07. Feb 2020

TEXT VON

Leoni Hof

FOTOGRAFIEN VON

Mimikry@Stefan Burger

Sich gut gehen lassen

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Wellness: Wahn oder Wunder? Ein Theatersaal wird zum Nassbereich und Barbie meditiert jetzt. 

Im Theater lassen die auf der Bühne regelmässig die Hosen runter. Nun sind Sie dran: Das Theater Neumarkt wird zur Wellnesswelt. Einst war die Immobilie am Zürcher Neumarkt 5 ein Sanatorium, anlässlich der Wiederentdeckung der «Bilgeri-Heilquelle» wird das nun wiederbelebt. Zehn Tage lang erwartet Sie eine Sauna, ein Floating-Tank, Liegekur, Ordnungstherapie, Lichtduschen und Baden im heissen Brunnen. Wellness-ExpertInnen aus Kunst, Medizin und Wissenschaft werden sich zwischen 17 und 22 Uhr um Ihre Entspannung und Ihr Wohlergehen kümmern. Sie können sich aktiv, passiv oder interpassiv verwöhnen lassen, die Veranstalter versprechen: «Hier sind Sie in den allerbesten Händen. Just float.»

Zweierlei Erfahrungen werden im «Wellness Retrotopia» im Theater Neumarkt möglich sein: Einerseits können Sie Wellness als Performance erleben, bei der verschiedene KünstlerInnen performative Anwendungen entwickeln und rituell durchexerzieren – Stichwort «Heilung durch Performance-Kunst». Andererseits ist Wellness auch als immersives Format erfahrbar, bei dem man ganz unironisch Behandlungen buchen und besuchen kann – und in dem die ZuschauerInnen sowohl Teil der Wellness-Landschaft werden als diese auch einfach geniessen können. MIMIKRY: «WELLNESS RETROTOPIA» ist bis zum 16. Februar erlebbar. Empfohlene Verweildauer: 2 bis 3 Stunden.

Dieser Tage ist es fast Pflicht, nach dem Aufstehen zu meditieren (Wie, Sie haben KEIN Morgenritual?), in der Mittagspause zum Yoga zu gehen und am Feierabend zum Floaten oder zur Rückführung. Es reicht nicht mehr, Job, Familie und Sozialleben auf die Reihe zu kriegen – man sollte dabei hübsch entspannt bleiben und sich gleich noch ein paar Dämonen austreiben lassen. Kann man es sich zu gut gehen lassen? Unterstehen wir plötzlich alle dem Wellnessdiktat? So könnte man sinnieren, wenn sich das nicht doch auch irgendwie gut anfühlen würde. Wenn wir Wellness nicht zur Ersatzreligion überhöhen.

Die «Breathe with Me»-Barbie von Mattel bringt geführte Meditationen mit.

Der Wellness-Sektor ist eben auch eine riesige Geldmaschine: Für die ganz Kleinen gibt es nun – so 2020 – die Selfcare-Barbie, inklusive glowbringender Gesichtsmaske. Verstehen Sie mich nicht falsch, sich gut um sich selbst zu kümmern ist eine der wichtigsten Fähigkeiten überhaupt, in der man es nicht früh genug zur Meisterschaft bringen sollte. Ob das allerdings primär via Facial und Kurzhantel gelingt, sei dahingestellt. Interessanter ist da schon das Modell «Breathe with Me», mit dem Kinder meditieren können. Supersache, finde ich als Mutter einer yogabegeisterten Fünfjährigen. Die Fähigkeit, sich Ruhe im Kopf verschaffen zu können, ist mir wichtiger, als da Matheformeln reinzupacken. Die Lotussitz-Barbie hat Mattel mit der Meditations-App Headspace entwickelt, die an dieser Stelle ausdrücklich empfohlen sei.