03. Mar 2018

TEXT VON

Laura Catrina

Ein Fall für Zwei

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Mit Kleidern, die wirken wie aus vergangenen Zeiten, sind Giorgia Tordini und Gilda Ambrosio mit ihrem Label Attico im Nu zu Lieblingen der Branche geworden.

Sie haben diesen nostalgischen Charme, den sonst nur Fundstücke aus einem sorgfältig kuratierten Vintageladen besitzen: Exotisch bestickte Wickelroben, eklektisch gemusterte Satinkleider und Blusen mit Couture-Charakter strahlen bei Attico eine stilvolle Erotik aus.

Hinter dem verführerischen Konzept stehen die Italienerinnen Giorgia Tordini, 33, und Gilda Ambrosio, 26. Bekannt wurden die Modedesignerinnen durch ihren eigenen Kleiderstil. Den fingen Streetstyle-Fotografen während der Fashion Weeks ein und verhalfen den beiden so zu einer gros­sen Gefolgschaft auf Instagram – aktuell sind es 140 000 respektive 272 000 Follower.­ Als Tordini und Ambrosio vor zwei Jahren ankündigten, ihr eigenes Label zu lancieren – selbstverständlich via Social Media –, war ihnen die Aufmerksamkeit der Szene bereits sicher.

Attico (italienisch für Penthouse) vereint die zwei unterschiedlichen Stile der Freundinnen perfekt. Tordini steht auf Elegantes in zurückhaltenden Farbtönen, ­Ambrosio liebt den bunten Mix mit Streetwear. Die beiden Welten kombinieren sie mit Einflüssen fernöstlicher Kulturen und verleihen ihren Designs so das gewisse Etwas. Dass die zwei Gründerinnen ihre Entwürfe selbst so oft es geht zur Schau tragen – gekonnt gestylt und kombiniert mit anderen angesagten Labels –, heizt den Hype um Attico nur weiter an.

Der rasante Aufstieg der jungen Marke ist ein Paradebeispiel für ein Phänomen, das sich in den vergangenen Jahren dank Instagram und Co. entwickelt hat. Social-Media-Kanäle können jungen Labels eine mächtige Marketingplattform bieten. Schon die erste Kollektion wurde von namhaften Boutiquen eingekauft. Vergangenes Jahr gehörte die Marke zu den bestverkauften Brands bei Online-Händlern wie Net-A-­Porter oder Moda Operandi, nahe hinter gestandenen Big Playern wie Gucci oder Balenciaga.

Neben der Ready-to-wear entwerfen Tordini und Ambrosio auch Schuhe und Taschen. Ihr Universum wollen sie in Zukunft auf andere Lifestylebereiche ausweiten. Der Erfolg scheint den Jungunternehmerinnen sicher.

Bolero: Wie ist die Idee entstanden, eine eigene Ready-to-wear-Marke zu gründen?

Tordini/Ambrosio: Es ist alles sehr schnell passiert. Im September 2015 waren wir in New York zwischen den Modeschauen der Fashion Week in einem­ Taxi unterwegs und haben festgestellt, dass wir uns nach etwas Neuem sehnen; etwas, das uns wirklich begeistert. Dann war es plötzlich still, wir haben uns fragend angesehen: «Denkst du, was ich denke?» Wir haben an Ort und Stelle entschieden, unser eigenes Label zu kreieren. Sechs Monate später launchten wir Attico.

Inwiefern hat Social Media dazu beigetragen, das Label im Markt zu etablieren?

Es hat am Anfang natürlich sehr geholfen. Durch Instagram konnten wir all unsere Follower wissen lassen, dass wir bald eine Marke lancieren. Es war sehr überraschend – oder, ehrlich gesagt, ziemlich schockierend –, als wir unmittelbar so grosses Interesse von den Einkäufern und der Presse erhalten haben. Uns ist es gelungen, Neugierde zu wecken. Nach nun zwei Jahren hoffen wir, dass Frauen von jetzt an Attico kaufen, weil sie unser Design schätzen und unsere Kleider tragen wollen.


 Bolero: Wen würden Sie Ihre Kleider gerne tragen sehen?

Diane Kruger, Maggie Gyllenhaal, Kirsten Dunst, Dree Hemingway, Lou Doillon …

Was ist die grösste Herausforderung beim Aufbau eines Labels?

Wir stehen jeden Tag vor neuen. Wir machen Fehler und lernen dazu. Multitasking allein ist eine Herausforderung. Wir kümmern uns um zahlreiche Aspekte der Marke und manchmal ist das sehr viel.

Die wichtigste Eigenschaft für junge Modeunternehmer?

Mut zum Risiko. Wenn du überzeugt­ bist von deiner Idee: Go for it! Glaube an deine Vision und sei getrieben.

Erzählen Sie etwas über die aktuelle Kollektion!

Für diesen Frühling/Sommer rückt ­Attico in eine Retro-Fantasywelt. Wir haben uns zwei Frauen in einem zeitlosen Raum vorgestellt; zwei Generationen, die zusammenleben, interagieren und Spass haben. Wir waren inspiriert von dem Dokumentarfilm «Grey Gardens» aus dem Jahr 1975. Die Kollektion ist exzentrisch, dekadent, luxuriös.

Welches Stück ist ein absolutes Must-have?

Alles, was mit Pailletten besetzt ist. Damit nagelt man jeden Partylook.

Ihre Kleider sind wie gemacht für eine «Girls’ Night Out» – verraten Sie uns Ihre Lieblingsorte für einen Cocktail?

In New York auf ein Glas Champagner ins «The Pool». In Paris auf einen Dirty Martini ins Hotel Costes. In Mailand auf eine Passionsfrucht-Margarita ins «Armani Nobu».­


 

Mit Ihrem Label haben Sie massgeblich dazu beigetragen, italienische Mode wieder auf den internationalen Radar zu setzen. Wie hat sich die Mailänder Modeszene in den letzten Jahren verändert?

Mailand hat sich weiterentwickelt und wir denken, dass die internationale Szene das spürt und anerkennt. Früher wurde die Stadt stets vernachlässigt. Endlich bewegt sich etwas und wir erleben eine Renaissance; von der Mode übers Essen bis zu Kunst und Kultur. Endlich bekommt Mailand das Interesse und die Anerkennung, die es verdient.

Gibt es einen verbindenden Geist unter der neuen Generation italienischer Kreativer?

Definitiv. Es gibt eine Menge aufstrebender Marken in Mailand und wir unterstützen uns gegenseitig. Die Auferstehung Mailands als bedeutsame Modestadt liegt nicht zuletzt in unseren Händen.

Giorgia, Sie leben in New York. Worin unterscheiden sich Amerikanerinnen am meisten von Italienerinnen?

Der grösste Unterschied ist das Tempo, mit dem sich jeder bewegt. Ich mag, wie schnell in New York Dinge passieren und sich verändern. Ich fühle mich hier viel erfüllter und energiegeladener. Weniger mag ich, dass zum Beispiel Freundschaften schwieriger aufzubauen sind. Die Leute haben eine Art Schutzwall um sich, weil die Stadt ein wahrer Dschungel sein kann.

Angesichts der Tatsache, dass Sie oft weit voneinander weg sind: Wie schaffen Sie es, als Team zu arbeiten?

Wir kümmern uns beide um alles und treffen Entscheidungen gemeinsam. Es klingt schwierig, aber wir sind gut organisiert. Wir kommunizieren jeden Tag über Whatsapp, Skype oder das Telefon. So geht uns nichts durch die Lappen und wir haben alles im Griff.


 

Gilda Ambrosio und Giorgia Tordini. Gilda Ambrosio und Giorgia Tordini.