02. Apr 2018

TEXT VON

Nina Rinderknecht

FOTOGRAFIEN VON

Lookbook © Sharna Osborne

Die (R)evolution

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Johnny Coca führt das englische Traditionshaus Mulberry mit innovativen Ideen und viel Britishness zurück auf die internationale Modebühne.

Die Sonne strahlt vom blassblauen Winterhimmel, im eleganten achten Arrondissement erwacht der Tag. An der Hauswand hängt ein dezentes Messingschild, das einzige Zeichen, dass sich hinter der grossen Doppeltür der Pariser Showroom des britischen Mode­labels Mulberry befindet. Ein hoher Raum mit Stuckdecken und boden­tiefen Fenstern. In Frankreich wartet man nicht bis zum Nachmittag auf die Teatime. Auf einem Tisch sind bereits Scones und Finger-Sandwiches arrangiert, Tee wird in zart bemaltem Porzel­lan serviert. Stilecht wie in England. Dabei kommt der Creative Director des Traditionshauses aus Spanien. Johnny Coca trägt tiefschwarzes, perfekt gestyl­tes Haar und einen feuerroten Anzug mit knielangen Shorts, die an einen Kilt erinnern, dazu schwarze Springerstiefel.

Coca, ursprünglich aus Sevilla, studierte Architektur und Design in Paris. Bei den Megabrands Louis Vuitton und Céline war er mehr als zehn Jahre lang für die Accessoires zuständig, mit dem Entwurf der legendären Trapèze-Tasche landete er einen Riesenerfolg. Ursprünglich 1971 als Ledermanufaktur gegründet, hat sich Mulberry auch als ­Fashionlabel etabliert, das jedoch im Laufe der Jahre etwas Patina ansetzte. Coca bringt frischen Wind in das urbritische Label. Ab dieser Saison werden die Kollektionen direkt nach den Modeschauen zu kaufen sein. Auch Cocas Kreationen schlagen einen neuen Weg ein.

BoleroSie kommen ursprünglich aus dem Accessoiresbereich. Wie stark
unterscheidet
sich Ihre Arbeit für die Ready-to-wear?

Johnny Coca Für die Kleidung arbeite ich an der Büste, also in 3D. Der menschliche Körper ist meine Basis, ich drapiere alles darum herum. Es gibt so viel zu beachten, so vieles muss passen. Bei den ­Accessoires ist das anders, sie ähneln der Architektur. Eine Handtasche ist wie ein kleines Gebäude. Man muss etwas entwerfen, das sich von allem bereits Gesehenen abhebt. Alles andere wäre sinnlos.

Bleiben Sie beim Designen immer strikt bei Ihrer Vision oder versuchen Sie, neue Wege einzuschlagen?

Ich finde es essenziell, auch andere Richtungen einzuschlagen. Daraus entstehen innovative Silhouetten, andere Proportionen, neue Materialien. Es ist mein Anspruch, jede Kollektion ganz anders zu machen als die letzte. Das Einzige, was ich immer beibehalte, sind die DNA und die Wurzeln der Marke.

Wie sieht der Arbeitsprozess aus?

Ich starte immer mit Moodboards und der Farbpalette. Die Kleider und die Accessoires müssen nicht exakt derselben Welt entspringen, sie besitzen beide ihre eigene Identität. Ich habe die ganze Kollektion immer schon im Kopf, bevor ich mit dem Skizzieren beginne.

Was war Ihr Konzept für die Frühling/Sommer-Kollektion?

Meine Idee war es, etwas sehr Leichtes, sehr Spielerisches zu entwerfen. Ich war mit Freunden ausserhalb von London auf dem Land und wir haben uns über Porzellan unterhalten. Da kam mir die Vision junger Frauen, die auf einer typisch britischen Gartenparty sind. Sie tragen riesige Hüte, grossen Schmuck, Rüschenkleider – fast wie Kinder, die Verkleiden spielen. Die Schuhe haben Absätze, welche wie Porzellantassen aussehen. Die Kleider sind kultiviert, chic und gleichzeitig humorvoll und auch einen Tick nostalgisch.

Die Kollektion ist very british. Was ist das typische Johnny-Element darin?

Farbtechnisch entspricht es mir voll. Looks in nur einer Farbe mache ich nicht. Schwarz und Grau – das bin nicht ich. Das ist das Spanische in mir. Ich liebe Farben, sie bringen Freude ins Leben.

Ist das reiche Erbe Mulberrys ein Fluch oder ein Segen?

Es gab so viel Gutes, um darauf aufzubauen. Etwas aufräumen musste ich aber schon. Ich habe das Beste herausgefiltert und versuche nun, diese britische Coolness internationaler zu machen. Die Engländer lieben Mulberry und auf diese enge Beziehung muss ich Rücksicht nehmen.

Wie sieht Ihr Arbeitsplatz aus?

Es ist alles weiss, sehr hell. Farben würden mich hier nur verwirren. Ich arbeite gerne am Boden. Wenn ich mit meinem Team zusammensitze, machen wir das auf dem Sofa oder in der Küche. Ich gehe sehr entspannt mit meinen Leuten um. Jeder muss seinen Job geniessen, nur so bringt man das Beste aus jedem Einzelnen heraus.

 

«Die DNA der Marke muss
immer spürbar bleiben.»

Johnny Coca, Modedesigner