20. Dec 2019

TEXT VON

Leoni Hof

FOTOGRAFIEN VON

Alexander Calder, «Mountains», 1956.

Im Tal der Kunst

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Das Engadin ist in Bewegung – selbst wenn man selbst nicht auf Schiern steht.

Alexander Calder (1898-1976) wacht auf an Deck. Eigentlich arbeitet er als Heizer im Kesselraum des Schiffs. Die Überfahrt geht von New York nach San Francisco. Der Amerikaner streckt seine grosse Gestalt, reibt sich den Schlaf aus den Augen. Vor ihm liegt die Küste Guatemalas, es ist früher Morgen. Die Sonne geht als strahlend roter Ball auf, auf der anderen Seite sieht Calder den Vollmond am Himmel stehen. Dieses Erlebnis hinterlässt bleibenden Eindruck bei dem damals 24-Jährigen. Das «Wunder des Universums» weckt in ihm den Wunsch, Maler zu werden. Tatsächlich wird Calder einer der stilbildenden Künstler des 20. Jahrhunderts. Bei Hauser & Wirth in St. Moritz umreisst nun die Ausstellung «Calder» das Schaffen des Künstlers von den frühen 1940er-Jahren bis 1976.

«Untitled», 1970. Alle folgenden Werkbilder © 2019 Calder Foundation, New York / Artists Rights Society (ARS), New York / ProLitteris, Zurich.

1930 zieht Calder nach Paris und lernt dort u.a. Piet Mondrian kennen. Aus dieser Begegnung entstehen seine ersten «Mobiles», die scheinbar nicht der Schwerkraft unterliegen. Sie wirken leicht und elegant, auch wenn sie meterhoch sind, poetisch und heiter. Mit ihnen wird Calder bekannt. Damit, Abstraktion und Bewegung miteinander zu verbinden. In St. Moritz sind seine späten Mobiles und Bilder sowie eine monumentale Aussenskulptur zu erleben.

Ausstellungsansicht «Calder», Hauser & Wirth, St. Moritz.

Calder dachte die Skulptur von Grund auf neu, indem er die vierte Dimension und die Unmittelbarkeit der Echtzeiterfahrung einführte. Die ausgestellten Werke widerspiegeln diesen direkten und innovativen Kunstansatz, mit dem er eine Praxis etablierte, die zwischen Monumentalität und Intimität, zwischen Zwei- und Dreidimensionalität oszillierte. Sein Leben lang interessierte sich der lebenslustige Künstler für Balance und Form. Mit seinen Arbeiten sprengte er die Grenzen der modernen Kunst, ab 1953 wird er mit seinen Grossskulpturen monumental. Die Ausstellung «Calder» bei Hauser & Wirth läuft noch bis zum 9. Februar 2020.

Ausstellungsansicht «Calder», Hauser & Wirth, St. Moritz.
«Untitled», c. 1942.
«Untitled», 1975. «Crag», 1974.

Wo übernachtet man?

Alfred Hitchcock verbrachte hier seine Flitterwochen, ein Vogelschwarm, der übers Hotel kreiste, inspirierte ihn denn auch zu seinem Klassiker «Die Vögel»: Das Badrutt`s Palace ist eine Institution und gehört zu St. Moritz wie der Champagner. Den bekommt man hier auch, vorher zelebriert man den Afternoon Tee in der legendären «Grand Hall», mit Köstlichkeiten aus der hauseigenen Patisserie und einer der 28 verschiedenen Teesorten, die zur Auswahl stehen. Übrigens: Auch Hitchcock liebte den Wintersport nur «aus der Ferne». Was ihn nicht davon abhielt, 34 Mal ins Badrutts`s Palace zu kommen.

Wo trifft man sich?

In die gemütliche Chesa Vegglia zieht es früher oder später jeden. In einem der ältesten Bauernhäusern im Herzen von St. Moritz kann man zwischen drei verschiedenen Restaurants und zwei Bars wählen. In der Pizzeria Heuboden etwa wird die berühmte «Dama Bianca» serviert, ein Klassiker mit Taleggio, Mozzarella di bufala, Parmigiano und Tartufi. Man ist hier schliesslich nicht irgendwo.

Wo hört man genauer hin?

Die Engadin Art Talks bringen hochkarätige Redner nach Zuoz. Im Januar werden etwa der Künstler Doug Aitken, der Autor und Abenteurer Erling Kagge oder die Komponistin Isabel Mundry erwartet. Thema der Talks wird sein «Silent – Listen».

Was schaut man sich sonst noch an?

Seit einem Jahr hat das Muzeum Susch im gleichnamigen Ort geöffnet. Ein architektonischer Coup ist dem jungen Architektenduo Chasper Schmidlin und Lukas Voellmy damit gelungen. In und unter einer alten Klosterbrauerei entstand ein kultureller Hotspot mit kleinem Restaurant. Vom 29. Dezember bis 28. Juni 2020 läuft im Museum die Ausstellung «Up to and Including Limits: After Carolee Schneemann».

Auf Chasper Schmidlin trifft man auch in Madulain, er ist neben Gian Appenzeller der Mitgründer der Galerie Stalla Madulain, die sich in einer ehemaligen Stallung befindet. Bis Anfang Februar 2020 sind hier die Malereien des Schweizer Künstlers Conrad Jon Godly zu sehen.

Ein Ausflug ins Unterengadin lohnt, hier überblickt das Schloss Tarasp seit Jahrhunderten die Region. Illustrer Schlossherr ist der Künstler Not Vital, der im alten Gemäuer zeitgenössische Kunst (auch die eigene) beherbergt. Das Schloss Tarasp kann ausschliesslich im Rahmen einer Führung besucht werden. Was man unbedingt tun sollte.