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12. Jul 2017

TEXT VON

Leoni Hof

Heimatbilder

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Man sollte mit ihm durch Wälder streifen. Über Pfade laufen, die lange niemand mehr betreten hat. Und sich die Welt zeigen lassen, von der sich Léopold Rabus (*1977) inspirieren lässt. Verlassene Hütten, verlotterte Zäune, Kellerschächte. Überwuchert, verwachsen. Vergessen von der Welt. Es sind Orte, an denen die Globalisierung vorbeigezogen ist. Rabus bringt auf die Leinwand, was er bei seinen Spaziergängen entdeckt. Schräge Typen scheinen da in Neuenburg zu leben. Der Künstler ist mit manchen befreundet, kennt ihre Geschichten. Das Museum Langmatt in Baden zeigt nun Arbeiten, die seit 2015 entstanden sind. Ein illustrer Typ, dieser Rabus, der als einer der begabtesten figurativen Maler der Schweiz gehandelt wird. Der Künstler sagt: «Ich fokussiere auf meine unmittelbare Umgebung, kann nur Realitäten heraufbeschwören, die mir selbst nah sind. Die Leute reden gern von spektakulären Begebenheiten, dabei verbringt jeder von uns die meiste Zeit mit banalen Dingen. In meinem Umfeld finde ich das Rohmaterial über die Menschen und ihre Beziehungen in dieser Welt.» Rabus ist ein Heimatmaler. Gemütlich wird es auf seinen Bildern jedoch selten.

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FEDERVIEH «La Nuée», 2014

Der Künstler lebt heute in einem Dorf unweit seiner Geburtsstadt Neuenburg in der Westschweiz. Sein Atelier befindet sich im Garten der Eltern, die selbst Künstler sind: «Sie gaben mir viel Freiheit. Ermutigten mich in allem, was ich anfing.» Auch der ältere Bruder malt. Von ihm lernt er das Handwerk. Die Zeit an der Kunstschule hat er in schlechter Erinnerung. Ein Fehlschlag, wie er heute sagt. Mehrmals bricht er die Ausbildung ab. Spielt mit Freunden Theater. Bis die Malerei ihn dann doch nicht mehr aus den Fängen lässt. Da ist er schon zwanzig. Das Szenische der Bühne findet man in seinen Bildern wieder. Wo sich Absurdes abspielt. Da kippen Räume ineinander, darinnen Menschen in grotesken Verrenkungen mit überdimensionalen Köpfen, milchigen Augen. Und doch hyperrealistisch dargestellt. Rabus bringt ihre jeweiligen Charakteristika auf den Punkt. «Wenn ich jemanden ansehe, gibt es immer etwas, das mir auffällt – eine Bewegung, eine Geste oder bestimmte Teile des Körpers. Ich muss die Person dann gar nicht mehr in ihrer Gesamtheit darstellen.» Und wenn eine Figur mal drei Arme hat, sei damit eine Bewegung gemeint, keine Laune der Natur. Rabus beherrscht sein Handwerk meisterhaft. Oft sind die Bilder dunkel gehalten, grelle Farbakzente kontrastieren das. Wenn die Betrachter jedoch nur das Düstere seiner Arbeiten sehen, ärgert dies Rabus. «Sie haben sicher nicht ganz unrecht, trotzdem kränkt es mich. Ich persönlich finde meine Bilder romantisch und voller Humor.» Es sind Werke wie aus Träumen, aus Erinnerungen. Rabus sagt: «In der Gegenwart ist unsere Wahrnehmung von Dingen starr getrennt, in der Erinnerung aber vermischt sich alles. Und genau so funktioniert meine Malerei.» Auf neueren Arbeiten weicht die Nacht dem Tag. Und doch, irgendetwas scheint hier nicht zu stimmen. Es lauert etwas unter der Oberfläche, wie ein Schachtelteufel. Die Figuren befinden sich in misslicher Lage, sind mit der Wohnungseinrichtung und anderen Gegenständen magisch verwachsen. Was genau vor sich geht, weiss man nicht.

Durchs Atelier im Garten der Eltern tönt russische Volksmusik, wenn Rabus an seinen meist übergrossen Bildern – viele sind über drei Meter lang – arbeitet. Sein Galerist habe am Format nicht wirklich Freude. Schicht um Schicht trägt er auf, er malt in Öl. Vermischt Naturalistisches mit Abstraktem, als würde er mit einer Kamera ins Bild reinzoomen. Auf das, was ihm wichtig ist. Ausgangspunkt sind Fotos, die er auf seinen Streifzügen macht. Ein riesiges Archiv schlummert in seinem Atelier, geordnet nach Motiven. Auf das greift er zurück und auf Bilder aus Magazinen und Büchern. Acht Stunden malt er, dazwischen holt er seine Kinder ab und kümmert sich ums Essen. Zwei Monate braucht er für ein Werk. Das schon mal 60 000 Franken kostet.

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BLICK INS TAL «Jardin», 2015

Es ist dieser Kitzel aus Lust und Abgrund, zwischen romantisch verklärter Natur und schrecklicher Seelentiefe. Rabus’ Arbeiten rühren an uralte Ängste, an mythische Überlieferungen, an etwas, das tief in uns schlummert. Faszinierend dabei ist, dass sie den Betrachter nicht abschrecken, sondern anziehen. Trotz aller bizarren Szenen, verwachsenen Körpern, bleichen Augen. Und dass ihnen trotz allem Schrecklichen ein ganz spezieller Witz innewohnt. Rabus’ Bilder sieht man nicht nur an, man schmeckt sie, riecht sie. Er mag ein Heimatmaler sein. Aber einer, der sich auch bestens auf die Landschaften der Seele versteht.

Die Ausstellung im Museum Langmatt in Baden läuft bis 3. September.