02. Jun 2018

TEXT VON

Leoni Hof

Bolero trifft Valérie Knoll

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Die Direktorin der Kunsthalle Bern hat keine Angst vor langen Schatten.

Sie ist die Nummer dreizehn und zugleich die Nummer eins. Die erste Frau in hundert­ Jahren, die der Kunsthalle Bern vorsteht. Wurde Zeit, findet nicht nur sie. Valérie­ Knoll ist seit 2015 die Direktorin des Kunsttempels. Draussen empfangen den Besucher Säulen, drinnen wähnt man sich in einer grossbürgerlichen Wohnung mit Parkett und Heizkörpern. Dieser Ort atmet Geschichte. Radikale Ausstellungen fanden hier statt, die so manchen Bürger in Rage und Bern auf die Weltkarte der Kunstgeschichte brachten. Das war in den Sechzigerjahren, als Harald Szeemann Kurator war und das propere Bern aufmischte. Man kippte ihm Wagenladungen Mist vors Haus. Er avancierte zum Mass seiner Profession.

Ausstellungsansicht aus «Die Zelle», 2018.

An diesem Morgen ist der Frühling auf Stippvisite an der Aare, die Sonne bescheint  diesen Ort der langen Schatten. Vor denen die 39-jährige Knoll nicht zurückschreckt. Sich mit ihren Vorgängern zu vergleichen fällt ihr nicht ein, vom Bessermachen will sie nichts hören. Sie sagt: «Jede Zeit hat ihren­ Stil. Und die Zeiten waren damals andere. Gerade jetzt eröffnen sich am Anfang einer neuen Epoche ungeahnte Möglichkeiten, welche die Erfindung veränderter Strategien erfordern.» An Knoll ist so gar kein Schnickschnack. Nicht an dem, was sie sagt, nicht an dem, was sie trägt. Am auffälligsten sind die Schuhe aus schwarz-weissem Lack. Beim Nachdenken drückt sie die Zunge gegen die Schneidezähne. Einen Schweizer Akzent hört man nicht. Die gebürtige Baslerin lebte fünf Jahre in Hamburg. Noch heute fliegt sie ein Mal im Monat nach Deutschland. Der Liebe wegen. Mehr will sie dazu nicht sagen. Knoll ist viel unterwegs, schätzt das Zurückkommen. Und doch: «Ich mag Grossstädte. Hier fehlt mir manchmal das Anonyme, das Schmutzige.» Vor ihrer Station in Bern kuratiert sie Ausstellungen in Galerien und schreibt für das New Yorker Kunstmagazin «Artforum International». Sie aber will näher ran, näher an den Künstler, näher ans Werk. 2010 übernimmt sie die Leitung des Kunstvereins Lüneburg und wird Co-Leiterin der dortigen Halle für Kunst. «Lüneburg ist halb so gross wie Bern. Es gibt wenig­ finanzielle Mittel und keiner interessiert sich für zeitgenössische Kunst. Das Karge war eine gute Schule.» Trotzdem sei es ihnen gelungen, von der Peripherie aus erfolgreich um internatio­nale Aufmerksamkeit zu buhlen. Knoll weiss, was sie kann.

«Alles immer richtig zu machen, langweilt mich.»
Valérie Knoll, Direktorin Kunsthalle Bern

Als Direktorin der Kunsthalle Bern hat sie ebenfalls kein einfaches Erbe übernommen. Ihre Vorgänger standen mal weniger, mal mehr in der Kritik. Knoll nimmt einen Schluck Kaffee. Das habe ja durchaus etwas Positives. «Wenn alles gut, freundlich und lieb ist, ist es langweilig. Kunst darf nerven und manchmal auch etwas wehtun. Es sollen gar nicht immer alle aus einer Ausstellung kommen und sagen: ‹Ach das war aber wieder interessant.› Alles immer richtig zu machen, langweilt mich.» Knoll macht ein internationales Programm, zeigt viele jüngere Künstler. Sie setzt auf Veranstaltungen, auf Vorträge, Filmvorführungen, Gespräche. Es gehe bei ihrem Job ja auch darum, neues Publikum zu gewinnen, neben dem, das schon seit Jahrzehnten kommt. «Viele Leute haben einen engen Bezug zum Haus. Da gibt es eine Geschichte, eine Erinnerung. Das ist wichtig, mit zu viel Erinnerung kommt man aber nicht in die Zukunft.» Unter Druck setzt sie die Historie der Kunststätte nicht: «Szeemann war eine Ausnahmefigur. Die gibt es nur ein Mal pro Jahrhundert. Gesellschaftlich befinden wir uns derzeit mitten in einer grundlegenden Umwälzung. Sie zeigt sich anders als Ende der Sechzigerjahre. Auch tasten wir uns eher an diese neue Welt heran und staunen, als dass wir behaupten zu wissen, wie es zukünftig zu sein hat. Mir kommt es entgegen, im Jetzt zu leben.»

Und doch, die im Juni eröffnenden Jubiläumsausstellungen drehen sich um den berühmt-berüchtigten Kurator Szeemann. Die Kunsthalle zeigt Archivmaterial, Kunstwerke, Filmaufnahmen. Der andere Teil der Schau rekonstruiert eine wenig bekannte Ausstellung, die Szeemann seinem Grossvater widmete. Die Schau verbindet Privatgeschichte und Zeitgeschehen und wird in der Wohnung gezeigt, in der sie schon 1974 stattfand. Sie liegt über dem Restaurant Café du Commerce, in das auch Knoll immer geht. Hier speisten schon ihre Vorgänger gern. Manches bleibt dann eben doch beim Alten.