03. May 2020

TEXT VON

Leoni Hof

FOTOGRAFIEN VON

Kristopher Roller

Erste Hilfe

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Diese 7 Dinge haben meine Woche gerettet. 

In Woche 2 des Lockdowns konnte ich es nicht mehr hören. Die Durchhalteparolen, das «Aus dieser Krise werden wir viel lernen». Dieser angestrengte Optimismus ging mir tierisch auf die Nerven. Zumal ich nicht an den Lerneffekt solcher Situationen glaube. Dass plötzlich alle so aktiv wurden, nervte. Die Welt war aus dem Tritt und ist es noch, und das möchte ich, pardon, einfach Scheisse finden dürfen. Ohne dazu parallel Mandarin zu lernen. In Woche 2 war ich nicht bereit, das Beste aus dieser Situation zu machen. Ich wollte sie einfach durchstehen.

Nun sind wir in Woche … keine Ahnung, mir ging unterdessen das Zeitgefühl verloren. Ich habe aber immer noch wenig Lust auf Quarantäne-Tipps. Lieber hätte ich ein Auto. Ich backe kein Bananenbrot und war kein einziges Mal joggen. Ich habe zu viel zu tun, mit Kind und Job und meinen achterbahnfahrenden Gefühlen. Mein Lichtblick, meine Wunderkerze – auch wenn das Wasser bis zum Hals steht und darüber – ist die anstehende Kindergartenöffnung. Dass da irgendwer von den Entscheidern auch an die mentale Gesundheit der Familien gedacht hat. Und so verrate ich an dieser Stelle doch einiges von dem, was mich dieser Tage unterhalten, gefreut oder gerührt hat.

Beim Lesen des Romans «Was wir sind» von Anna Hope geschah gleich alles zusammen. Ja, dies ist wahrscheinlich die Millionste Buchempfehlung, die Sie serviert bekommen. Dieser sollten Sie folgen – wenn Sie eine Frau sind. Für Männer ist das Buch weniger etwas, es geht darin nämlich um die Frage: Was ist aus dem Menschen geworden, der du einmal sein wolltest? Da denkt der eine Teil der Menschheit wahrscheinlich öfter drüber nach als der andere. «Was wir sind» folgt denn auch der Freundschaft dreier Frauen mit sehr unterschiedlichen Lebensentwürfen. Wenige Bücher haben mich in letzter Zeit so berührt wie dieses. Weil darin so viel Wahrhaftiges steckt.

“Was wir sind” von Anna Hope

Wie in den Filmen von Klaudia Reynicke, die ich kurz vor Corona in Lugano traf. Tolle Frau! Hätte ich gewusst, was kurz darauf auf uns zukam, hätte ich sie den Wein zum Zmittag nicht allein trinken lassen. Anyways: Die Bilder für den Artikel machte an diesem Tag der Zürcher Fotograf Peter Hauser, der gerade mit Art advisor Sandra Nedvetskaia das Projekt Electric Art Collective launchte: A concept born out of passion for art amidst the world going under, in quarantine, with a healthy dose of humour and a spoonful of hope – steht dazu auf deren Webseite. Humor, Hoffnung und gute Kunst, genau das braucht es gerade. Videokonferenz sei Dank, haben wir mittlerweile wohl alle zu viele hässliche Wände gesehen.

Tanja Roscic, «Flower in the head», 2019.

Apropos Humor: Bei ZDF Neo läuft gerade die Serie «Drinnen», grossartig! Charlotte (noch so ne Tolle: Lavinia Wilson) wollte ihr Leben umkrempeln, und zwar so richtig. Sie wollte einfach nur raus. Aus dem Job, der Ehe, aber dann kam Corona und jetzt muss sie erstmal «Drinnen» bleiben. Anschauen!

“Drinnen” bei ZDF Neo

An manchen Tagen schwirrt mir der Kopf vor lauter Fragen: Wie lange geht das noch so? Schafft dieses ganze Distanzieren eine neue Nähe? Wie viele Folgen «Peppa Pig» kann eine Fünfjährige anschauen, ohne bleibende Schäden davonzutragen? Ahnung habe ich keine. Das Projekt «Love Stories – A Sentimental Survey by Francesco Vezzoli» der Fondazione Prada gibt mir zumindest das Gefühl, ich hätte welche. Ab morgen können deren Follower auf Instagram aus Szenarien zu den Themen Liebe, Identität, Einsamkeit oder der Zukunft wählen. Der Künstler Francesco Vezzoli gibt zu 50 Sujets je zwei Optionen vor. Am Ende jeder Woche werden die Ergebnisse der Umfragen von Persönlichkeiten aus Kultur, Kunst und Mode kommentiert.

Dimitrios Kambouris /Getty Images Entertainement

Dies scheint die Hochzeit der To-do-Listen-nach-Corona zu sein. Meine (imaginäre) besteht zur Zeit nur aus Namen von Leuten, die ich dann dringend wieder sehen, kennenlernen und/oder knutschen möchte. Dazu gehört Chus Martínez. Die Leiterin des Instituts Kunst an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel teilt, ebenfalls auf Instagram, ihre «Corona Tales» mit uns. Die kurzen Geschichten sind inspiriert von den Grosseltern der Spanierin und der Zeit der Spanischen Grippe. Sie sagt: «Ich will damit Geschichten erzählen, aber in der Hoffnung, dass wir es schaffen, unsere Probleme mit ein bisschen mehr Luft zu sehen, mit mehr politisch-imaginativem Denken, und uns fragen, wie es strukturell weitergehen wird. Ich lade einfach alle ein, über Instagram jeden Abend mit mir einen Aperitif zu nehmen, vielleicht ein Glas Wein zu trinken und eine Geschichte zu hören.» 

Corona Tales auf Instagram

Gefreut hat mich ausserdem die Nachricht einer Bekannten, dass ihre Ausstellung in der Galerie Lullin+Ferrari bis zum 30. Mai verlängert wurde. Das Künstlerpaar Wiedemann/Mettler zeigt dort 33 Bilderpaare, je ein Werk von ihm und eins von ihr. Treten wir dieser Tage in Kontakt zueinander, dann vielleicht mit Mundschutz. Aus den schönen, von den Künstlern bearbeiteten Glarnertüechli lassen sich besonders hübsche falten. Ich habe mich erkundigt: Die Tücher sind bei 60 Grad waschbar.

Von Künstlern bearbeitete Glarnertüechli

Und zum Abschluss gibts noch etwas auf die Ohren: Anohni, the artist formerly known as Antony Hegarty, habe ich mal live in der Elbphilharmonie gesehen. Ein Erlebnis, das mich hunderte Franken kostete (Flüge, Tickets, Hotel, plus alles noch mal für meine Mutter, die als Babysitter anreiste) – und jeden Rappen davon wert war. Anohni ist für mich eine der grössten Künstlerinnen unserer Tage. Der Song «Hopelessness» ist wie das gleichnamige Album aus dem Jahr 2016 radikal, relevant, tanzbar. Wenn man gerade tanzen möchte. Das versuche ich vielleicht nächste Woche.