28. Jul 2020

TEXT VON

Leoni Hof

FOTOGRAFIEN VON

Edu Lauton auf Unsplash.

Ein Buch verändert die Welt

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Es ist an der Zeit, unsere Welt neu zu gestalten. In seinem aktuellen Buch schreibt der Schweizer Humanist Remo Largo, wie das gehen kann. 

Kriegt man ein Kind, kommt man nicht um Remo Largo herum. Irgendjemand wird einem mit Sicherheit sein Buch «Babyjahre» ans Herz oder auf den Babyshower-Gabentisch legen. Es gilt als Klassiker der Erziehungsratgeber, der Schweizer Largo ist eine Koryphäe in Sachen Humanismus. Sein neues Buch ist ein eindringliches Plädoyer für ein neues Menschenbild.

Wir befinden uns an einem Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit, vielleicht sogar des Planeten.»

Remo Largo in
«Zusammen leben»

Eine Vision für eine Gesellschaft, in der sich alle Menschen frei entfalten können, brauchen wir gerade dringend. Weltweit kommt es zu gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Umbrüchen, wir schlittern einer Klimakatastrophe entgegen, und Covid-19 hat wie unter einem Vergrösserungsglas die Probleme dieser Welt offenbart.

Largo ist überzeugt, dass Hass, Unzufriedenheit, Ausgrenzung und Leid ein Ende finden, wenn wir eine Gesellschaft schaffen, in der die Grundbedürfnisse jedes Einzelnen erfüllt werden. In der jeder das für ihn passende Leben führen kann. Nur eine schöne Utopie? Largos Denkansätze fussen durchaus in der Realität. Es geht um Grundeinkommen, eine reformierte Demokratie und den achtsamen Umgang mit der Natur.

Fotografie von Shane Rounce auf Unsplash.
Ein erfülltes Leben ist nur gemeinsam und in Einklang mit der Natur möglich. Fotografie von Shane Rounce auf Unsplash.

Denkanstösse von Remo Largo, über die wir jetzt sinnieren


Was macht uns glücklich?

Largo schreibt im Buch, dass unser Wohlbefinden davon abhängt, wie gut wir unsere Grundbedürfnisse befriedigen können. Was ist uns wirklich wichtig, was macht uns glücklich? Existenzielle Sicherheit und Besitz von materiellen Gütern ist dabei nur eines von sechs Bedürfnissen. Geborgenheit, soziale Anerkennung oder dass wir uns körperlich wohlfühlen sind weitere. Jeder Mensch hat sein eigenes Profil an Grundbedürfnissen. Überdenken wir noch mal unsere.

Anders arbeiten

Wir fühlen uns wohl, wenn wir unsere individuellen Kompetenzen entfalten und nutzen können. In der Dienstleistungsgesellschaft, in der wir leben, hat jedoch die Vielfalt an Tätigkeiten stark abgenommen. Besonders die handwerklichen. Immer mehr Menschen müssen fremdbestimmt Leistungen erbringen, die sie nicht befriedigen. Wie muss sich die Arbeit verändern, damit sie nicht nur ein Auskommen, sondern auch ein Stück weit Erfüllung bietet?

Alt und jung

Wir sind auf ein Zusammenleben mit vertrauten Mitmenschen angewiesen. Die Corona-Pandemie hat das noch mal eindrücklich gezeigt. Der Mensch ist aus evolutionärer Sicht für ein Leben in der Gemeinschaft, nicht für eine Massengesellschaft geschaffen. Wie können wir in Zukunft Individualität leben und trotzdem einer Gemeinschaft angehören? Was hat das für Auswirkungen auf die Architektur? Welche Formen des Zusammenlebens kommen unseren Bedürfnissen entgegen? Und wie kann der Staat diese fördern? Stichwort günstige Hypotheken für Wohngenossenschaften. Die Gesellschaft kann so dem Staat Aufgaben abnehmen, die er selbst nicht lösen kann. Kinder und alte Menschen können in Lebensgemeinschaften etwa umfassender betreut werden als in staatlichen Einrichtungen.

Fotografie von Rod Long auf Unsplash.
Fotografie von Rod Long auf Unsplash.

Du bist, wie du isst

Es hat eine zunehmende Verarmung unserer Esskultur stattgefunden, die sich auch nachteilig auf unser Beziehungs- und Kommunikationsverhalten auswirkt. Essen auch Sie vorm Computer? Laden Sie doch mal wieder die Arbeitskollegin zum gemeinsamen Lunch ein. Oder zelebrieren Sie das Abendessen mit der Familie.

Die liebe Lust

Geht es in Anbetracht des beliebig gross gewordenen Angebots an Lustbefriedigung und der Flut von Pornographie in den Medien nur noch um Lusterfahrung und Triebabfuhr? Wo bleibt die Liebe? Eine nostalgische Frage? Oder eine naive in Zeiten steigender Scheidungszahlen? Largo weist in «Zusammen leben» darauf hin, dass ein wesentliches Element für eine dauerhafte und tragfähige Beziehung ihre Einbindung in eine Lebensgemeinschaft sei. Dass Partnerschaft, Ehe und Familie nie ein sich selbst genügendes soziales Eiland waren, sondern immer in eine Lebensgemeinschaft eingebettet.

Fotografie von Ian Dooley auf Unsplash.
Fotografie von Ian Dooley auf Unsplash.

Es werde Licht

Künstliches Licht in Büros, durch PC oder Smartphones stören unseren Biorhythmus. Was zu Leistungsabfall, Schlafmangel und depressiven Verstimmungen führen kann. Chronischer Schlafmangel ist mittlerweile eine Volkskrankheit und verursacht in der Volkswirtschaft Milliardenschäden. Wie wäre es, statt Power-Naps in die Agenda einzubauen, wieder auf eine gepflegte Schlafroutine zu achten? Für den Schlafbedarf gibt es keine allgemein gültige Regel. Er variiert bei Erwachsenen zwischen vier und neun Stunden.

Bild von Quentin Touvard auf Unsplash.
Fotografie von Quentin Touvard auf Unsplash.

Soziale Medien

Largo schreibt, dass in unserer Gesellschaft das Buhlen um Aufmerksamkeit neurotische Ausmasse annehme. Dass verzweifelt versucht werde, mit Kleidung, Kosmetik und Statussymbolen auf sich aufmerksam zu machen. Die Lösung? Je besser Menschen sich kennenlernen, gegenseitig wertschätzen und unterstützen, desto weniger spielen Äusserlichkeiten und die sozialen Medien eine Rolle. Der Humanist plädiert in seinem Buch dazu, zu zeitgemässen Lebensformen zurückzufinden, die dies wieder möglich machen.


Cover Remo Largo, «Zusammen leben», S. Fischer

Remo H. Largos neues Buch «Zusammen leben. Das Fit-Prinzip für Gemeinschaft, Gesellschaft und Natur» ist gerade bei S. Fischer erschienen.