05. Jan 2020

TEXT VON

Priska Amstutz

FOTOGRAFIEN VON

Rebecca Goddard

Eine frische Brise

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Kleine, coole Schwester Malmö ganz gross.

Malmö zu besuchen war ein Beziehungs­delikt. Beim ersten Mal zumindest. Als mir meine schwedische Freundin Helena nach zwanzig Jahren in der Schweiz eröffnete, dass sie mit ihrer Familie in ihr Heimat­land zurückkehre, zählte als Erstes nur, dass ihr neues Zuhause ganz nahe am Ko­penhagener Flughafen liegen würde. Die schnelle Erreichbarkeit der Gegend um Malmö seit der Inbetriebnahme der Öre­sundbrücke im Jahr 2000 ist nicht nur für die transnationale Pflege von Freundschaf­ten hilfreich, sie hat auch die wirtschaft­liche Bedeutung der südschwedischen Region massiv gesteigert. Einem Bezie­hungsaspekt zwischen dem grossen Kopen­hagen und dem kleinen Malmö widmet sich auch die populäre TV­Serie «Die Brücke» (dänisch: broen, schwedisch: bron), in der Ermittler aus beiden Städten komplexe Kri­minalfälle lösen, die die ganze Region be­treffen. Die Wohnungen und andere Schau­plätze der Serie dienen oft gleichzeitig als eine Einführung in den skandinavischen Einrichtungsstil.


«Wie nutzlos, durch dieses Leben zu wandern, wär’s nicht die Brücke zu einem andern.»

Friedrich von Bodenstedt, deutscher Schriftsteller (1819 – 1892)


Meist finden unsere Besuche im Som­mer statt, an diesen endlosen Tagen, ge­prägt von dem einzigartigen nordischen Licht, während wir Ferien an der dänischen Küste nördlich von Kopenhagen verbrin­gen. In Helsingør legt die Fähre ab, zwan­zig Minuten später erreicht sie das schwedische Helsingborg. Auf Spaziergängen durch Malmös Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern um den Platz Lilla Torg, durch die Pärke Kungs- und Slottsparken und durch das neue Hafenquartier mit dem «Turning Torso» genannten Hochhaus von Calatrava erzählt uns Helena von der Renaissance ihres neuen Zuhauses. Auf unseren Erkundungen begleitet uns der winzige Familienhund, der den Namen des wichtigsten Bewohners von Malmö trägt: Zlatan. International bekannt ist die Stadt vielen nur als Heimat des Spitzenfussballers Zlatan Ibrahimovic ́.

LIEBLINGSESSEN Die offenen Sandwiches Smörgasbord und die Zimtschnecken Kanelbullar gibt es überall, auch als Stärkung nach der Sauna.

Helena schätzt Malmö als neuen Lebensort sehr. Sie hatte in der nahen Uni- versitätsstadt Lund studiert und beobachtet nun seit ihrer Rückkehr, was sich in der Region in den letzten zwei Dekaden getan hat. Den Vorwärtsdrang und den Innovationsgeist der Schweden finde man in vie- len Aspekten wieder, die Biotech- und die IT-Industrie, im Besonderen die Game-Entwicklung, sind stark am Wachsen. Wir laufen denn auch an unzähligen Co-Workingspaces und Coffeeshops voller Menschen hinter ihrem MacBook vorbei. Die Bevölkerung ist jung; rund die Hälfte der knapp 320 000 Einwohner ist unter 30 Jahre alt. Ebenfalls über fünfzig Prozent hat mindestens ein Elternteil, der im Ausland geboren wurde. Am häufigsten sind es neben Dänemark Herkunftsländer aus dem mittleren Osten und dem ehemaligen Jugoslawien. Die schwedische Regierung vermeidet es, Gewalt mit Herkunftsstatistik in Verbindung zu bringen, aber ausserhalb Malmös hat die Stadt teilweise aufgrund von Gang-Aktivitäten einen gefährlichen Ruf. Helena und ihre Familie fühlen sich sicher, es sei allen Bewohnern ganz klar, dass das Quartier Rosengård in der Nacht gemieden werden sollte und dass die Konflikte ausschliesslich in das Innere der Gangs gerichtet seien.

Wir wenden uns einem erfreulicheren Thema zu: Im Bereich der Kulinarik scheinen die Experimentierfreude und die Wertschätzung regionaler Zutaten, die die Gastroszene der grossen Schwester Kopenhagen prägen, auf verschiedene Restaurants in Malmö abzufärben. «Tempora mutantur nos et mutamur in illis – Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen», will der Name unseres Restaurantfavoriten «Mutantur» aussagen. Nach 17.30 Uhr kann man in dem kleinen Lokal keine Tische mehr reservie- ren, aber dank etwas Glück werden uns Plätze an der Bar mit Blick auf die Arbeitsfläche der drei Köche zugewiesen. Es dauert lange, bis die Speisen serviert werden, aber wir können uns an dem kunstvollen Zubereitungs-Ballett der Köche nicht satt- sehen – und die Resultate überwältigen un- seren Gaumen, wir sind glücklich. Meine vorangegangene kulinarische Erinnerung an Malmö ist mehr als korrigiert. Beim letzten Mal hatten wir nämlich dem Disgusting Food Museum einen Besuch abgestattet. Was albern klingt, ist eindrücklich und bildend: Ausgestellt werden über 80 Nah- rungsmittel aus der ganzen Welt. Froschsmoothies aus Peru, Madenkäse aus Sardinien und natürlich Surströmming, der verfaulte Hering aus Schweden. An Manchem wird nur gerochen, etwa zwölf Exponate können sogar verköstigt werden. Während ich an einer frittierten Grille knabberte (Anfängerniveau), unterhielten wir uns mit dem Kurator und «Chief Dis- gustologist» Samuel West, der zuvor mit dem Museum of Failure dem Scheitern eine Ausstellung widmete. Das neue Thema, abstossendes Essen, stellt interessante Fragen in den Raum: Warum ist es widerlicher, Meerschweinchen zu essen als Schweine? Grosses Ziel des Museums ist es, den Horizont zu erweitern und Nahrungsmittel vorzustellen, die in Zukunft Bestandteil einer nachhaltigen Ernährung sein könnten.

LIEBLINGSORT Das Ribersborgs Kallbadhus ist ganzjährig ein Favorit bei Locals und Touristen. Wer gern alleine ist, muss früh kommen.

Würde ich Malmö auch besuchen, wenn ich nicht diesen persönlichen Bezug zur Stadt hätte, fragt mich der Mann, der in der Sauna neben mir sitzt. Er ist der Präsident des Vereins, der das Ribersborgs Kallbadhus betreibt und mir alles über die Saunakultur der Schweden erzählt hat, unter anderem vom hundertjährigen Saunaverbot, während dem nur in einsamen Wäldern im Norden im Geheimen sauniert wurde. Er ist der Meinung, dass es wenig Demokratischeres gibt, als gemeinsam nackt zu schwitzen. Das öffentliche Bad mit vier getrennten und einer gemischten Sauna liegt beim gleichnamigen Park im Meer und ist über einen Steg erreichbar. Schon auf diesen Metern geht einem das Herz auf. Der Holzbau von 1898 würde sich in einem Film des Kultregisseurs Wes Anderson prächtig machen. Die Aussicht auf die Brücke links und auf das Hafenquartier mit dem «Turning Torso» rechts machen das Bad ganzjährig zu einem Publikumsliebling. «Malmö wäre ohne die Freundschaft zu einer Bewohnerin kaum auf meinem Radar aufgetaucht», antworte ich, «aber bei jedem Mal Malmö entdecke ich etwas ganz Besonderes. Dieses Mal das charmante, irgendwie aus der Zeit gefallene Kallbadhus. Zumindest als Tagesausflug bei einer Kopenhagenreise lohnt es sich also für jeden, die vierzig Minuten Zugfahrt auf sich zu nehmen, nur schon wegen der schönen Zugfahrt über die Brücke.» Der Saunakönig ist zufrieden und legt mir nahe, meinen nächsten Besuch auf den Februar zu legen, wenn vielleicht Schnee liegt und manchmal sogar in einem Eisloch gebadet werden kann. «Hejsan Malmö!», heisst es nun also auch in den dunklen Monaten des Jahres.

Anreise

Per Flugzeug nach Kopenhagen-Kastrup. Von dort mit dem Zug oder Auto in 30 bis 40 Minuten nach Malmö.

Checkin

STORY HOTEL STUDIO MALMÖ
In den obersten fünf Etagen eines 15-stöckigen Co-Working- Bürogebäudes befinden sich die Hotelzimmer in modernem, industriellem Stil. Viel Beton, klare Linien, grosse Fenster mit umwerfender Aussicht entweder auf den Hafen und das Meer oder die schöne Altstadt. Die grosszügige Hotellobby im Parterre teilt sich das Story Hotel Studio in schönster Sharing-Economy- Manier mit den anderen Mietern des Hauses. DZ ab Fr. 94.-, storyhotels.com/studio-malmo

Gourmet

RESTAURANT MUTANTUR

Moderne skandinavische Küche unter der Leitung des preisgekrönten Kochs Alexander Sjögren. Kleine, kunstvolle Portionen, pro Person bestellt man drei bis fünf Speisen. restaurantmutantur.se

MALMÖ SALUHALL

In der Markthalle gibt es neben Foodtrends wie Poké Bowls, Ramen- Suppen und Weizengras-Shots auch bodenständige Metzgerei- und Käsestände. Idealer Spot für Fika, die schwedische Kaffeepause mit einem süssen Gebäck. malmosaluhall.se

SALTIMPORTEN CANTEEN

Die minimalistisch eingerichtete Kantine in einem alten Importlagerhaus für Salz serviert Montag bis Freitag ein Mittagsmenü. Nur zwischen 12 und 14 Uhr geöffnet. saltimporten.com

BASTARD MAT & VIN

Ursprünglich als Fleischrestaurant zum Hot Spot geworden, überzeugen heute auch die vegetarischen Gerichte. Tolle Weine, Cocktails und Desserts runden den Genuss ab. bastardrestaurant.se

MJ’S RESTAURANT UND BAR

Das Restaurant in einem rosaroten, begrünten Innenhof serviert mediterran inspirierte Gerichte und samstags gibt es eine kunterbunte Teaparty. mjs.life/restaurant

Kultur

DISGUSTING FOOD MUSEUM

Die Ausstellung setzt sich unterhaltsam und lehrreich mit dem lebensnotwendigen Instinkt des Ekels auseinander. Wenn man sich darauf einlässt, ein inspirierendes Erlebnis. disgustingfoodmuseum.com

MODERNA MUSEET

Staatliches, kostenloses Museum für zeitgenössische Kunst in einer ehemaligen Turbinenhalle. Interessant kuratierte Ausstellungen, spannend auch für Kinder. Die Sammlung zeigt Werke von Dalí, Kandinsky, Matisse und anderen. modernamuseet.se/malmo

Erleben

RIBERSBORGS KALLBADHUS


Für einen Eintrittspreis von circa 9 Franken erhält man ein besonderes Saunaerlebnis. In den Bereichen für Frauen und Männer gibt es jeweils zwei Saunen und einen Hot Tub, in der Mitte befindet sich eine gemischte Sauna. Herrliche Aussicht, nostalgisches Setting, herzliche Stimmung. Massagen sind online zusätzlich buchbar. ribersborgskallbadhus.se

WESTHAFEN

Neues Quartier am Wasser, das auf nachhaltige und beeindruckende Architektur setzt – was Malmö auf der OECD-Liste der innovativsten Städte oft weit vorne platziert. Bis 2025 soll der Stadtteil, der früher Indus- triezone war, klimaneutral sein.

FOLKETS PARK

Der 1893 eröffnete Freizeitpark beherbergt diverse Aktivitäten für Kinder, ist in den Restaurants, Cafés und an Konzerten aber auch ein Begegnungsort verschiedener Kulturen. malmofolketspark.se