05. Mar 2020

TEXT VON

Leoni Hof

FOTOGRAFIEN VON

Peter Hauser

Helden wie wir

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Keine Chance der Komfortzone: Die Regisseurin Klaudia Reynicke fordert uns mit ihren Filmen heraus.

Klaudia Reynicke schluckt die Tränen runter und bestellt den Oktopus. Ein guter Geist sprach heute früh zu ihr. Er riet ihr, dieses Hemd anzuziehen, diesen Blazer. «Mir war, als hörte ich Tizianas Stimme», sagt die Filmemacherin. Tiziana Soudani war ihre Produzentin, Mentorin, ihre Freundin. Am Tag zuvor ist die Tessinerin gestorben. «Sie würde mich nicht traurig sehen wollen. Sie wollte immer, dass die Menschen fröhlich sind und eine gute Zeit haben. So war sie. Lustig, ein Vulkan. Sie war so stolz auf diesen Film.» Dieser Film heisst «Love Me Tender», er ist Reynickes Zweitling. Am Filmfestival in Locarno wurde er beklatscht, bei uns kommt er nun in die Kinos.

Wir treffen die Regisseurin in Lugano, wo die 43-Jährige lebt. Sie schlägt eines dieser Restaurants vor, die nach Italien schmecken. Man möchte ihr am liebsten die ganze Zeit auf den Mund schauen. Der lacht und sich schürzt, kaut und sich verzieht, ein Glas Wein bestellt. Ein Mund mit Eigenleben. Zum Dessert entscheidet er sich nach eingehender Beratung für ein Mousse au chocolat. Die Kellner strahlen. «Love Me Tender» sei ein Pop-Drama sagt Reynicke: «Es ist, was es ist. Ein Film für jeden, der sich darauf einlässt.» Kurz und knapp, Sie sollten ihn sich wirklich selbst ansehen, es geht um Seconda (intensiv gespielt von Barbara Giordano). Seconda, die bei ihren Eltern lebt und das Haus nicht verlassen kann. Als die Mutter stirbt, macht sich der Vater aus dem Staub und Seconda muss sich der Welt und ihren Ängsten stellen. Sie tut dies im türkisfarbenen Taucheranzug, ihrem Superheldinnenkostüm, und das Ganze ist so anrührend, verwirrend, surreal, komisch, dass man auch am wichtigen Filmfestival in Toronto darauf aufmerksam wurde und den Film als Entdeckung feierte.

Reynicke hat nun in den USA einen Manager und liest die Drehbücher, die man ihr schickt. Nächste Woche fliegt sie wieder «rüber», ausserdem bereitet sie zwei neue Filme vor. Einen über zwei Schwestern und einen notorisch lügenden Vater, der aber sonst ganz in Ordnung ist, und einen über ein Mädchen, das eine Luchadora libre werden möchte, das sind die mexikanischen Wrestler im Fantasykostüm.

FRESSEN UND GEFRESSEN WERDEN “Ich liebe Oktopus. So schlaue Tiere. Auch wenn ich das arme Kerlchen nun aufesse.”

Reynicke selbst stammt aus Peru, lebte seit sie zehn war in der Westschweiz und ging dann mit siebzehn nach Florida, ein Teil ihrer Familie wanderte dorthin aus. Sie studierte Anthropologie und assistierte einer Dokumentarfilmerin. Nach einem Jahr in Barcelona ging sie zum Studium nach Lausanne. Sie arbeitete für die, wie sie sagt, «grosse» Jacqueline Veuve, die Schweizer Dokumentarfilmerin riet ihr zum Masterstudium an der ECAL /HEAD, um ihr Netzwerk aufzubauen. Und dann kam die Liebe. Am Filmfestival in Locarno verliebte sich Reynicke und zog zu ihrem Partner nach Lugano. Die beiden haben heute einen Sohn und eine Tochter. Regelmässig besucht sie ihre Familie in Peru («Grossartiges Essen!») und in Florida («Die Natur ist wahnsinnig. Du stehst morgens auf, checkst deine Post und begegnest einem Waschbären. Oder einem Alligator, der sich verlaufen hat.»).

BOLERO «Love Me Tender» startet nicht gerade als Feelgood-Movie. Muss man als Zuschauer da durch?

KLAUDIA REYNICKE Absolut. Am Anfang weiss man nicht genau, ob man lachen soll oder nicht. Und nach und nach gibt man sich selbst die Erlaubnis dafür. Ich wollte mit dieser Unsicherheit spielen. Und nah bei den Charakteren sein. Dieser bedrückende Anfang erzählt, wo Seconda herkommt. Wenn du da durchgehst, wenn du das akzeptierst, wird der Film viel leichter, lustiger. Ich habe einmal über die frühe Architektur von Kirchen gelesen. Man muss erst durch einen engen Gang gehen, mit Wänden voller Dämonen und Teufel, man fühlt sich furchtbar. Aber je weiter man geht, je näher man quasi Gott kommt, desto  weiter und erhebender wird es. Ich bin nicht religiös, ich mache das durch die Kunst. Mir gefällt es, die Leute zu überraschen. Weil ich es mag, selbst überrascht zu werden. Ich hasse es, ins Kino zu gehen und das Gefühl zu haben, genau zu wissen, was passiert. So komme ich nicht auf meine Kosten. Ich will ins Kino gehen und neue Dinge spüren. Sonst bleibe ich lieber auf meiner Couch und schaue Netflix.

Wie entwickeln Sie Ihre Figuren?

Es beginnt immer mit einem Detail, das ich irgendwo sehe und nicht aus dem Kopf bekomme. Da habe ich noch keine Geschichte und erst recht keinen Film beisammen. Ich fand etwa immer spannend, was die Künstlerin Marina Abramovic mit ihrem Mann Ulay machte. Wie sie nackt aufeinander zugingen und gegeneinander prallten (Anm. der Red.: «Relation in Space», 1977). Es tut weh, aber man kann nicht aufhören zuzuschauen. Irgendwie führte mich das zu der Geschichte über einen Körper, den jemand so gut kontrolliert, dass er eine komplexe Choreografie aufführen, ihn aber gleichzeitig nicht aus dem Haus bewegen kann. Am Anfang meines Films steht ja genau dieser Moment des Zusammenpralls. Die erwachsene Seconda trifft auf ihr junges Alter Ego.

Seconda verlässt ihre Komfortzone…

Das ist das Wichtigste. Besonders für uns in der westlichen Welt, gerade hier in der Schweiz. Es geht uns zu gut. Das Leben ist aber nicht überall so. Und wenn du hier nie rauskommst, verstehst du nicht, was im Rest der Welt vor sich geht. «Love Me Tender» ist dafür eine Metapher.


“Meine Filme sind keine Therapie. Sie entstehen, weil ich das Filmemachen liebe.”

KLAUDIA REYNICKE, Filmemacherin


Was fordert Sie heraus?

Alles Mögliche! Ich hasse das Fliegen. Ich habe sehr, sehr grosse Angst davor gehabt, Leuten zu sagen, was sie tun sollen. Dabei ist das mein Job als Regisseurin. Nach meinem ersten Kinofilm «Il Nido» war ich nicht glücklich mit dem, was ich sah. Ich habe die Schauspieler nicht genug gefordert. Ich hatte Glück, die Schauspieler waren wunderbar und taten ihren Job. Aber ich habe meinen nicht gemacht. Ich war frustriert und nahm mir vor, es beim nächsten Mal anders zu machen. Aber ich mag das immer noch nicht. Es ist kein Teil von mir. Meine Komfortzone ist an meinem Computer, mit meinen Kindern und meinen Schauspielern. Was verrückt ist, weil ich in verschiedenen Ländern lebte, seit ich Kind war. Wenn du mir heute sagst, dass ich morgen zu einem Meeting nach Budapest muss, drehe ich durch. Ich schaue dann auf Google Maps, wo ich übernachte, wo die Meetings sind, plane jeden Schritt voraus. Mein Magen schmerzt, ich kann nachts nicht schlafen. Aber ich tue es trotzdem. Und dann geschehen Dinge, die man vorher nicht für möglich gehalten hätte.

Sie haben in verschiedenen Ländern gelebt: Was ist Heimat für Sie?

Ich habe keine Wurzeln, aber verschiedene Zuhause. Darunter habe ich gelitten und es dann zu akzeptieren gelernt. Ich werde nie hundert Prozent irgendetwas sein, nicht peruanisch, amerikanisch, schweizerisch. Aber das ist okay. Auch meine Filme werden nie einem einzigen Genre zuzuordnen sein.

Was war die grösste Herausforderung bei «Love Me Tender»?

Das ist erst mein zweiter Film, ich kann nicht so tun, als wüsste ich, wie es läuft. Ich hatte Angst davor, dass das Drehbuch besser wäre als der Film. Und nun geniesse ich, dass auch er funktioniert. Zu sehen, dass man etwas in den Menschen auslöst – es gibt nichts Schöneres.

Was inspiriert Sie an Antihelden?

Ich fühle mehr mit Figuren, mit denen ich mich identifizieren kann. Und ich bin auch nicht immer nett, an manchen Tagen will ich nicht mal ans Telefon gehen. Mich interessieren diese inneren Kämpfe, normalerweise reden wir darüber ja nicht. Dabei kennen wir sie doch alle, oder?

In «Love Me Tender» geht es um eine Frau, die lernt, sich um sich selbst zu kümmern. Warum fällt das Frauen so schwer?

Ich dachte eigentlich immer, dass das ein generelles Problem ist, aber jetzt, wo Sie fragen: Es stimmt! Ich habe gerade gelesen, dass wir Frauen aufhören sollten, uns ständig zu entschuldigen. Kommt eine Frau zu spät zum Meeting, entschuldigt sie sich wortreich, kommt ein Mann zu spät, sagt er: «Danke, dass ihr auf mich gewartet habt, los gehts!» Das stimmt! Ich bin genauso. Unsere Gesellschaft macht uns glauben, dass wir Frauen nicht die Starken sind. Dabei halten wir in unserem Leben so viel Schmerz aus, jeden Monat, bei der Geburt unserer Kinder. Wir sind von Natur aus superstark, sonst würde das doch gar nicht funktionieren! Wenn von Frauen die Rede ist, etwa in romantischen Songs, sind wir zarte Pflänzchen. Willst du mich verarschen? Wir sind Kakteen!

«Love Me Tender» läuft im Tessin bereits in den Kinos, in der Deutschschweiz startet er am 26. März. Wir trafen Klaudia Reynicke im Restaurant Bottegone del vino in Lugano.