07. Apr 2018

TEXT VON

Laura Catrina

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© Imaxtree

Label mit Biss

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Lacoste feiert seinen 85. Geburtstag. Dank Kreativdirektor Felipe Oliveira Baptista ist die Marke mit dem Krokodil immer noch angriffslustig.

Felipe Oliveira Baptista empfängt zum Interview im Hauptquartier von Lacoste im 9. Arrondissement von Paris. Die Luxuskaufhäuser Galeries Lafayette und Prin­temps befinden sich in Laufweite, doch in den un­prä­ten­ti­ös eingerichteten Büros des Unternehmens herrscht eine sympathische Bodenständigkeit. Die 1933 von Tennisprofi René Lacoste gegründete französische Kleidermarke ist dank ihrem Krokodillogo weltberühmt geworden. Seit 2010 ist der 43-jährige Portugiese, der zuvor zehn Jahre lang sein eigenes Label führte, Kreativdirektor und lotet mit seinen Laufstegkollektionen die Grenzen zwischen Sportswear und High-Fashion aus. Mit Erfolg.


BoleroLacoste wird dieses Jahr 85. Was hat Sie an der Geschichte der Marke am meisten inspiriert?

Felipe Oliveira Baptista Ihre ewige Jugendlichkeit, die sie prägt, seit Gründer René Lacoste die Ärmel seines weissen ­Popelinehemdes, in dem er jeweils Tennis spielte, abschnitt und es in Jersey fertigte. Das war ein fast schon punkiger Akt und gleichzeitig eine Befreiung des Körpers – der Ursprung dessen, was in der Mode des 20. Jahrhunderts kommen und passieren würde. Andererseits mag ich den demokratischen Aspekt der Marke. Wie sie Menschen jeglicher Nationalität, Farbe, Religion,­ sozialer Stellung, sexueller Orientierung akzeptiert. Unterschiedlichste Leute tragen Lacoste, und das in Zeiten, wo es Tendenzen gibt, Minderheiten auszugrenzen. Mode hat die Macht, Diversität zu propagieren. Das versuche ich vorwärtszutreiben.­

Wie gelingt es einer so traditionsreichen Marke, zeitgemäss und relevant zu bleiben?

Man muss stets neugierig sein und über unsere Zeit nachdenken, was Menschen brauchen und wie sie leben. Wenn man generell daran inte­ressiert ist, bleibt man hoffentlich relevant.

Was denken Sie über die derzeitige Sportswear in der Luxusmode?

Meiner Meinung nach ist das nicht nur ein vorübergehender Trend, es ist ein Abbild, wie Menschen heutzutage leben. Die meisten von uns sind immer beschäftigter; wir arbeiten in verschiedenen Ländern, springen von Meeting zu Meeting. Alles ist so schnell geworden, dass Kleidung auch Komfort bieten muss, nicht nur Status oder einen Look. Darum ist Sportswear so relevant: Weil es das ist, was die Leute wirklich brauchen.


Wie hat sich die Modeindustrie in der letzten Dekade in Ihren Augen verändert?

Es war eine komplett andere Welt, als ich anfing zu arbeiten. Da ist zum einen das Tempo. Früher waren es zwei Kollektionen im Jahr, jetzt sind es mindestens vier. Dann kam die Digitalisierung und damit die Möglichkeit für kleinere Brands, auf einem viel direkteren Weg an die Kunden zu gelangen. Die Mode wurde globalisiert. Es gibt eine Menge Kreativität, ein grosses Angebot, aber was ist wirklich rele­vant? Das ist die Frage. Die digitale Ära ist eine völlig neue. Auch wenn ich vermisse, wie die Dinge früher liefen, bejahe ich die neuen Möglichkeiten.

Wie stellen Sie sicher, dass Lacoste in dieser digitalen Ära vorne mitspielt?

Ein Beispiel: Die limitierten Poloshirts unserer «Save Our Species»-Partnerschaft mit den Logos der zehn am meisten bedroh­ten Tierarten waren innerhalb von 24 Stunden ausverkauft. Wir haben die Leute damit berührt. Darum geht es, nicht um einen Marketingplan. Diese enorme Anzahl Likes, Re-posts, das funktioniert nur über digitale Kanäle. Es war sehr bereichernd, an einem Projekt zu arbeiten, mit dem man wirklich etwas bewirken kann für unsere Welt.

Welches ist Ihr persönlicher Lieblings-Instagram-Account?

Ich mag Dinge, die mich zum Lachen bringen. @michelgaubert oder @thefatjewish finde ich lustig. @theacademynewyork­ macht immer interessante Posts. Ich versuche allerdings momentan, etwas weniger auf Instagram zu sein, da es süchtig macht. Man erhält all diese Eindrücke und Informationen und vergisst sie innerhalb kürzester Zeit. Es ist wie TV schauen in den Achtzigerjahren! Nichts bleibt.


Das Krokodillogo war damals revolutionär. Wie wichtig ist Branding heutzutage?

Da ist das Branding und da ist die Ikonografie, die damit einhergeht. Ich schaue in das Archiv, sehe mir aber auch Kunst, Fotografie, Design an. Es ist diese Kombination, die etwas interessant macht. Mein Job ist es, etwas vorzuschlagen, das neu und gleichzeitig als Lacoste erkennbar ist. Da ist ein gewisses positives Gefühl der Ungezwungenheit und Funktionalität, für die Lacoste steht. Es geht darum, wie man Dinge durch die Lacoste-Linse ausdrückt.

Sie arbeiten oft mit Künstlern zusammen, wie zuletzt etwa mit dem Duo M/M (Paris), das für die aktuelle Kollektion Prints entworfen hat. Ist Mode Kunst?

Es war Pierre Bergé, der gesagt hat: «Mode ist keine Kunst, aber es braucht einen­ Künstler, um Mode zu machen.» Es ist sicher keine Kunstform, es ist zuerst einmal eine Industrie. Der kreative Prozess ist aber derselbe. Es geht darum, Botschaften auszudrücken. Kunst spricht zuallererst von Menschlichkeit, darum geht es in der Mode auch.

Was war Ihre erste Begegnung mit Mode?

Die Videoclips von Regisseur Jean-­Baptiste Mondino auf MTV.


Wer hat Sie als Teenager am meisten beeinflusst?

Vor allem Musiker. Ich mochte Typen, die etwas gewagt haben, die Freiheit gesucht und Routinen aufgebrochen haben. Das fand ich sehr inspirierend. Ich liebte David Bowie und Prince.

Die Frühling/Sommer-Kollektion von Lacoste zieht Inspiration aus zwei komplett verschiedenen französischen Filmen der Neunzigerjahre, «La Haine» von Mathieu Kassovitz und «Conte d’Été» von Éric Rohmer.

Als ich 1998 in Paris ankam, war Lacoste für mich eine bürgerliche Marke. Mein erstes Poloshirt bekam ich mit acht. In Paris lebte ich unmittelbar neben der Station Les Halles, wo die Züge aus der Banlieue ankommen. Ich sah all diese Hip-Hop-Kids, die ebenfalls Lacoste trugen. Wow! Dieser soziale Mix war für mich sehr interessant. Für die Jubiläumskollektion war mir diese Mischung aus Prekariat und Bürgertum wichtig. Meine Aufgabe als Modedesigner ist es, verschiedenste Mentalitäten einzubeziehen, zu helfen, soziale Barrieren niederzureissen. Ich bin besessen von der Frage, was zeitlos ist. Kleidungsstücke sind zum Beispiel von den Dreissiger-, Achtziger- oder Neunzigerjahren inspiriert, aber die Frage muss sein: Möchte man sie heute tragen und wenn ja, warum?

Wie sah Ihr persönlicher Look in den Neunzigerjahren aus?

Baggy-Jeans und Sportswear, Armeekleidung. Und die Dekonstruktion von Kleidern – ganz im Spirit von René Lacoste. Wie etwa kann man Dinge adaptieren, wie kann man ein Kleidungsstück unterschiedlich knöpfen? Kleider, die sich an dein Leben anpassen, das ist eines meiner grossen Mantras.

Nach vierzehn Jahren in New York ist Lacoste für seine Laufstegshow nach ­Paris zurückgekehrt. Was ist in Paris anders als in New York?

Felipe Oliveira Baptista s ist sehr verschieden. Für die Marke macht es viel mehr Sinn, in Paris zu zeigen, gerade momentan, wo Sportswear in die High-Fashion vorgedrungen ist. Es ist ein Statement. Es erhöht auch den Druck, denn Paris ist die beste Modestadt. Es ist fast schon radikal, hier in Paris normale Kleider zu zeigen.


Wie gehen Sie mit dem Druck um, immer «à la mode» zu sein?

Die Neugierde speist die Kreation. Es ist normal, dass man immer besser sein will als die Saison zuvor. Alle sechs oder gar alle drei Monate etwas Neues zu liefern ist jedoch nicht einfach, andererseits treibt es einen auch an. Einmal ist man vorne, ein anderes Mal nicht. Man muss immer sein grösster Kritiker sein. Als ich meine erste Lacoste-Kollektion zeigte, fragte die Presse kritisch, was es mit diesen sportlichen Einzelteilen auf sich habe. Zwei Jahre später haben das andere auch gemacht. Man muss sich bewusst sein, dass man sich auf Kämpfe einlässt in diesem Business. Als ich anfing, hat niemand verstanden, wie man einen Trainingsanzug mit einem Kaschmirmantel kombinieren kann. Mode ist eine Alchemie, es geht um die richtige Idee zur richtigen Zeit – und manchmal stimmt das Timing nicht. Ich rege mich darüber nicht auf. Es ist nicht einfach, sich von alldem frei zu machen. Ich kann es auch nicht immer, aber ich versuche es.

Was ist Ihr Ausgleich zur Modewelt?

Ich zeichne viel, das ist eine gute Übung zwischen meinem Geist und dem Papier, es geht um Instinkt und Intuition. Ich fotografiere sehr viel. Und dann natürlich die Zeit mit meiner Familie und Freunden. Ich kann nicht nur sieben Tage die Woche arbeiten. Ich sehe das Leben wie einen Muskel, der Sauerstoff braucht, um zu funktio­nieren. Ich bin zum Frühstück und zum Abendessen immer zu Hause mit meinen Kindern. Das war anders, als ich mein eige­nes Label hatte. Darum habe ich damit aufgehört. Man muss strikt sein. Es braucht eine gewisse Disziplin, um die Arbeit nicht in das Privatleben eindringen zu lassen.

Wie sehen Sie sich selbst als 85-Jährigen?

Ich verehre alte Menschen, die energetisch und voller Leben sind. Das sind die schönsten. Ich habe mir immer erträumt, dass ich im Alter etwas zu sagen haben wer­­de. Das Wo und Wie ist nicht so wichtig. Ich habe noch nie Pläne gemacht. Ich mag den Überraschungsfaktor des Lebens.

«Mode ist eine Alchemie; es geht um die richtige Idee zur richtigen Zeit.»

Felipe Oliveira Baptista, Kreativdirektor von Lacoste