07. Apr 2020

TEXT VON

Leoni Hof

FOTOGRAFIEN VON

Lea Meienberg

Besser mit Helm

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Veronica Weisser ist Finanzexpertin und warnt vor Bequemlichkeit in Sachen Vorsorge.

Sollte ich mich wirklich trauen, wird sie meine Brautjungfer. Veronica Weisser ist eine der weiblichen Topshots der hiesigen Finanzszene und verantwortlich für den neu gegründeten Sektor «Retirement & Pension Solutions» der UBS. Natürlich fragt man so jemanden nach dem ultimativen Tipp für die Zukunft. Heiraten, meint sie, die schon unwillige Freundinnen unter die Haube brachte. Und das nicht, weil Weisser das besonders romantisch findet oder den traditionellen Rollenbildern etwas abgewinnen kann. Sie selbst habe sich demSystem geschlagen gegeben, nachdem sie es genau angeschaut habe. Weisser ist mit ihrer Jugendliebe verheiratet, die beiden haben zwei Buben und die wiederum zwei Nannys. Wir treffen uns zum Gespräch, da ist die Welt in Aufruhr wegen des Corona-Virus’. Die Aktienmärkte sind in Aufruhr, die Bevölkerung sowieso. Es gibt Regalreihen bei der Migros, da herrscht gähnende Leere. Pasta und Seife sind vielerorts aus. Weisser bleibt gelassen. Hysterie liegt ihr nicht. Die 40-Jährige streicht das blonde Haar hinters Ohr. «Oder ist es fürs Foto besser, wenn ich sie nach vorne nehme?» Sie lässt sich von derFotografin die Frisur richten. Vertraut darauf, dass jeder Experte auf seinemGebiet ist. Ihres ist das Schweizer Vorsorgesystem.

VERONICA WEISSER studierte Volkswirtschaft und Mathematik. Das Analytische liegt ihr.

BOLERO Es heisst, über Geld spricht man nicht. Sollten wir es öfter tun?

VERONICA WEISSER Mit mir spricht man fast nur über Geld. Über Geld oder Kinder, für beides habe ich eine grosse Passion. Beim Finanziellen sehe ich vieles, das schiefläuft. Einstein soll gesagt haben: «Der Zinseszins ist das achte Weltwunder.» Je früher man beginnt, sich um seine Vorsorge zu kümmern, desto besser.

Wie gut schlafen Sie, wenn Sie statt Schafe zu zählen, an Ihre Vorsorge denken?

Wahnsinnig gut, ich bin hyperoptimiert, was das angeht. Und eine ganz schlechte Konsumentin. Ich kann also viel zur Seite legen. Was ich schon im Studium machte, obwohl ich mir alles selbst finanzierte.

Wie wird man zum Sparfuchs?

Vielleicht hängt das damit zusammen, wie ich aufgewachsen bin. Ich wurde in Südafrika geboren. Wuchs auf in der Mittelklasse, zur Zeit der Apartheid. Ich war 13 als der Umschwung kam, alt genug, um zu verstehen. Meine Mutter hat mich geprägt, sie sagte immer: «Behandle die Menschen, wie du selbst behandelt werden möchtest.» Das war das einzige, was sie sich zu sagen traute. Über Politik wurde in Südafrika nicht gesprochen. Ich habe eine gute Freundin, eine schwarze Frau, die in jungen Jahren einem Mann verkauft, mehrfach vergewaltigt wurde, drei Kinder bekam. Der Mann kümmerte sich um nichts. Aber sie sagte: «Mir geht es gut, wenn ich einen Sack Maismehl habe. Dann habe ich genug Zeit, mir den nächsten zu erarbeiten. Ich habe Essen für meine Kinder.» Später in Europa sah ich extrem wohlhabende Leute, die überhaupt nicht glücklich sind. Das hat mir klargemacht, dass Glück nicht von dem abhängt, was man besitzt. Glück hängt davon ab, was man für Vorstellungen von seinem Leben hat. Was einem wichtig ist.

Was ist Reichtum für Sie?

In Südafrika war ich wohlhabend, aber in Europa merkte ich, dass ich das nicht bin. Mein Vater musste sich verschulden, damit ich eine Zahnspange bekommen konnte. Meine Definition von Reichtum: Du bist reich, wenn du weniger brauchst als du hast. Du kannst sehr viel Geld verdienen – wenn du trotzdem immer mehr brauchst, hängst du stets an diesem Tropf. Sobald du aber weniger brauchst, hast du Spielräume, emotionale Freiheit.

Haben Sie noch ein Sparkonto?

Ja, aber ich habe auch Anlagekonten.Beim traditionellen Sparbuch gibt es so gut wie keine Zinsen, die Inflation ist positiv, auf dem Sparbuch verliert man Jahr für Jahr Geld.

Wie spart man denn am besten?

Man sollte mit der Säule 3a beginnen, da hat man einen Steuervorteil und kommt an das Geld nicht ran. So kann man im grossen Stil in Aktien anlegen und nicht – das ist der häufigste Fehler beim Anlegen – Panik bekommen, wenn die Kurse zurückgehen und verkaufen. Wenn man ein Säule-3a-Konto eröffnet, spart man monatlich automatisiert, am besten den Maximalbetrag. Bis zum Alter von etwa 45 Jahren legt man 100% in Aktien an, danach mindestens 75% oder 50%. Vorher sollte man sich unbedingt einen Helm zulegen. Denn irgendwann, das verspreche ich, kommt ein Rückschlag auf den Aktienmärkten.

Und dann ziehe ich den Helm auf?

Richtig, die Kurse gehen 20, 30 vielleicht 40% runter, Sie ziehen den Helm auf, dann ratterts, schüttelts, knallts. Man behält den Helm auf – und irgendwann rüttelts weniger, es hört auf, man schaut sich um und sieht, die Aktienmärkte steigen wieder. Wenn man clever ist, kauft man nach, wenns rüttelt und schüttelt. Ein Rückschlag auf den Aktienmärkten ist dasBeste, was jungen Leuten passieren kann, dann haben sie die Chance, günstig einzusteigen. Etwa zehn Jahre bevor man das Geld auflöst, muss man auf Aktien verzichten. Man hat dann zu wenig Zeit, einen potenziellen Rückschlag gutzumachen.

Sie leiten den neugegründeten Sektor «Retirement & Pension Solutions». Welche Herausforderungen kommen nach der Berufstätigkeit auf uns zu?

Nehmen wir die zweite Säule, die für viele Schweizer die wichtigste ist. Da gehen die Umwandlungssätze massiv runter, was so sein muss, weil wir so lange leben. Stellen Sie sich eine Pizza vor, die Sie auf zwanzig Jahre und eine, die Sie auf dreissig verteilen. Bei Letzterer müssen die einzelnen Stücke schmaler werden. Genauso verhält es sich mit dem Kapital. Aber das bedeutet, dass man im Alter jedes Jahr weniger herausbekommt, wenn das Rentenalter bleibt, wie es jetzt ist.

Wir müssen also länger arbeiten?

Das Rentenalter liegt noch da, wo es 1948 lag, als die AHV gegründet wurde. Damals bezog ein durchschnittlicher Rentner 13 Jahre Rente. Die heutigen können aber erwarten, noch 24 Jahre Geld zu bekommen. Statt eines kleinen Teils unseres Lebens, verbringen wir ein Viertel davon im Rentenalter. Das kann nicht aufgehen. Ausser, wir nähmen einen tieferen Lebensstandard hin. Wohlstand wächst nicht auf Bäumen.

Es geht auch darum, wie wir in Zukunft leben werden?

Eine Person mit 65 gehört heute längst nicht zum alten Eisen. In der Schweiz haben wir in den nächsten zehn Jahren die Situation, dass 1,3 Millionen Personen von den heute 5 Millionen Erwerbstätigen das Rentenalter erreichen. Ungefähr ein Viertel der heute Erwerbstätigen ist in zehn Jahren nicht mehr am Arbeitsmarkt. Ein Viertel der erfahrensten Erwerbstätigen.

Potenzial, das wegfällt?

Und es kommen viel weniger Junge nach. Die Wirtschaft will wachsen, dafür braucht sie Arbeitskräfte. Wenn wir davon ausgehen, dass der Bedarf der vergangenen Jahre etwa gleich bleibt, entsteht eine Lücke von einer halben Millionen Fachkräften. Die Arbeitskräfte, die mit 65 häufig noch sehr fit sind und oft gern weitermachen würden, integriert bleiben wollen, die bräuchten wir in vielen Bereichen. Vielleicht nicht in Vollzeit, sondern mit mehr Flexibilität.

Sich im höheren Alter neu zu orientieren ist für viele ein ungewöhnlicher Gedanke.

Ich erlebte das bei meinen Eltern. Meine Mutter hat von 65 bis 72 als Pflegerin gearbeitet. Mein Vater war Botaniker, er arbeitete lange an einer Universität und verlor seinen Job mit Mitte 50. Das stürzte ihn in eine Lebenskrise. Dann fand er eine neue Aufgabe, begleitete botanische Reisen. Das waren die besten Jahre seines Lebens. In höherem Alter stehen Geld und Karriere vielleicht nicht mehr im Vordergrund, sondern die Selbstverwirklichung oder dass man etwas fürs Gemeinwohl tun möchte.

Du bist reich, wenn du weniger brauchst als du hast.

VERONICA WEISSER, Ökonomin und Vorsorgeexpertin


Gerade fühlt es sich an, als müsste alles in der Lebensmitte passieren: Mit Mitte dreissig muss man Karriere, Familie und Selbstverwirklichung geschafft haben.

Verschieben wir das auf später. Also ich habe noch viel vor. Heute ist die Altersvorsorge meine Passion, aber ich möchte unbedingt auch Reiseleiterin werden. Und Fitnesstrainerin. Aber erst mit 60. Für die 75-Jährigen, für die die Jungen zu schnell sind. Damit halte ich mich selbst fit.

Taten Sie je etwas Unvernünftiges?

Nein. Ausser vielleicht dass ich Kinder habe.

Was bringen Sie Ihren Söhnen in Sachen Finanzen bei?

Eis ist gerade ein grosses Thema. Sie müssen aber darauf sparen. Und wenn sie etwas Taschengeld kriegen, so ab 4 Jahren, dann nicht so viel, dass sie sich sofort etwas kaufen können. Wenn ich mit ihnen rausgehe, mache ich am liebsten was, wofür wir kein Geld ausgeben. Durch den Wald spazieren, am See spielen oder mit dem Velo fahren. Sie sollen nicht den Eindruck bekommen, man hat nur Freude, wenn man Geld ausgibt.

Ich erlebe oft, dass gut ausgebildete Frauen spätestens nach dem zweiten Kind daheim bleiben, weil der Mann genug verdient und das so möchte.

Eines der grössten Risiken für eineFrau ist, den falschen Mann zu finden. Generell und speziell für die Karriere. Wenn man noch keinen Partner und die Wahl hat: Schauen Sie, wie ordentlich der Mann ist. Wenn beide unordentlich sind, ists egal, aber wenn dieFrau immer mehr im Haushalt macht, hat sie keine Energie für anderes.

Was sind die Fehler, die Frauen sonst noch bei der Vorsorge machen?

Viele Systeme, die Medizin, die Infrastruktur sind auf Männerleben ausgerichtet, das ist in der Altersvorsorge genau so. Aber eigentlich sprechen wir an dieser Stelle nicht generell von Frauen, sondern von Müttern. Was für die wichtig ist: Bleiben Sie im Beruf oder kommen Sie schnell zurück. Ein 60%-Pensum oder weniger ist okay für eine Übergangszeit. Man kann nicht alles haben. Sollte aber ein Pensum von mindestens 80% anstreben. Der grosse Knackpunkt für Frauen heisst Koordinationsabzug. Die erste Säule versichert ab dem ersten Rappen, den man verdient. In der zweiten Säule sind die ersten – ich runde jetzt – 25.000 Franken nicht versichert. Für Frauen, die in Teilzeit arbeiten, ist das gravierend. Viele sind in der zweiten Säule gar nicht oder schlecht versichert. Und Mehrfachjobs werden in der Regel einzeln versichert. Ich empfehle: Fragen Sie Ihren Arbeitgeber, ob er Mehrfachjobs anrechnet als wäre es eine Stelle. Oder bitten Sie um einen anteiligen Koordinationsabzug statt der 25.000 Franken. Überlegen Sie sich ausserdem: Was muss ich tun, um in späteren Jahren eine vernünftige Chance auf dem Arbeitsmarkt zu haben? Sparen Sie, bevor Sie Geld ausgeben. Wie bei der Miete. Überlegen Sie sich ab 50, was Sie die nächsten 20 Jahre tun wollen. Behalten Sie sich die Flexibilität im Kopf, etwas ganz anderes zumachen. Das Rentenbezugsalter hinauszuzögern ist für Frauen eine gute Möglichkeit, die Rentenhöhe anzuheben.

Mit was starte ich sofort, wenn ich erst jetzt mit der Vorsorge beginne?

In der Schweiz ist man als unverheiratete Frau mit Kindern schlecht positioniert. Wenn Sie heiraten, haben Sie zumindest einen Anspruch auf den Anteil, den Ihr Partner in die Pensionskasse einzahlt. Tun Sie sich einen Gefallen: Wenn Sie gleich nach Hause gehen, machen Sie Ihrem Partner einen Antrag!

Wir trafen Veronica Weisser in der Bar Basso in Zürich.

«PIZZA IST WIE KAPITAL je länger davon gezehrt wird, desto schmaler werden die Stücke.»