19. Apr 2020

TEXT VON

Dominique Raemy

FOTOGRAFIEN VON

Simon Koy, Tim Clinch, Andreas Muhs, juliasomething.com, Jorge Fernandez Sales on Unsplash

In die neue Welt

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Wem das Nächste langweilig und das Fernste undenkbar ist, für den ist die Ukraine gerade richtig. Eine Reise zwischen Kiew, Lwiw und Odessa, die wir vor Corona genossen haben. 

Es ist wieder so weit. Ich will raus. Aber wohin? Manchmal sind mir die Alpen zu bergig und Florenz ist mir dann zu hübsch. Für ein wenig Abenteuer wäre ich zu haben. Ich bin ja nicht lebensmüde und meine Mittelstandsnerven sind schwach. Trotzdem: Meine Sehnsucht wandert nach Osten, aus der Zone des Gewohnten hinaus bis zu dem Punkt, jenseits dessen ich keine Vorstellung von der Welt mehr habe. Und dann steht da Odessa. Die Reise kann beginnen.

AUSSICHT Blick auf den Majdan Nesaleschnosti (Unabhängigkeitsplatz) vom Hotel Ukrajina.

Wann immer Staatsoberhäupter mit einem Hang zum Autoritarismus eine Halbinsel, ein Versteck für ihr Geld oder Vorteile im Wahlkampf suchen, dann gehen sie in die Ukraine. Alle anderen Menschen bleiben fern oder wollen weg. So jedenfalls mag es mir erscheinen. Es sei mir bitte verziehen, dass ich das Land in einem so düsteren Licht wahrnehme, denn schliesslich machte die Ukraine in den letzten Jahren vor allem mit Negativschlagzeilen von sich reden. Sie ist jedoch nicht bloss Austragungsort für internationale Konflikte, sondern auch eine äusserst reizvolle Feriendestination. Hier verschmelzen Epochen und Kulturen zu einer Identität, ohne Brüche je ganz zu verdecken.

ARCHITEKTUR Der Rynok-Platz in Lwiw ist seit 1998 Teil des UNESCO-Welterbes.

Der Flughafen von Kiew ist wie jeder andere Flughafen. Ausser vielleicht, dass er Бориспіль heisst, was mich daran erinnert, dass ich kein Kyrillisch lesen kann. Der freundliche Fahrer, der mich zum Hotel bringt, spricht dafür fliessend Ukrainisch, Russisch, Französisch und Englisch. Er war Berufssoldat und hat unter drei Flaggen gekämpft: zuerst im Dienst der Sowjetunion, welcher die Ukraine bis 1991 angehörte, danach für die Ukraine selbst und zuletzt für die französische Fremdenlegion. Nun ist der Körper müde und die Rente klein. Deshalb fährt er Taxi. Das ist keine ungewöhnliche Biografie in diesem Land, dessen Menschen es gewohnt sind, auf wechselnde Herrscher und Lebensumstände mit dem nötigen Pragmatismus zu reagieren.

FRISCH Bäuerinnen verkaufen Gemüse auf einem Markt in Lwiw.

Keine andere Unterkunft der Dreimillionenstadt Kiew hat das Charisma des Hotels Ukrajina. Der 1961 erstellte Bau verkörpert den ästhetischen Geschmack sowjetischer Funktionäre. So etwas findet man selten. Von den Zimmern des 16-stöckigen Gebäudes überblickt man den Unabhängigkeitsplatz, das Herz der Stadt. Zu beiden Seiten davon erstreckt sich der Boulevard Chreschtschatyk. Ihm entlang spazieren abends und an den Wochenenden Tausende; Pärchen essen Glace, Kinder spielen in Brunnen, Breakdancer purzeln über den Asphalt und Teenager tun, was Teenager halt so tun. Für eine Metropole ist Kiew überraschend sanftmütig und lässt sich darum gut zu Fuss erkunden.

WEITE Badende in Odessa, der Perle am Schwarzen Meer.

Ich beginne meine Stadttour in der Bessarabska-Markthalle, wo es allerlei Frisches und Eingelegtes gibt, und esse mich dann allmählich durch die Stadt. Kulinarisch gibts viel zu entdecken. Ich koste hier eine Okroschka (kalte Suppe), dort eine Perepichka (Würstchen im Teig) und plötzlich stehe ich vor den goldenen Kuppeln der Sophienkathedrale. Ihr Fundament wurde vor tausend Jahren gelegt, die ursprüngliche Architektur der Hagia Sophia in Konstantinopel nachempfunden. Es ist bei Weitem nicht das einzige prunkvolle Bauwerk der Stadt. Auch die Dächer des nahe gelegenen St.-Michael-Klosters funkeln, wenn die Sonne durch die Wolken bricht. Ja, dieses Licht. Sanft legt es sich auf alles; auf die Brücken, die mit Steuergeldern nicht fertiggebaut wurden, auf die unbewohnten Puppenhäuser der Oligarchen im Stadtteil Vozdvizhenka, auf die bewohnten Plattenbauten aus der Sowjetzeit.

ÖFFENTLICHER VERKEHR Seit 1910 fahren in Odessa elektrische Trams.

Wer genug hat vom Licht, kann auch ins Dunkel. Von der Oberstadt geht es dem Andreassteig entlang, durch eines der ältesten und schönsten Quartiere herunter nach Podil, dem Williamsburg Kiews. Ich steige in eine der U-Bahn-Stationen hinab, die hier immer auch als Atombunker konzipiert sind. Einige sind schlicht, andere dagegen opulent verziert und mit Kronleuchtern behangen. Auf dem Netzplan versuche ich die Station Arsenalna zu entziffern, die tiefste U-Bahn-Station der Welt. Aus über hundert Metern steigt die Rolltreppe aus dem Erdinneren hoch.

Kiew ist eine ewige Stadt, ein Rom des Nordens.

HONORÉ DE BALZAC (1799 – 1850), französischer Schriftsteller

Erst hier werden mir die Dimensionen bewusst. Eine unfassbar lange Zeit stehe ich in dieser Röhre, bis ich nicht mehr weiss, wo oben und unten ist. Ich folge der leichten Biegung des Dnjepr-Flusses durch den Marien park zurück in Richtung Innenstadt. Kiew, das sich wie Paris über sieben Hügel erstreckt, geht ganz schön in die Beine. Aber jeder Schritt hat sich gelohnt.

PRÄCHTIG Die Einkaufspassage Odessas beherbergt Läden, Restaurants und ein Hotel.

Ich verlasse Kiew im komfortablen Schnellzug in Richtung Westen. Fünf Stunden entfernt, nahe der polnischen Grenze, liegt nämlich das zauberhafte Lwiw, auch Lemberg genannt. Die Stadt ist ein Geheimtipp. Nur ein Lebkuchendorf könnte putziger sein. Das Zentrum blieb im Zweiten Weltkrieg von schweren Kampfhandlungen verschont, weshalb hier Architekturstile aus Jahrhunderten zusammenkommen – Renaissance trifft auf Barock, Klassizismus und Jugendstil. Durch die Strassen quietscht das Tram, vorbei an den traditionellen Kaffeehäusern mit dem beschürzten Personal, vorbei auch an den Schokolademanufakturen, für die Lwiw bekannt ist. Auf dem Kopfsteinpflaster haben Bäuerinnen der Region ihre Ernte zum Verkauf ausgelegt. Auf den Plätzen der Stadt wird musiziert. Touristen und Einheimische sitzen in Bars und trinken lokales Bier. Das beste der unzähligen Lemberger Restaurants ist das Baczewski mit seinem luftigen Speisesaal. Ich will nie mehr aufstehen von den grünen Samtsesseln und weiter Borschtsch essen, umgeben von Hängepflanzen und Volieren. So unbeschwert kann das Leben sein an der Weggabelung zwischen West und Ost. Aber ich muss weiter. Odessa ruft.

AUSZEIT Bänke in Kiew eignen sich bestens zum Nachdenken über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Der Zug dorthin ist ausgebucht. Bleibt nur der Fernbus. Ich hoffe auf eine entspannte Reise und weiss doch, dass ich meinen Platz in einer Schrottkiste gebucht habe. Elf Stunden bleibe ich in die gebrochene Sitzschale gefaltet, während wir durch die Nacht rasen. Ich will gar nicht daran denken – lieber an Odessa. Denn ich habe von Odessa geträumt, noch bevor ich den Namen kannte. Und ich bin da nicht der Einzige. Katharina die Grosse hatte vor zweihundert Jahren die Festung namens Neue Welt den Osmanen abgenommen und auf dem besetzten Gebiet Odessa gegründet. Als wichtiger Schwarzmeerhafen blühte die Stadt auf. Boulevards wie in Paris wurden gebaut und eine Oper wie in Wien. Den Charme jener Zeit hat sich Odessa bewahrt. Ich schlendere unter den Bäumen der Alleen und wähne mich in der Zeit des Dichters Alexander Puschkin, der hier eine Weile lebte. Vom Meer weht ein Wind. Er zieht mich an. Und dann stehe ich auf der berühmtesten Treppe der Filmgeschichte. In Sergej Eisensteins «Panzerkreuzer Potemkin» schiesst an dieser Stelle die Armee des Zaren auf die Bevölkerung und sät damit den Zorn, der erst mit der Russischen Revolution gestillt wird. Heute ist es zum Glück ungefährlich auf den 192 Granitstufen. Geschossen wird nur noch im Osten der Ukraine, im Donbass. Aber das ist weit weg von Odessa, weit weg von den Schönen, die in Nachtklubs tanzen und weit weg von Familien, die während der Sommerferien an die Strände pilgern. Im milden Klima vergisst man leicht die Risse, die durch dieses Land gehen. Zu schön ist es hier. Ich will gar nicht daran denken.

REISEN

Anreise

Swiss bietet viermal wöchentlich Direktflüge von Zürich nach Kiew an.

Hotels

UKRAJINA KIEW Das Hotel mit seinen 375 Zimmern befindet sich an Kiews bester Lage. Sowjetisches Ambiente lässt vermuten, dass sich in der Lobby früher Spione verstohlene Blicke zugeworfen haben und in den Lampenschirmen heute noch vergessene Abhörwanzen stecken. DZ ab Fr. 75.–.

LEOPOLIS HOTEL LVIV Das Hotel Leopolis wurde mehrfach als bestes Hotel der Ukraine ausgezeichnet. Es befindet sich in der Altstadt von Lwiw, in einem Gebäude aus der Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie. Die 72 modernen Zimmer sind mit viel Gespür eingerichtet. Wer sich nach einem Stadtrundgang ausruhen möchte, kann dies im hoteleigenen Wellnessbereich tun. DZ ab Fr. 110.–.

BRISTOL HOTEL ODESSA Vom bekannten russischen Architekten Bernardazzi im Renaissancestil mit Barockelementen gebaut, sticht das über hundert Jahre alte «Bristol» noch immer aus dem Stadtbild heraus. Das Fünfsterne-Hotel liegt im kulturellen Zentrum Odessas, nahe dem Philharmonischen Theater und dem Puschkin Museum. Nach Renovationsarbeiten eröffnete das architektonische Juwel 2011 seine Zimmer wieder für Gäste. DZ ab Fr. 90.–.

Sehen

KIEV WALKING TOURS bieten ausgezeichnete Führungen an, die auf individuelle Interessen zugeschnitten werden können. Beliebt sind unter anderen Tagestouren nach Tschernobyl. Vom Unabhängigkeitsplatz starten ausserdem mehrmals täglich kostenlose Rundgänge zu allen Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt.

TRANSNISTRIEN Die völkerrechtlich nicht anerkannte Republik Transnistrien ist eingeklemmt zwischen der Ukraine und Moldawien. Nur eine Stunde von Odessa sitzen noch Beamte mit übergrossen Schirmmützen wie zu Zeiten des Kalten Krieges. Achtung: Kreditkarten funktionieren hier nicht und Bankomaten hat es keine. Ohne Bargeld kann man sich den Ausflug sparen.

Gourmet

DACHA Im weitläufigen Garten des Restaurants Dacha werden hervorragende Speisen serviert. Herzstück des Anwesens am Französischen Boulevard von Odessa ist ein Landhaus, in dem sich im 19. Jahrhundert die Boheme der Stadt traf. Die Marmeladen und eingelegten Früchte in den Regalen tragen ebenso zum traditionellen Setting bei wie das knarrende Riemenparkett und die Korbstühle.

BACZEWSKI Hier kocht das Team um Oleksandr Chernyshenko galizische Gerichte, in denen Einflüsse der jüdischen, polnischen, ukrainischen und ungarischen Küche zusammenspielen. Die Barkeeper im Keller des Hauses meistern die Cocktailklassiker ebenso wie ausgefallene Eigenkreationen. Das Restaurant in der Altstadt von Lwiw hat sich als Destination für Foodies etabliert, weshalb eine Reservation empfohlen ist.

MILK BAR Für alle Schweizer, die nicht auf ihre tägliche Milchration verzichten wollen, gibt es die Milk Bar. Im Café werden cremige Milkshakes und die beste Glace der Stadt gezaubert. Neben allem Möglichen aus Milch kann man hier aber auch herzhaft frühstücken oder sich mit einem Cocktail auf das Kiewer Nachtleben einstimmen.