01. Jan 2020

TEXT VON

Rahel Zingg

FOTOGRAFIEN VON

Yves Suter

Lunch-Date mit Sascha Lobo

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Er erklärt das Internet. Aber was können Sie uns dazu noch beibringen, Sascha Lobo?

Das Interview mit dem Autor und Blogger Sascha Lobo führt ein Millennial. Diese Generation hat es durchschaut, das Internet. Wir kennen jeden Filter auf Instagram, jede neue App zur multimedialen Kommunikation. Was früher nerdig war, ist längst Durchschnitt. Der gebürtige Berliner verspricht den Lesern mit dem Untertitel seines Buches «Realitätsschock» «zehn Lehren aus der Gegenwart». Er beschreibt Mechanismen, die die Generationen Y und Z nicht überraschen, jedoch für interessant befinden. Für die älteren seien sie eine Offenbarung – so die Reaktionen. Der Klimawandel, künstliche ­Intelligenz, der Rechtsruck und natürlich: Trump. Lobo formuliert anschau­lich, wie die Digitalisierung unsere Welt beschleunigt, verrückt oder gestärkt hat. Das macht der 44-Jährige maximal besonnen. Jeder Satz wirkt wie ein überlegter Schachzug, ist klug ausgewählt. Wir treffen ihn bei seinem Besuch in Zürich zum Mittagessen. Auf jede Frage kriegen wir drei durchdachte Antworten. Die Qual der Wahl. Und sein Buch spricht so viele Themen an – wir wissen gar nicht, wo anfangen.

Bolero: Schon entschieden?
Sascha Lobo: Ich bestelle den Crispy Chicken Salat, einfach ohne das Chicken – ich vermeide Fleisch momentan.

Eine Folge Ihrer Auseinandersetzung mit dem Klimawandel für Ihr Buch?
Bedenkenlosigkeit war eine der ganz grossen Untugenden des zwanzigsten Jahrhunderts. Immer mehr, vor allem junge Menschen, beginnen jetzt aber sich zu informieren und merken: «Moment. Wir tun so, als sei das normal? Massentierhaltung?»

Sind Ihr Buch und die Erklärung, weshalb die Welt gerade aus den Fugen zu geraten scheint, also eher etwas für Ältere?
Jüngere haben Realitätsschocks – wie den Rechtsruck, die Klimakrise – schon produktiv verarbeitet. Ältere sagen: «Um Gottes willen!» Es kollidieren hier zwei Jahrhunderte, zwei Epochen. Und diese Kollision verursacht heftige Gefühle. Auf beiden Seiten. Bei Klimafragen ist das am offensichtlichsten. Wenn man einem durchschnittlich 57 Jahre alten Mann sagt: «Du hast in den letzten dreissig Jahren dazu beigetragen, dass wir gerade mit Vollgas auf eine Wand zurasen», zweifelt man dessen ganzes Lebenswerk an.

Forscherinnen und Forscher sprechen schon seit Jahrzehnten vom Klimawandel. Warum setzt sich dieser 57-Jährige erst jetzt damit auseinander?
Wenn man sein Leben einfach nur leben möchte, ist es viel angenehmer zu glauben, dass man das auch so hinkriegt. Darum fächelte man die ersten Anzeichen von den Klimawirren halt so ein bisschen weg. Gleichzeitig gab es auch massive Gegenbeeinflussungen. Im Plastik-Kontext beispielsweise. Ende der Sechziger hat eine ganze Industrie propagiert: «Plastik ist praktisch! Plastik ist toll, Plastik ist die Zukunft!» Ein grosser Teil der Gesellschaft hat das nicht hinterfragt. 

Und dann kommt Extinction Rebellion und färbt als Protest die Limmat grün.
Hinter solchen Aktionen steckt ein Mechanismus, der die heutige Jugend auszeichnet. Im 21. Jahrhundert aufzuwachsen, enthält ein eingebautes Medientraining. Eine durchschnittlich 16-jährige Person, 2003 geboren – Greta! –, die hat einfach in ihrem Leben schon hundert Stunden vor einer Kamera gesprochen, die hat die Ergebnisse mit einem Publikum geteilt, hat Feedback bekommen. Die weiss, was wirkt, was nicht wirkt. Das Netz wirkt für jeden Absender als Rückkanal und damit als ständige Konfrontation mit dem eigenen Fehlverhalten. So etwas verändert sogar die Art zu denken, weil man ein ständiges Korrektiv mitdenkt und unmittelbares Feedback gewohnt ist. Es entstehen anders aufgestellte junge Intellektuelle, die versuchen publikumswirksam zu agieren. Das steht im Gegensatz zu den Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Dem Eigenbrötler, der sich zurückzieht, für sich das Genialische schreibt und dann erst nach draussen tritt. Das fertige Werk präsentierend.

Bevor Lobo in Ruhe essen kann, muss er erst per Smartphone allen mitteilen, dass er nun «100 Jahre nicht erreichbar» sein wird (© Yves Suter).

Was ist denn publikumswirksam?
Ich sehe da eine bestimmte Form von Begeisterung, von Hingabe, von Unermüdlichkeit. Nehmen wir Alaa Salah. Die junge Frau wurde bekannt, weil sie im Sudan massgeblich eine Demonstration mitgeprägt hat. Sie hat eine Macht auf die Strasse gebracht und damit schliesslich einen Diktator gestürzt, der davor dreissig Jahre lang regierte. Es gibt ein Bild von ihr, in einem weissen Kleid, die Hand erhoben, umringt von vielen Menschen – ein so eindrückliches, mit Pathos aufgeladenes Foto. Auch die westlichen Medien sind da­rauf angesprungen und haben darüber berichtet. Bilder sind etwas, das diese junge Generation ganz intensiv für sich entdeckt hat.

Ihre Frisur ist ebenfalls sehr öffentlichkeitswirksam. Deshalb der Iro?
Der Irokesenschnitt hat mehrere tiefere Gründe. Ich fühle mich schon immer so, als würde ich irgendwie zwischen den Welten leben und wegen meines Migrationshintergrunds nicht wirklich dazugehören. Mein Vater ist Argentinier, meine Mutter stammt aus Deutschland. Ich bin quasi zwischen beiden Perspektiven auf die Welt aufgewachsen und habe auch immer vermitteln, übersetzen müssen. Wenn ich ’ne normale Frisur hätte, sähe ich halt normal aus und gehörte überall sofort dazu. So als weisser, mittelalter Mann.

Und die Privilegien, die damit einhergehen, wollen Sie nicht?
Doch. Die Privilegien nehme ich total gerne. Die habe ich ja immer noch. Es ist sogar ein Privileg, dass ich diese bescheuerte Frisur haben kann, aber trotzdem komplett ernst genommen werde. Das geht wirklich nur, wenn du ein weisser, mittelalter Mann bist.

Ausserdem bezeichnen Sie sich selbst als eine Art Gegenwartskundler. ­Welche Momente der Gegenwart schockieren Sie am meisten?
Das Erstarken von rechten oder rechtsextremen Kräften bis hin zu terroristischen Attentaten. Der Völkermord in Myanmar, der durch Fake News auf Facebook mit ausgelöst worden ist. Das Netzwerk entwickelte sich dort in den letzten Jahren zum alles Dominierenden. Die Tatsache wurde von dem Unternehmen jedoch ignoriert. So wurde die Plattform unkontrolliert zu ­einem Propaganda-Tool und Aufrufe zu Gewalt gegen muslimische Minderheiten wurden uneingeschränkt verbreitet. Facebook hat alles Mögliche getan, um sein Geschäftsmodell zu optimieren, meistens in Bezug auf Werbung – und dabei die gesellschaftlichen Begleiteffekte komplett ausser Acht gelassen. Soziale Medien können offensichtlich eine bestimmte Form von kollektiver Wut hervorbringen, die sehr zielgerichtet dazu führt, dass Menschen losziehen und andere Menschen töten. 

Da zweifelt man am Sozialen bei den Social Media.
Der Begriff Social ist trotzdem angemessen. Zumal beim Sozialen an sich auch nicht nur Blumenkränze gebunden und Ringelreihen getanzt werden. Man darf sich weder einbilden, dass Social Media für sich genommen etwas total Tolles noch etwas ganz Grundschlechtes ist. Ich habe meine Frau auf Twitter kennengelernt – schöne Geschichte – aber auf der anderen Seite können die sozialen Medien eine solche Katastrophe sein und hervorrufen. Aber sie sind jetzt da. Und sie gehen nicht mehr weg.

Die Auseinandersetzung mit den Themen in Ihrem Buch war für Sie auch eine «Notwehr gegen die Überdosis Weltgeschehen».­ Waren Sie dabei erfolgreich?
Das Schreiben hatte zumindest eine ordnende Funktion. Ich bin aber noch nicht durch. Das hängt jedoch auch damit zusammen, dass wir uns nicht an ­einem Punkt befinden, an dem man sagen kann: «Hey cool, alles auf dem richtigen Weg.» Viele Probleme werden jetzt erst überhaupt adressiert. Wie sie dann gelöst werden, ob sie gelöst werden können, das ist etwas, woran alle Generationen nun gemeinschaftlich zu arbeiten versuchen müssen. Das wird sehr hart, sehr schwierig. Aber es ist völlig alternativlos. 

Sympathien will er nicht. Sascha Lobo möchte für seine Expertise gefeiert werden, nicht als netter Onkel (© Yves Suter).