Bolero_Nicaragua-61

18. Mar 2017

TEXT VON

Tina Bremer

FOTOGRAFIEN VON

Tina Bremer

Im Land der Feuerberge

  • Share

Nicaragua ist eine Eruption an Farben und Naturschönheiten: Kolonialstädte, Traumstrände und Vulkane warten darauf, entdeckt zu werden. 
Galerie
Ginge es nach Statistiken, nach Zahlen und Wahrscheinlichkeiten, gäbe es in Nicaragua nicht viel zu lachen. Das Land ist das zweitärmste Lateinamerikas. Und überall dort, wo von der Hand in den Mund gelebt wird, ist auch die Bereitschaft gross, sich zu nehmen, was es zum Leben braucht, egal mit welchen Mitteln. Aber bekanntlich bestätigen Ausnahmen die Regel. Gerade erst wurde Nicaragua, das wie eine saftige grüne Sandwichgurke zwischen Costa Rica und Honduras liegt, von den United Nations erneut als eines der sichersten Reiseländer Zentralamerikas eingestuft.
 
Bolero_Nicaragua-56
BLUMENSTAND in San Juan del Sur.

 

«Nach Jahren der Revolution und des Bürgerkriegs wollen die Menschen hier vor allem eins – Frieden», erklärt Dennis Nadi die ungewöhnlichen Zahlen, das respektvolle Miteinander. Gemeinsam mit seiner Frau Saskia eröffnete der Fotograf und Art Director vor wenigen Wochen das Boutiquehotel Meson Nadi an der Pazifikküste in Tola. Nachdem der 36-Jährige durch die entlegensten Zipfel der Welt gereist war, beschlossen er und Saskia, ihre Heimat Rheinfelden zu verlassen und nach Nicaragua zu gehen. «Das Land ist sehr authentisch und es gibt wahnsinnig viel zu entdecken: Vulkane, den grössten zusammenhängenden Urwald Mittelamerikas, Seen und wunderschöne Kolonialstädte wie León oder Granada.»
 
Die sich seit ihrer Gründung 1524 ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern, wer die Wahl zur Schönheitskönigin aus Holz und Stein gewinnt. Gemessen an den Touristen, welche die beiden von den spanischen Eroberern erbauten Städte besuchen, hat das pittoreske Granada die grosse Schwester auf die Plätze verwiesen. Aber auch wenn Schönheit im Auge des Betrachters liegt: Die von Granada blendet jeden Sehenden. Pferdekutschen, welche übers Kopfsteinpflaster zuckeln, Patios, in denen Springbrunnen plätschern, und Häuser, so bunt wie das Land selbst: Drachenfruchtpink, Karibikhimmelblau und Avocadogrün. Ein Karneval an Farben, der am späten Nachmittag, wenn die Sonne sich in ihrem roten Abendkleid hinter den Horizont des Nicaraguasees zurückzieht, besonders laut aufspielt. Wenn die Glacéverkäufer ihre leise bimmelnden Wagen nach Hause schieben und die Bühne den Musikern oder Breakdancern überlassen, welche in der Fussgängerzone hinter der Kathedrale ihre Arme und Beine verbiegen, angefeuert vom Klatschen der Zuschauer.
 
Doch trotz all ihrer Farbenpracht, des fröhlichen Strahlens, mit welchem die Stadt der gewaltreichen Geschichte ins Gesicht lacht – Saskia und Dennis haben sich gegen Granada und für das Meer entschieden, um neu anzufangen. «Und das, obwohl wir eigentlich Stadtmenschen sind», sagt Saskia. Vor ihrem Umzug arbeitete die 28-Jährige als Kuratorin für den grössten Privatsammler von Helmut-Newton-Bildern in der Schweiz, als Produzentin für Modemagazine sowie den jüngst verstorbenen Ausnahmefotografen Daniel Josefsohn. «Unser beruflicher Background hat uns sehr geholfen, Design und Produktion sind unsere Kompetenzen. Das Meson Nadi zu eröffnen hat sich beinahe angefühlt, wie eine Sammlung zu kuratieren. Wir wollten so viel Nicaragua wie möglich in unser Hotel bringen.»
 
Saskia und Dennis Nadi in ihrem Boutiquehotel Meson Nadi

 

Und so fuhr Saskia wochenlang durchs Land, besuchte Webereien, Töpfereien, Glaser und Tischler. «Es gibt sehr gute lokale Künstler und Handwerker – die Schwierigkeit war nur, alles zu orchestrieren.» Nach vierzehn Monaten und vielen schlaflosen Nächten aber stehen die sechs palmwedelgedeckten Zimmer, liegen die marmorierten Kokosölseifen von der Karibikinsel Corn Island am Waschbeckenrand, sitzen die ersten Gäste am langen Tisch und erzählen bei Chardonnay und Quinoa-Salat mit Ziegenkäse von ihren Ausflügen. In die Inselwelt Las Isletas, auf die Vulkaninsel Ometepe oder von der Katamaranfahrt entlang der Costa Esmeralda. Vor allem Geschäftsmänner und Surfer aus den USA, die für ein verlängertes Wochenende kommen oder eine Auszeit nehmen, abseits der ausgetretenen Pfade. Nur hundert Kilometer entfernt, aber eine gedankliche Weltreise weit weg von Costa Rica, dort, wo die Bananen das Dreifache kosten und Kentucky Fried Chicken und Starbucks schon lange den amerikanischen Traum glorifizieren.
 
«Man merkt, wie der Tourismus in Nicaragua langsam anzieht, aber noch ist das Land ein Geheimtipp für Entdecker», meint Dennis. Kein Wunder, dass Immobilienspekulanten aus dem Ausland das grosse Geld wittern und sich die ersten Sahnestücke sichern. Auf Klippen mit Champagneraussicht oder an einsamen Die-Welt-kann-mir-gestohlen-bleiben-Buchten. Auch Schauspieler Matt Damon ist schon da, und Orlando Bloom baut gerade, gleich um die Ecke vom «Meson Nadi». Auf dem Wasser hat Dennis den Hollywoodstar aber noch nicht getroffen, dabei zieht es ihn jeden Morgen hinaus auf das grosse Blau. «Es gibt kein anderes Land auf der Welt, welches das ganze Jahr über derart gute Surfkonditionen hat.» Im Nest Popoyo, nur ein paar hundert Meter die Küste hinauf, haben in den vergangenen beiden Jahren die World Surfing Games stattgefunden.
 
Der Strand bei Tolo

 

Erste Anlaufstelle für Wellenreiter und Aussteiger war jedoch seit jeher das ehemalige Fischerdorf San Juan del Sur, dessen Hafen schon während des Goldrausches Mitte des 19. Jahrhunderts ein wichtiger Umschlagplatz war. Heute tummeln sich in der hufeisenförmigen Bucht keine Seemänner und Goldgräber mehr, sondern vor allem Rucksackreisende und von der Sonne und so manchem Ferienflirt geküsste Beachboys. Trinken im Barrio Café starkenschwarzen Kaffee aus dem Hochland oder in einer der bunt blinkenden Strandbars den Nationalcocktail Macuá, mit Guave, Orange, Limone und dem einheimischen Rum Flor de Caña. So zuckersüss, wiedie Nächte in San Juan del Sur lang sind.

Der Vulkan Concepcion

 

«Für einen Tag macht der Ort Spass, aber es ist vor allem die grandiose Natur, die in Nicaragua so speziell ist», sagt Dennis.Eine ganze Vulkankette zieht sich vom Norden in den Süden, vierzig Feuerberge, von denen sieben noch aktiv sind und vor deren Tobsuchtsanfällen man sich in Acht nehmen sollte. Am aufgebrachtesten ist der Masaya, rund zwanzig Kilometer südlich der Hauptstadt Managua. Eine kulturelle Hochburg, bis ein Erdbeben sie 1972 auslöschte und den Weg für 43 Jahre Somoza-Diktatur ebnete. Anschliessend ergriffen die Sandinisten die Macht, deren einstiger Guerilla-Chef Daniel Ortega sich gerade zum vierten Mal als Präsident wählen liess – ein zwielichtiger Amtsinhaber in Dauerschleife.
 
Den Masaya lassen die politischen Spielchen um ihn herum kalt beziehungsweise heiss. «Höllenschlund» nannten ihn die Christen und stellten an seinem Rand ein grosses Kreuz auf. Sicher ist sicher. Schliesslich meinten schon die Indios, dass im Bauch des Masayas die Hexe Chacitutique ihr Unwesen treibe und warfen zu ihrer Besänftigung Jungfrauen den Krater hinab. Noch immer gurgelt es in seinem rot glühenden Rachen, benebelt sein schwefeliger Atem die Sinne. Maximal fünfzehn Minuten dürfen die Besucher am Vulkan verbringen, das Auto auch ja mit der Front Richtung Strasse geparkt – für einen schnellen Abgang, sollte der Masaya wieder einmal die Beherrschung verlieren. Aber egal wohin die Fahrt auch gehen mag, eins ist gewiss: Es wird schön sein dort.
 
Anreise
AIRLINE
Zum Beispiel mit KLM über Amsterdam und Atlanta nach Managua. Edelweiss fliegt ab Mai zwei Mal wöchentlich direkt nach Costa Rica. Von dort aus ist es nur ein kurzer Flug nach Nicaragua, alternativ geht ein Bus. klm.com, flyedelweiss.com
 
Check–in
MESON NADI
Das Boutiquehotel verfügt über sechs Zimmer und liegt in Tola direkt am Meer. Nur fünfzehn Minuten entfernt befindet sich der Flughafen Costa Esmeralda, der sowohl von Managua wie auch von Costa Rica angeflogen wird. Die Inhaber bieten diverse Ausflüge an, etwa in die Isletas, zum Masaya oder nach Ometepe. Das Restaurant La Cantina serviert feinste Gerichte. DZ ab Fr. 150.—, mesonnadi.com
 
TRIBAL HOTEL
Eine wunderschöne Oase mitten in der Altstadt von Granada. Die New Yorker Restaurantgrösse Jean-Marc Houmard und sein Partner Yvan Cussigh haben ein Bijou mit Ethno-Chic geschaffen – besonders der Pool im Patio mit den Tagesbetten bietet in der Hitze eine willkommene Abkühlung. DZ ab Fr. 140.—, tribalhotel.com
 
FINCA MYSTICA
Am Fusse des Vulkans Maderas auf Ometepe liegt diese schlichte, aber hübsche Unterkunft. Sehr gutes Essen im Roots N Fruits Café. DZ ab Fr. 40.—, fincamystica.com
 
Anschauen
MASAYA
Eine Strasse führt auf den aktivsten Vulkan Nicaraguas – damit man zur Not schnell die Flucht ergreifen kann. Die flüssige Lava zu sehen ist ein Ereignis. nicaraguaportal.de/masaya
 
LAS ISLETAS DE GRANADA
365 kleine Inseln liegen im Nicaraguasee vor Granada. Auf einigen befinden sich Restaurants oder Hotels. Man kann in Granada Boote mieten.
 
ISLA DE OMETEPE
Ein Ausflug auf diese Vulkaninsel lohnt auf alle Fälle, egal ob tagsüber oder mit Übernachtung. Die Wanderschuhe nicht vergessen, um einen der Vulkane zu besteigen!
 
SAN JUAN DEL SUR
Quirliger Surferort mit vielen Bars. Hübsch ist auch der benachbarte Strand Playa Maderas. sanjuandelsur.org
 
GRANADA
Die Kolonialstadt gehört zum Kulturerbe der UNESCO. Man kann sie gut zu Fuss erkunden oder mit der Kutsche. nicaraguaportal.de/granada
 
Gourmet
THE GARDEN CAFÉ
Im grünen Innenhof sitzen und Smoothie schlürfen oder leckere Sandwiches essen. Angeschlossen ist noch ein kleiner Laden. gardencafegranada.com
 
NECTAR
«Nica»-Food auf gehobenem Niveau gibt es in diesem Restaurant in Granada. Sehr nette Bedienung.
 
BARRIO CAFÉ SAN JUAN DEL SUR
So sieht das perfekte Frühstück aus: ausgezeichneter Kaffee aus Nicaragua und leckere Pancakes. barriocafesanjuan.com
 
BAMBU BEACH CLUB
Stylishes Restaurant mit Fusionküche direkt am Strand von San Juan del Sur. sanjuandelsur.org/bambu-beach