tun, was im Spass bereitet. Jetzt kreiert er Parfums. Und wird dafür hoch gelobt.

Bolero: Andy Tauer, von Gigabites in die Welt der Parfümerie. Wie kamen Sie dazu?
Andy Tauer: Mein Büro-Leben als Manager war wenig kreativ. Ich war schon immer süchtig nach Düften. Als ich in den Ferien in Kenia ein Buch über Naturparfümerie las und dabei den Duft der Frangipaniblüten in der Nase hatte, stand mein Entschluss fest. Das war vor zehn Jahren.

Wo haben Sie Ihr Handwerk gelernt?
Ausprobieren, experimentieren, üben. Ich bin Autodidakt. Ich kaufte Essenzen und fing an. Meine Überzeugung ist, dass sich botanische Extrakte und synthetische Moleküle ergänzen. Ich habe mir eine minimalistische Philosophie angeeignet. In meinen neuen Kreationen verwende ich lediglich fünf verschiedene Moleküle.

Welche ist Ihre erste Dufterinnerung?
Eine sehr frühe Erinnerung ist der Duft des Irish Setters unserer Nachbarn als ich ein Kind war. Der Hund hiess Leo. Ich sass oft mit ihm zusammen und habe ihm Geschichten erzählt. Dabei roch ich sein warmes Fell. Eine weitere Dufterinnerung ist der Geruch von feuchten Innenhöfen in den mittelalterlichen Häusern in Kaiserstuhl, wo ich aufwuchs. Er mischte sich wegen lecker Rohre mit dem Parfum von Waschpulver.

Das erste Parfum, das Sie getragen haben?
Das dürfte «Cool Water» gewesen sein. Danach kam Kenzo und dann Joop. Eine furchtbar süsse «80-er-Jahre Beere». Verrückt. Aber ich finde diesen Joop-Duft immer noch gut. Ich habe lange nur normale Massenparfums getragen. Parfumhäuser wie Guerlain und Nischenmarken wie Comme des Garçons oder Knize habe ich erst später entdeckt.

Was riechen Sie am liebsten?
Natürliche Rohmaterialien wie Neroli, das im Wasserdampf destillierte ätherische Öl von Orangenblüten. Und den Duft von frisch gebrühtem Kaffee am Morgen.

Welchen Geruch können Sie nicht ausstehen?
Eklige Gerüche gibt es für mich eigentlich nicht. Aber feucht und modrig riechende Handtücher sind mir sehr unangenehm.


Eau de Parfum «N° 9 Orange Star», 50 ml, CHF 103

Woher nehmen Sie die Ideen für Ihre Parfumkreationen?
Neue Düfte entstehen zuerst in meinem Kopf. Eine häufige Inspirationsquelle ist auch ein spezieller Rohstoff. Zum Beispiel ein Lindenblütenextrakt, der von einem kleinen Familienbetrieb in Bulgarien hergestellt wird. Die Idee für einen Duft ist recht schnell gefunden. Die Umsetzung in ein Parfum dauert dann leider viel länger.

Beschreiben Sie den Duft, den man dringend erfinden müsste!
Es wäre der «Antiduft», der sämlichte Überparfümierung von Menschen und Dingen eliminiert. Ich spreche von «Blütenbomben» in Trams und Duftberieselung in Warenhäusern.

Welche Düfte mögen Sie besonders an Frauen und welche an Männern?
Bei Frauen habe ich ein Faible für Guerlains opulentes «L’Heure Bleue», am liebsten in einer Vintage-Version. Bei Männern gefallen mir moderne Klassiker wie «Cool Water» oder Avantgarde-Düfte von jungen Parfümeuren wie Olivier Durbano, den man hier leider fast nicht kennt.


Andy Tauer in seinem Kreativ-Labor in Zürich

Der bisherige Höhepunkt in Ihrer Parfümeur-Karriere?
Das war der Lancierungs-Event meiner Düfte in Kiew. Der ukrainische Importeur hatte ein Zelt für 100 Gäste aufgebaut. Es gab Tänze und orientalische Köstlichkeiten. Und ich musste Autogramme geben.

Der renommierte Parfumkritiker Luca Turin urteilt begeistert über Ihre Kreationen. Was bedeutet Ihnen dies?
Luca Turins Urteil und seine Begeisterung über meine ersten Düfte «Le Maroc pour Elle» und «Air du Désert Marocain» waren wie eine Adelung. Die höchste Auszeichnung von fünf Sternen, die mir Turin in seinem Buch «Perfums: The Guide» verliehen hat, haben mir Türen zu Geschäftspartnern weltweit geöffnet. Es tat aber auch einfach gut, ein Lob aus der Feder des bekanntesten Duftkritikers zu erhalten.

Welchen Titel trüge Ihre Autobiographie?
«Im Zickzack geradeaus.»

Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Flakons aus?
Meine Parfums sind von Hand gefertigte Kleinstserienprodukte. Die fünfeckigen Flakons sollen dies visuell kommunizieren. Sie werden semiautomatisch hergestellt, also ebenfalls mit viel Handarbeit. Und ich variiere die Farbe des Glases.


Eau de Parfum «Zeta», 50 ml, CHF 130

Was hat es mit Ihren «Pentacords» auf sich?
Das ist eine Linie von Düften, die ich sehr reduziert komponiere. Jeder Duft besteht aus lediglich fünf Einzelmolekülen. Diese Reduktion auf ein absolutes Minimum bringt eine andere, neue, sehr moderne Duftsprache mit sich. Für mich als Gestalter sind die «Pentacords» unglaublich spannend. Sie erlauben es mir zu zeigen, dass mit synthetischen Molekülen schöne Duftgemälde möglich sind.


Eau de Parfum «Penta Chord Verdant», 50 ml, CHF 125

Die grösste Freude, wenn Sie an einem neuen Duft arbeiten?
Wenn die Idee aufgeht, ist es eine wahre Pracht. Wenn eine Duftkonstruktion so spannend wird, wie ich sie angedacht habe. Der Normalfall ist aber anders. Und so sind es die kleinen Freuden, die zählen, wie die Rohstoffe riechen und mit ihnen in Zwiesprache treten.

Und der grösste Ärger?
Wenn ich am Schluss beim Mischen einen Fehler mache. Oder wenn ich nicht mehr sicher bin, ob ich in meinem Excel-File eine Änderung nachgetragen habe. Dann gibt es keine Alternative als die Mischung noch einmal zu machen.

Wer sind Ihre Vorbilder in der Parfumkreation und in der Duftbranche?
Ich bewundere Edmond Roudnitska sehr. Er war ein ganz grosser seiner Zunft und hat sehr viel unternommen, um die Parfümerie als Kunstform zu etablieren.


Eau de Parfum «N° 8 Une Rose Chyprée», 30 ml, CHF 118

Für wen würden Sie gerne einen Duft kreieren?
Für niemanden. Ich geniesse meine Freiheit, genau das zu komponieren, was ich für richtig finde. Ich erhalte häufig Anfragen von Einzelpersonen, einen eigenen Duft nur für sie zu gestalten. Bis jetzt konnte ich mich nicht für diese Idee begeistern.

www.tauerperfumes.com. Die Düfte von Andy Tauer gibt es auch bei Buchhandlung Medieval, Spiegelgasse 29, 8001 Zürich, www.lemaroc.ch.