15. Mar 2020

TEXT VON

Kristin Müller

FOTOGRAFIEN VON

Ana Santl, Ludovic Jacôme

La Plus Jolie

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Atemberaubende Schönheit, endlose Vielfalt: L’Île de la Réunion, die wilde Perle im Indischen Ozean.

Es war circa vier Uhr nachmittags, wir hatten gerade eine Rum-Destillerie besucht, Degustation inklusive. Wir sassen im Auto, leicht angetrunken, die Klimaanlage auf höchster Stufe, hinter den Scheiben brannte die Sonne. Und dann kommt am Radio dieses Lied: «La plus Jolie», die Schönste von allen – eine Ode der Band PLL an ihre Heimat: La Réunion, die kleine Insel im Indischen Ozean, die uns zu dem Zeitpunkt schon seit 48 Stunden in Staunen versetzt. Der lupfige Beat dröhnt durch den Wagen. Ich blicke aus dem Fenster – und da ist er, der Moment, in dem alles passt. Obwohl die Schreibarbeit noch in weiter Ferne liegt, weiss ich jetzt schon, wie der Titel meiner Geschichte lauten wird: «La plus Jolie». Inspiriert von der Liebeserklärung anderer. Eine, unter die auch ich meinen Namen setze. Mit dicken, schwarzen Grossbuchstaben. Wasserfest.

KONTRAST- REICH Karg und trocken im Westen, nass und grün im Osten: La Réunion ist eine Insel mit vielen Gesichtern

Knapp siebenhundert Kilometer östlich von Madagaskar liegt sie, gute 2500 Quadratkilometer ist sie gross, gerade mal 850 000 Menschen nennen sie ihr Zuhause. Als Reunionesen bezeichnen sie sich. Und als Franzosen. Seit 1946 zählt die Insel zu den Übersee-Departementen unseres Nachbarlandes, den ehemaligen französischen Kolonien, die nach dem Zweiten Weltkrieg zu besagten «Départements d’outre-mer» wurden. Somit ist die Amtssprache Französisch, die Währung der Euro, die Gesetze jene der Europäischen Union. Und doch, La Réunion ist nicht wie Frankreich. Und das ist auch gut so.

Unser Guide heisst Rolande und sie strahlt heller als die Sonne. Die gebürtige Madegassin ist vor «vielen, vielen» Jahren nach La Réunion übergesiedelt. Und geblieben. Wird bleiben, für immer. «Für mich, La Réunion ist le paradis. Und am Ende von diese Reise, ihr werdet das auch sagen.» Sie sollte recht behalten.

EXPLOSIV Der Piton de la Fournaise ist einer der aktivsten Vulkane der Welt, der Besuch von Krater und umliegender Mondlandschaft ein Muss.

Unter strahlend blauem Himmel brechen wir auf in Richtung Osten, in Richtung des Cirque de Salazie. Der Talkessel gilt als üppigster, schönster, eindrücklichster der Insel. Und tatsächlich verschlagen uns seine grün bewachsenen, beängstigend hohen Steilwände die Sprache. Während wir da so stehen und staunen, ziehen plötzlich aus dem Nichts Wolken auf, es wird dunkel. Und dann entlädt sich der Himmel über uns. An keinem Ort der Erde fällt so schnell so viel Regen wie hier. 3929 Millimeter in drei Tagen – dieser Weltrekord von 2007 liefert den Beweis. Und obwohl während unserer Fahrt auf der kurvenreichen Strasse von Salazie bestimmt keine Rekordmengen fallen, ist die Szenerie – die dunklen Felsen, die Unmengen von Wasserfällen, die plötzlich überall aus den Steilwänden schiessen – an Drama und wilder Schönheit kaum zu überbieten. Unsere Nasen kleben an den beschlagenen Scheiben. Selten haben wir Regen so geliebt.

Der Weg führt weiter in Richtung Süden, der Küste entlang, vorbei an sanften Hügeln voll Zuckerrohr. Überall am Strassenrand verkaufen Einheimische Litschis. «Zwei Euro fürs Kilo, das kaufen wir nicht, das ist Wucher!», schimpft Rolande. Wir schmunzeln. Kurz hinter Saint-Rose sind wir am Ziel unserer Etappe: les Coulées de Lave. Die Lavaströme.

MARKTKULTUR Fast jedes Dorf hat einen eigenen Markt. Der bekannteste: der Marché Couvert de Saint-Paul.

La Réunion entstand vor circa drei Millionen Jahren durch das Auftauchen einer Vulkankette aus dem Indischen Ozean. Deren mit 2631 Metern über Meer zweithöchster Gipfel, der Piton de la Fournaise, zählt mit mehr als einer Eruption pro Jahr zu den aktivsten Vulkanen der Welt und steht unter ständiger Beobachtung. Aufgrund der topografischen Beschaffenheit der Insel bergen die Ausbrüche für die lokale Bevölkerung keine Gefahr. Die steilen Hänge des Südostens, an denen sich die Lava jeweils den Weg zum Meer hinunter bahnt, sind unbebaut, die Strassen werden bei Anzeichen von Gefahr für den Verkehr gesperrt. Wir haben Glück, die einzige Lava, der wir begegnen, ist längst erkaltet. Eine Gesteinslandschaft der ganz besonderen Art.

Haben wir die Lavaströme hinter uns gelassen, zeigt uns die Insel ein abermals komplett neues Gesicht. Palmen und farbenprächtige Tropenblumen säumen die Hauptstrasse, kleine, einstöckige Häuser in Gelb, Blau, Rosa ragen aus dem wilden Grün. So lieblich die Szenerie entlang der Strasse auch sein mag, die Küste ist rau hier unten. Von schwarzen, scharfkantigen Klippen aus spähen wir ins tosende Wasser hinunter, schauen gebannt zu, wie die Wellen gegen die Felsen donnern. Das Einzige, was an dieser Stelle vom Land aus ins Meer gleiten darf, ist Lava, denn auf dem Grossteil der Insel herrscht Badeverbot. Nachdem wir die Spuren der Vulkanausbrüche ausgiebigst bewundert haben, ist es an der Zeit, den Unruhestifter aus nächster Nähe anzuschauen: Wir machen uns auf den Weg hoch zum Piton de la Fournaise. Die Fahrt führt uns von der Südküste via Le Tampon auf die Hochebene La Plaine des Cafres – sanftgrüne Hügel voller weidender Milchkühe, «die Schweiz der Insel», wie Rolande mir mit einem Zwinkern zuflüstert. Wir halten, schauen, fahren weiter. Die Wiesen werden zu Wald, der Wald wird zu Busch und plötzlich stehen wir auf dem Mond. Zumindest sieht es auf dem La Plaine des Sables danach aus: 360 Grad braun – braune Felsen, braune Erde, braunes Nichts. Aus der Tiefe schiessen in rasantem Tempo schwarzgraue Wolken empor. Wir durchqueren die Ebene, fahren hoch zum Krater. Still und schwarz und riesig liegt er vor uns. Wir bleiben lange, setzen uns ab von den anderen Touristen, geniessen mit allen Sinnen. Gesprochen wird wenig. Dieses Fleckchen Erde ist spektakulär.

Auf einer Insel, so facettenreich wie La Réunion, kann auf so viel Ruhe und Seelenfrieden nur eins folgen: Anstrengung, Atemlosigkeit, Schweiss. Während wir den Talkessel von Salazie bequem per Auto erkundet haben, wir höchstens aufgrund der vielen Kurven zu leiden hatten, hält unser Ausflug in den Kessel von Mafate eine andere Art der Herausforderung für uns bereit.

VANILLE BLEUE Die mehrfach ausgezeichnete, begehrteste Vanille der Welt, ist das berühmteste kulinarische Exportprodukt der Insel.

Bis zum heutigen Tag sind die Îlets, die kleinen Plateaus, auf denen die Bewohner von Mafate ihre Häuser errichten, nur zu Fuss oder per Hubschrauber erreichbar. Unbeeindruckt vom technischen Fortschritt lebt man hier komplett in Frieden – und begrüsst und bewirtet die erschöpften Wanderer mit genau diesem im Gesicht. Ob es an der einfachen Herzlichkeit liegt oder an den rund vierhundert Höhenmetern in den Beinen, das hier oben von einer einheimischen Familie zubereitete Cari – das Nationalgericht, bestehend aus Reis und verschiedenen Schmoreintöpfen – schmeckt uns besser als irgendwo sonst. Mit vollen Bäuchen setzen wir uns raus in den Garten, geniessen den wahnsinnigen Ausblick. Bevor wir einer nach dem anderen selig einschlummern und erst von den Rotoren des herannahenden Helikopters zurück in die Wirklichkeit gerissen werden. Wie gerne hätten wir mehr Zeit gehabt, wie gerne wären wir weitergewandert. Zwei Tage, drei Tage, vier – wie schön wärs gewesen …

Unsere Route führt uns mit dem Heli zurück ans Wasser, wir übernachten in einem der Strandhotels an der 22 Kilometer langen Lagune von La Réunions Westküste. Zum ersten Mal seit unserer Ankunft baden wir im Meer. Durch das Korallenriff vor den starken Strömungen und den in den umliegenden Gewässern lebenden Haien geschützt, höckeln wir uns ins kristallklare Wasser und schauen zu, wie die Sonne langsam im Meer versinkt. Diesem Moment purer Inselromantik ergebe ich mich widerstandslos.

Und dann ist er auch schon da, der Tag der Abreise. Bevor wir aber spätabends in den Flieger Richtung Zuhause, Richtung Winter und Schnee, steigen, erkunden wir noch die letzte Facette von La Réunion: diejenige mit weissen Palmenstränden, Delfinen am Horizont, Beach-Bars, in denen jeder Badehose und keine Schuhe trägt. Mit einem Katamaran segeln wir der Küste entlang, trinken Rumpunsch, oder «Rhum arrangé», wie die Reunionesen es nennen. Und tanken nochmals alles an Sonnenstrahlen, was unsere blassen Winterkörper auszuhalten vermögen. Ein letztes Mal tauchen wir ins Meer, waschen uns dann unter der Dusche wehmütig den Sand von den Zehen, das Salz aus dem Haar…

MAGISCH Lichtstimmungen wie diese verdanken die Insulaner den häufigen, teils extremen Wetterwechseln innert kürzester Zeit.

Wie viele Inseln unser Grüppchen von Reisejournalisten wohl bereits besucht hat? An wie vielen Stränden gestanden, wie vielen Inselmelodien gelauscht. Müssten wir unter allen wählen, jene küren, die uns am meisten beeindruckt haben – der Name La Réunionliesse nicht lange auf sich warten. In den fünf Tagen, während denen wir die Insel im Eiltempo umrunden durften, fühlten wir uns an die Berge von Hawaii erinnert, an die farbigen Dörfer der Karibik, die Kuhweiden der heimischen Alpen, die kargen Steppen Marokkos. Wir durchquerten Buschland, das Sehnsucht nach Australien in uns wach werden liess, erspähten Wildblumen, die wir zuletzt in Tahiti am Wegrand wachsen sahen. Eine kleine Insel, eine ganze Welt.

Wer die elf Stunden Nachtflug auf sich nimmt, findet hier endlos viele Möglichkeiten des Draussenseins. La Réunion will erkundet werden, so oft wie möglich abenteuerlich, wenn immer machbar mit Rucksack und zu Fuss. Wer einfach nur baden will, ist hier falsch, wird das Schönste, Eindrücklichste verpassen, wird die Insel als medioker wahrnehmen, wo sie doch eigentlich den Superlativ verdient. Trotz beachtlicher Touristenzahlen ist sie im Herzen wild geblieben und wird dies – so hoffen wir zumindest – auch immer sein. Wir haben uns Hals über Kopf verliebt in ihre Farben, ihre Formen, ihre unbändige Natur. In den tiefen Frieden, mit dem sie und der kunterbunte Haufen Menschen, die sie ihr Zuhause nennen, uns empfangen haben.

Anreise

Die lokale Fluggesellschaft Air Austral fliegt täglich über Nacht ab Paris-Charles-de-Gaulle. Aufgrund des Codesharing-Abkommens mit u.a. Air France und Swiss kann das Gepäck durchgecheckt werden. air-austral.comCheck–in

DIANA DÉA LODGE Holz, Stein, Leder und Glas – ein bisschen fühlt man sich wie in einer Schweizer Jagdhütte, während man da so sitzt und auf den Indischen Ozean blickt. Wenn auch etwas überraschend im Stil, die Qualität lässt keine Wünsche offen. DZ ab Fr. 265.–.

PALM HÔTEL & SPA Die wunderbare Sicht auf die Küste des Südens ist nur eines der Argumente, die für das liebevoll gestaltete Fünfsternehaus sprechen. Ein Nachtessen hier sollte man sich auf gar keinen Fall entgehen lassen. DZ ab Fr. 320.–.

NESS BY D-OCEAN Modern, lichtdurchflutet, mit direktem Zugang zum Badestrand – die perfekte Basis für ein paar erholsame Nächte in La Réunions Lagune. DZ ab Fr. 225.–.

Gourmet

VILLA MARTHE Wer sich auf den kurvenreichen Strassen des Talkessels Salazie vorwärtskämpft, kann sich im kleinen Gartenlokal in Hellbourg von den Strapazen erholen. Das Cari schmeckt köstlich, die Portionen haben es aber in sich. T. +262 692 08 64 37

LA MARMITE DU PÊCHEUR Das kleine Restaurant in Saint-Philippe punktet nicht mit charmantem Interieur, aber mit einheimischen Spezialitäten und Rhum arrangé.

LE VIEUX BARDEAU Was am üppigen Buffet an kreolischen und reunionesischen Spezialitäten auf den Teller geladen wird, verzehrt man an Holztischen mit kunterbunten Wachstischtüchern in herrlich lockerer, familiärer Atmosphäre. T. +262 262 59 09 44

RONDAVELLE L’UNI VERT Das Strandrestaurant serviert Frisches und Leichtes vom Land und aus dem Meer, während die Gäste mit nackten Füssen im Sand die Insel spüren. T. +262 262 61 54 36

Sehen

PITON DE LA FOURNAISE Wen die Anfahrt allein nicht schon aus den Socken haut, dem wird spätestens beim Anblick der Mondlandschaft der Plaine des Sables die Spucke wegbleiben. Und der eigentliche Krater kommt erst noch … Unser absolutes Highlight!

CIRQUE DE SALAZIE Der Talkessel von Salazie wurde 2010 von der UNESCO als Teil des Welterbes unter Schutz gestellt. Seine üppige Vegetation, die hohen Felswände und unzähligen Wasserfälle verschlugen uns den Atem. Hoffen Sie auf Regen.

CIRQUE DE MAFATE Entlang felsiger Schluchten, durch eiskalte Flüsse und furchteinflössende Steilwände empor auf die Îlets, die Hochplateaus, wo Mafates Bewohner mehr oder weniger in Isolation ein zeitloses Leben geniessen. Ein Wandererlebnis vom Feinsten.

VANILLEPLANTAGE ESCALE BLEUE Für internationale Spitzenköche das Mass aller Dinge: die blaue Vanille, die angeblich beste der Welt. Im Verlauf der Führung erfährt man alles – ausser ihr Geheimnis.

LAVATUNNELS Wer die erkalteten Lavaströme von 2007 nicht nur von oben begutachten will, kann sich mit erfahrenen Führern in ihre Tunnels wagen. Heiss, stellenweise extrem eng, aber definitiv ein Erlebnis!