28. Nov 2019

TEXT VON

Carla Reinhard

FOTOGRAFIEN VON

Mikael Schulz / Trunk Archive, Pret-a-beaute

Auf lange Sicht

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Die Utopie des ewigen Lebens ist so nah wie nie. Wie wir mit Slow Beauty den eigenen Körper hacken.

Wie werden Sie Ihren 976. Geburtstag feiern? Die Vorstellung vom bisher unvorstellbar langen Leben nimmt einem kurz die Luft. Daraus gegriffen ist sie nicht. Führende Wissenschaftler wie der Brite Aubrey de Grey forschen mit Hochdruck daran, dass zukünftig nicht mehr unsere Körper den Zeitpunkt des Todes bestimmen, sondern unser Wille. Der erste Mensch, der 1000-jährig wird, lebt bereits, sagt de Grey.

Er ist nicht der Einzige, der darauf hinarbeitet. Google ist mit seiner eigens auf Aging Research ausgelegten Tochterfirma Calico längst Teil des wachsenden Kuchens. Ohne eine Prise Transhumanismus ginge das nicht. Die Anhänger der philosophischen Bewegung sind überzeugt davon, dass unsere nächste Evolutionsstufe durch die Verschmelzung mit Technologie erreicht wird. Dazu gehören nicht nur Herzen aus dem 3-D-Drucker (den ersten Prototypen haben israelische Forscher im April dieses Jahres erstellt – ein grosser Durchbruch), sondern auch biotechnologische Fortschritte in der Gentechnik und der regenerativen Medizin. Willkommen im Alter der Selbstoptimierung auf Steroiden.

Wer über Selbstoptimierung und das Altern spricht, kommt nicht um die Beautyindustrie herum. Eine Industrie, die sich den Kampf gegen das Altern gross auf die Fahne geschrieben hat. Aber ist das denn überhaupt so schlecht? Aubrey de Grey hat dazu eine klare Meinung: Wieso nicht alle Möglichkeiten ausschöpfen, die wir heute haben? Die Zürcher Dermatologin Dr. Karoline Zepter pflichtet ihm bei. Sie hat mit ihrem Slow-Beauty-Konzept einen Plan entworfen, um das Altern zu verlangsamen, innen wie aussen. Wie das funktioniert? Wir hacken unseren ganz eigenen Computer – den Körper. Natürlich geht es um die altbekannten Pfeiler: Bewegung, Ernährung, Lebensstil. So weit, so langweilig – jeder weiss, dass er gesund essen muss, um möglichst lange gesund zu bleiben. Es ist die Präzision, die das Projekt Bodyhacking vom Einheitsbrei abhebt.

Welche Sportart lässt unsere Muskeln entzündungshemmende Botenstoffe aussenden? Welche Vitamine und Nährstoffe helfen dem Körper, Schäden zu reparieren, die uns altern lassen? Die Antworten gibt uns Dr. Zepter bei unserem Treffen in ihrer Praxis. Und weist auf etwas hin, das Bodyhacking in seinem Grundsatz zusammenfasst: Wir lassen den Körper selber arbeiten, indem wir mit unserem Wissen über den Alterungsprozess die richtigen Impulse geben. Das gilt auch für die Hautbehandlungen, die zu ihrem Plan gehören. Wer früh anfängt – idealerweise um die dreissig –, kann mit spezifischen Treatments die Haut dabei unterstützen, sich selber jung zu halten. Hacking complete.

Foto: Mikael Schulz / Trunk Archive

BOLERO Frau Zepter, wieso altern wir?

DR. KAROLINE ZEPTER Weil Entzündungsprozesse im Inneren und schädliche Einflüsse von aussen Fehler im ursprünglich reibungslosen Ablauf verursachen. In jeder Zelle befindet sich ein Kraftwerk, die Mitochondrie. Sie wandelt Nährstoffe in Energie um. Dabei entstehen freie Radikale. Sie zerstören Zellorganellen, Eiweisse und am Schluss sogar unsere DNA. Durch die kaputte DNA entstehen bei der Zellteilung immer mehr Fehler. Die Tochterzellen sind dadurch weniger effektiv in der Nährstoffauswertung und Sauerstoffproduktion.

Wie lässt sich dieser Prozess verlangsamen?
Indem wir auf unsere Stammzellen aufpassen, die uns immer wieder erneuern. Sie mögen Fastenperioden, Kälte, ketogene Ernährung und Krafttraining. Bei Letzterem werden Muskeln aufgebaut, die entzündungshemmende Botenstoffe, sogenannte Myokine, aussenden.

Können wir das Altern auch mit unserer Ernährung verlangsamen?

Ja, besonders mit genügend Protein. Eiweisse sind die Bausteine unseres Gewebes. Daneben sind genügend entzündungshemmendes Omega 3, Folsäure, Selen, Vitamin B12 und Zink wichtig. So geben Sie dem Körper alles, was er braucht, um Schäden von freien Radikalen zu reparieren.

Laut Bundesamt für Statistik wird jedes vierte 2017 geborene Mädchen hundert Jahre alt. Was bedeutet diese Entwick- lung für die Medizin?

Extrem viel. Wir werden mehr Eigenverantwortung übernehmen müssen, damit wir lange gesund bleiben. Die steigende Lebenserwartung rückt ausserdem die Menopause ins Zentrum. Sie findet inzwischen nicht mehr gegen Ende unseres Lebens statt, sondern eher in der Mitte. Der Riesenknick bei den Hormonen Östrogen und Progesteron lässt sich aber schon jetzt mit bioidentischen Hormonen abfedern. Auch Männer werden sich mit dem Thema Hormontherapie beschäftigen müssen, um lange fit zu bleiben.

Die Beautyindustrie klatscht sich ob der steigenden Lebenserwartung bestimmt schon in die Hände, oder?

Klar, denn wir werden nie aufhören, schön aussehen zu wollen.

Ihr Konzept: Slow Beauty. Was ist speziell daran?

Dass wir die Haut selbst arbeiten lassen und Treatmentpakete schnüren, statt auf Einzelbehandlungen zu setzen. Die Behandlungen werden so kombiniert, dass sie in verschiedenen Hautschichten die Regeneration aktivieren und die Abnahme von Hyaluron und Kollagen aufhalten.

Wie alt möchten Sie werden?

Mindestens 123-jährig, damit ich den aktuellen Rekord knacke (lacht).

DR. KAROLINE ZEPTER

Die Dermatologin und Venerologin ist Trainerin am Merz Institute of Advanced Aesthetics und Inhaberin von Pret-a-beaute in Zürich und Thalwil, pretabeaute.ch.