26. May 2018

TEXT VON

Bolero

Le Petit Suisse

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Kévin Germanier schneidert aus den Abfällen einer Industrie Träume.

Interview: Kristin Müller

In ihrem Eifer, sich alle paar Wochen neu zu erfinden, hat sich die «Fast Fashion» in den vergangenen Jahren den Ruf als Umweltsünderin eingehandelt. Experten schätzen, dass rund die Hälfte sämtlicher für die ­Modeindustrie hergestellten Textilien innerhalb eines Jahres im Müll landen. Lediglich dreizehn Prozent aller zur Produktion verwendeten Materialien werden recycelt. Hochrechnungen gehen davon aus, dass die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2030 auf rund 8,5 Milliarden ansteigt. Das sind 8,5 Milliarden Menschen, die angezogen werden möchten. Ökologische Auswirkungen potenziell katastrophalen Ausmas­ses. Nicht aber, wenn die Designer der Zukunft denken wie Kévin Germanier.

Gerade ein Jahr ist es her, seit der 26-jährige Schweizer am renommierten Central Saint Martins College of Art and Design in London seine Abschlusskollektion präsentierte. Models, die in neonfarbenen Perücken exzentrische Krea­tionen aus Perlen, Tüll und Plastikfäden über den Laufsteg trugen. Was keiner sah: Die Kollektion bestand zu hundert Prozent aus wiederverwertetem Abfall. Nachhaltige Mode, neu definiert. Am Tag darauf bot ihm Louis Vuitton den Job als Junior Accessoires-Designer an. Nach Germaniers Umzug in die französische Hauptstadt kam der Head of Sustainability von LVMH auf ihn zu. Ob er nicht sein eigenes, umweltbewusstes Label gründen wolle? Wollte er. Im Februar zeigte der Walliser an der Fashion Week in Paris die erste Germanier-Kollektion. Erst Neon, jetzt Pastell – die Perlen sind geblieben. Als wir Germanier rund einen Monat später an einem Sonntag in der Seinestadt zum Interview treffen, kommt er direkt aus dem Studio. Und sieben Minuten zu spät. Wie unschweizerisch von jenem Mann, der sich selbst «Le Petit Suisse» nennt.

Weiblich Seine Kleider sollen sexy sein, aber nicht
vulgär. «Oft eine Gratwanderung», so der Designer.

Bolero: Wir sehen, Sie haben Paris verinnerlicht. Allzu viel Wallis scheint nicht mehr in Ihnen zu stecken.

Kévin Germanier: Ich hatte eine wunderbare Kindheit. Aber ja, ich war schon damals anders. Meine Eltern zu überzeugen, mich erst an der HEAD Genève und schliesslich am CSM in London studieren zu lassen, war nicht leicht. Geh, haben sie schlussendlich gesagt, aber finanzieren musst du das selber. Ich sah es als Herausforderung.

Das Central Saint Martins College gilt als eine der renommiertesten Modeschulen der Welt. Entsprechend hoch sind wohl die Studiengebühren …

Das Studium kostete viel Geld, ja. Aber ich habe dann beschlossen, mich nie im Leben von Geld und Zeit einschränken zu lassen. Das sind alles nur Ausreden. Ich wollte allen, inklusive mir selber, beweisen, dass ich es schaffen kann, egal, wie die Umstände sind. Und damit unwissentlich den Grundstein für Germanier gelegt.

Inwiefern?

Als ich nach London zog, war ich komplett pleite. Also habe ich für meine Schularbeiten Bettlaken zerschnitten und alte Kleidung recycelt. Fast genauso, wie ich das heute noch mache. Die Nachhaltigkeit ergab sich bei mir mehr aus einer schwierigen Lebenslage als aus ethischer Überzeugung. Aber durch meine Not lernte ich, wie verschwenderisch die Welt mit ihren Ressourcen umgeht. Und jetzt sitze ich hier, Kévin Germanier, Krieger der Nachhaltigkeit (lacht)!

Sie kreieren Kleider aus den Abfällen anderer. Vorbildlich, aber auch einschränkend. Was, wenn niemand wegschmeisst, was Sie gerade haben möchten?

Das ist ja genau das Schöne an meiner Arbeit: die Limits. Konventionelles Ein­kaufen überfordert mich. Möchte ich das Shirt in Hellblau, einem helleren Hellblau, Königsblau oder doch lieber Navy? Wer braucht schon so viel Auswahl? Bei meiner Art zu arbeiten gibt es die nicht. Du kriegst was, du nimmst es, du machst was draus. Je eingeschränkter ich bin, desto kreativer fühle ich mich.

Wie kommen Sie denn eigentlich an diese Restposten?

Vintage-Shops, Materialspenden, Stoffkäufe von Designern für Stücke, die am Ende nie in Produktion gehen. Viel Ausschussware. Die T-Shirts, die ich benutze, stammen zum Beispiel
von einem Grossproduzenten. Der schmeisst die weg, wenn die Armhöhlen um ein paar Millimeter vom Normmass abweichen. Ist das nicht verrückt? Man könnte sie ja einfach umnähen! Aber nein, ab in den Müll damit. Genau dasselbe mit meinen Perlen. Oh, habe ich Ihnen die Geschichte von meinen Perlen überhaupt schon erzählt? Die Perlen, mit denen damals alles angefangen hat?

Versatil
Perlen dekorieren alles, von Tüll und Jeans bis hin zu Accessoires.

Hat er nicht. Und so schiesst er los, kerzengerade im Sessel sitzend, erzählt angeregt von einem Nachmittag irgendwo in den Aussenbezirken Hongkongs, der Stadt, in der er im Rahmen seines Studiums als Gewinner des ­Redress Design Awards ein sechsmo­natiges Praktikum absolvierte. Plötzlich fiel ihm ein älterer Mann auf, der irgendwas Glitzerndes in ein Loch schmiss. Kévin ging hin – er sei halt neugierig, you know. Und da waren sie: Schachtel um Schachtel voller kleiner Glasperlen, leicht beschädigt, von der Sonne ausgebleicht. One man’s trash is another man’s treasure. Germanier kaufte die Schachteln für einen symbolischen Preis von zehn Rappen das Pack. Die Perlen waren der Anfang von allem. Noch heute werde er von demselben Chinesen beliefert, erzählt Germanier. Er habe recherchiert, das sei 28, nein 280 mal günstiger, als die Dinger neu zu kaufen. Und die Abfallberge, die sich dadurch vermeiden liessen! Der Schweizer steht auf, entfernt sich ein paar Meter, schnäuzt sich die Nase. Und spricht – völlig im Feuer – unbeirrt weiter. Spiele es denn wirklich eine Rolle, welche Feinschattierung von Gelb die Perlen nun hätten? Schaut uns mit grossen Augen an. Eine rhetorische Frage.

Ihre Passion ist ansteckend. Und sie öffnet die Augen. Dem Rummel um Sie nach zu urteilen nicht nur die unsrigen.

Total surreal, oder? Ich mach doch einfach, was ich immer gemacht habe. Nur, dass es jetzt plötzlich jeden zu interessieren scheint. Doch das darf mir auf keinen Fall zu Kopf steigen. Mit Germanier habe ich nie jemandem zu gefallen versucht. Das soll unbedingt so bleiben.

Das heisst, die Aussicht auf kommerziellen Erfolg lässt Sie in der Umsetzung ­Ihrer Vision komplett unberührt?

Das muss es. Die Industrie ist voll von jungen Designern, die den grossen Durchbruch suchen. Ich glaube, heute braucht man einen radikalen Ansatz, um respektiert zu werden. Spricht man von nachhaltiger Mode, denkt doch jeder sofort an ein weisses Leinenshirt mit einem «Go Green»-Aufdruck auf der Brust. Germanier soll beweisen, dass es auch anders geht – aufregend, frisch, dynamisch. Denken Sie nur an all die Möglichkeiten! Mein Kopf quillt förmlich vor Ideen über.

Wann und wo setzen Sie diese Ideen um?

Nach Feierabend bei Louis Vuitton, mit einem Haufen Freunde in unserem Studio. Wir treffen uns nach dem Abendessen – ich meine, wer funktio­niert ohne Essen? – und arbeiten bis zwei, drei, vier Uhr morgens. Meine Mutter schimpft immer, sagt, ich müsse mehr schlafen. Aber wie gesagt: Müdigkeit ist eine Ausrede. Ich habe jetzt die Chance, etwas aus meinem Label zu machen. Ich kriege nur diese eine. Wenn es nicht klappt, kann ich zumindest mit gutem Gewissen sagen, dass ich alles, absolut alles gegeben habe.

Auch wenn Sie alles geben, sind Ihrer Produktion aber Grenzen gesetzt.

Richtig. Erstens produziert unser kleines Team alles selber, und zwar von Hand. Natürlich kann jemand fünfhundert Kleider bestellen. Er muss einfach sehr, sehr lange warten, bis er die kriegt. Das soll so bleiben. Das ist nachhaltige Produktion. Und als zweiter Faktor kommt die begrenzte Verfügbarkeit meiner Ressourcen zum Tragen. Durch die Art, wie ich arbeite, wird es nie möglich sein, zwei exakt identische Teile zu produzieren. Wenn zum Beispiel die blauen Perlen verarbeitet sind, dann nehme ich halt orangefarbene. Das ist Germanier. Du bekommst, was gerade verfügbar ist. Vielleicht nicht genau das, was du dir vorgestellt hast. Dafür ist jedes Teil ein Unikat. Auch in diesem Punkt ist es höchste Zeit, dass wir als Konsumenten anfangen umzudenken.

Mal abgesehen von den Verhaltensänderungen, die Sie anstreben: Was ist Ihr grosser Traum für Germanier?

Ganz ehrlich? Ich möchte einfach nur Kleider machen. Um Berühmtheit und das grosse Geld geht es mir jedenfalls nicht.

Aber das Ziel ist schon, irgendwann davon leben zu können, oder?

Wollen Sie wissen, was mein grosser Traum ist? Der Posten als Creative Director von Dior.

Wirklich? Sie würden lieber für den Namen eines anderen designen als für Ihren eigenen?

Ich glaube, was mich reizt, ist die Herausforderung, ein Traditionshaus wie Dior von innen zu verändern. Die Prinzipien, nach denen ich bei Germanier arbeite, auf eines der grössten Labels der Welt zu übertragen. Und das alles mit dem Druck im Nacken, dem Boss und den Kunden gefallen zu müssen. Ach, es würde mich wahnsinnig reizen! Nebenbei würde ich mich aber mit Germanier auch weiterhin uneingeschränkt kreativ austoben wollen.

Zukunftsweisend
Germaniers
Kreationen
brechen mit den bestehenden
Klischees
der Öko-Mode

Komplett ohne kommerziellen Druck.

Bei meinem Label soll es in erster Linie immer um die Botschaft gehen. Ich glaube, die meisten Menschen wissen nur sehr wenig über die negativen Auswirkungen von Mode. Sie haben keine Vorstellung davon, wie viel unnötigen Abfall wir produzieren. Das will ich ändern. Als die Medien auf mich aufmerksam wurden und angefangen haben, über Germanier zu schreiben …das Feedback hat mich völlig umgehauen. So viele Menschen haben mir geschrieben. Warten Sie, ich möchte Ihnen meine Lieblingsnachrichten vorlesen!

Germanier holt sein Handy raus, geht mit uns seine Instagram-Inbox durch. Er werde jetzt nicht weinen, das habe er schon daheim getan. Und irgendwie glauben wir ihm das sogar. Die Tatsache, dass er durch seine Arbeit auf Missstände in der Modeindus­trie aufmerksam machen konnte und die Leute sich Zeit nehmen, ihm aktiv dafür zu danken, bewegt ihn sichtlich.

Ist das die Magie hinter Germanier: Man sieht es, man mag es. Dann lernt man, was dahintersteckt – und mag es grad noch mehr?

Das hoffe ich. Und vielleicht erreiche ich durch meine Ideologie auch Menschen, die ich rein durch meine Ästhetik nicht ansprechen könnte. Nehmen wir meinen Vater. Mode ist ihm egal. Meine Kleider geben ihm nichts. Aber er kennt die Philosophie dahinter – und die versteht er, schätzt er. Und wenn ich es schaffe, dass der männlichste Mann der Welt Interesse an meinen perlenbesetzten Tüllkleidern zeigt, habe ich mein Ziel erreicht. Jede Person, der durch mich etwas bewusst wird, ist eine Person mehr, die in Zukunft vielleicht etwas besser macht.

 

«Die Leute verstehen meine Botschaft, selbst wenn sie die Kleider nicht mögen.» Kévin Germanier, Designer

Kévin Germanier Der Senkrechtstarter aus dem Wallis.