19. Dec 2019

TEXT VON

Leoni Hof

Den Kopf verlieren

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Begehren, Grausamkeit und grosser Applaus: Am Luzerner Theater feierte «Salome» Premiere.

Diese Inszenierung solle man sich öfter ansehen, sagte Regisseur Herbert Fritsch schon vorab – und tatsächlich weiss man nach diesem Premierenabend am Luzerner Theater, dass man wiederkommen wird. Um sich noch einmal von «Salome» erschüttern zu lassen. Und um endlich Heather Engebretson singen zu hören. Die 29-jährige Amerikanerin gibt in Luzern ihr Rollendebüt als Salome. Ihren Einstand konnte sie krankheitsbedingt nur schauspielernd feiern, gesanglich wurde sie von Sera Gösch vertreten.

«Salome» erzählt von einer kaputten Familie, in die ebenjene hineingewachsen ist. Die Schöne wird von Hauptmann Narraboth (Robert Maszl) ebenso vergöttert wie von ihrem Stiefvater Herodes, den Hubert Wild als trotteligen Tetrarchen gibt und so zumindest für den ein oder anderen aufatmenden Lacher sorgt, wo sonst die Luft angehalten wird.

Herodes hält den Propheten Jochanaan (Jason Cox) gefangen, über weite Strecken bleibt der ein Kopf, der aus dem Boden lugt. Und der mit grosser Stimme die moralische Verkommenheit der Menschen im Allgemeinen und der von Salomes Mutter Herodias im Speziellen herausdonnert. Die schrill schreckliche Herodias (Solenn`Lavanant-Linke) derweil benutzt die Tochter für ihre eigenen Zwecke, statt sie zu beschützen.

Kostümdesignerin Victoria Behr steckt Salome denn auch ins pinke Kinderkleidchen, das diese erst lernt, verführerisch zu bauschen und zu lupfen. Wenn das Töchterchen trotzig die Unterlippe vorschiebt, verzweifelt mit den Tränen ringt oder wie eine Raubkatze über den Boden schleicht, zeigt sich die Bandbreite dieser Figur. Die Engebretson ausfüllt. Diese Kindfrau rührt an und schreckt, weckt Verständnis und erregt Ekel. Salomes Tanz bringt den Tod. Der lüsterne Herodes gewährt ihr dafür nämlich einen Wunsch. (An dieser Stelle sei nur so viel verraten, dass der «Tanz der sieben Schleier» – bei dem in Luzern glücklicherweise kein einziger fällt – tatsächlich zum gänzlich unschwülstigen Höhepunkt der Inszenierung gerät.) Danach weiss Salome genau, was sie will. Nicht die Reichtümer des Stiefvaters, den Kopf des geliebthassten Propheten Jochanaan will sie. Seinen Mund küssen. Egal, ob da nun noch ein Körper dranhängt oder nicht. In einer Silberschüssel wird er ihr serviert. Ein tragischer Triumph, auf den hin Herodes den Befehl gibt, auch Salome zu töten.

Lauter «perverse Leute» sehe man in diesem Stück, sagte der deutsche Komponist Richard Strauss (*1864-1949) über das Musikdrama, eines seiner Schlüsselwerke. 1905 uraufgeführt, seitdem kontrovers diskutiert und oft nach Protesten abgesetzt, hat der Stoff nichts von seinem Schauder verloren. Die Musik zieht einen ohne Vorwarnung rein ins nicht mehr allzu Menschliche. Stilistisch divers führt Musikdirektor Clemens Heil das Luzerner Sinfonieorchester vom leichten Operetten-Walzer zu choralhafter Nachdrücklichkeit, zu Tönen, die übereinander liegen wie wütend ineinander verkeilte Liebende. Man hört das Extreme der Gefühle, das hier verhandelt wird. Das Orchester erzählt die Geschichte ebenso wie die verschiedenen Singstimmen. Als Grundlage diente Strauss die gleichnamige Tragödie von Oscar Wilde (*1854-1900). Wildes «Salome» riecht nach Myrrhe, Rosen und Granatäpfeln, immer wieder wird auf den Mond verwiesen. In Luzern hängt er schwer am Himmel. Das Bühnenbild stammt vom Regisseur und deutet mehr an als aus. Nichts ist hier klar und erst recht nicht auf eine Moral beschränkt. Auf spiegelglattem Boden stehen zwei goldene Throne, wie Knochen oder Blütenstempel, wie Phalli, wie Aliens. Perfekt glänzende Kunstmarktfetische. Und dann dieser Kopf. Sonst nichts. «Es ist immer gut am Theater, wenn es auf der Bühne keinen Ort gibt, wo man sich verstecken kann. Da seh` ich am meisten», sagt Fritsch.

Am Premierenabend in Luzern dauerte der Applaus am Schluss denn auch fast so lang, wie man fürs Glas Champagner danach hat. Was nicht nur der durchinszenierten Applausordnung des Regisseurs geschuldet ist, die jeweils ein kleines Kunststück für sich ist. Diese «Salome» ist brutal, pervers und doch anrührend. Sie handelt von Gefühlen, die zum Rausch ausarten. Von kopflosen Propheten und gefährlichen Gelüsten. Und das ist selbst für die bewegend, die sonst so gar nichts mit Oper anfangen können. Also hin, anschauen und sich durchrütteln lassen. Gerade nach ein paar allzu besinnlichen Feiertagen. Bis April ist «Salome» am Luzerner Theater zu sehen.