19. Mar 2020

TEXT VON

Bolero

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Eli Francis

Nervennahrung

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Print is back! Es gibt derweil an jeder Ecke Buchempfehlungen, hier lesen Sie in unsere rein. 

Wer soll das alles lesen, fragte ich mich jede neue Buchsaison. Wenn zum Frühjahr und Herbst unzählige Novitäten in die Buchläden drängen. Diese schiere Masse braucht doch kein Mensch, dachte ich mir. Und: Die armen Bäume! Aber nun ist es so weit. Restaurants, Theater, Kinos sind geschlossen. Wir treffen unsere Freunde über FaceTime und bleiben zuhause. Im besten Fall entspannt und mit einem guten Buch in Händen.

«Technophoria» von Niklas Maak (Hanser)

Theoretisch liess sich der Strom über das Mobiltelefon wieder anschalten. Turek starte auf sein iPhone, sein Gesicht spiegelte sich in der schwarzen Fläche des Displays, er sah von der Nacht etwas zerknautscht aus, genau genommen so zerknautscht, dass die Gesichtserkennung ihn nicht mehr erkannte. Er musste den Pin-Code eingeben und vertippte sich, irgendein Algorithmus entscheid, dass Turek zunächst befragt werden musste, ob er ein Roboter sei …

Diesem Buch geht der Satz voran: «We rise and fall together» – und gerade fühlt sich das Leben genau so an. Dieser Roman erzählt von einer Welt im Umbruch. Von dem, was verschwinden wird, und vom Neuen, das bereits unsere Gegenwart bestimmt. «Technophoria“ erzählt von den Schönheiten und Absurditäten der digitalen Welt und von Menschen, die an der Zukunft bauen, wie Turek, der Smart Cites kreiert – aber auch von Menschen, die dieser Zukunft zu entkommen versuchen.


«Angst ist nichts für Feiglinge» von Susanne Kaloff (S. Fischer)

Um mit akuter Panik besser zurechtzukommen, gibt es etliche Hilfsmittel. Eins davon ist, die Angst in Einzelteile zu zerlegen. Sie zu dekonstruieren, zu analysieren, was genau fehlt mir hier und jetzt, wo drückt es, wo ziept es, was schmerzt, wo spanne ich an, anstatt sie als grosses Ganzes zu sehen, das über uns schwappt. Wenn man die Meta-Panik so runterbricht, wird sie leichter verdaulich. Hilfreich ist in solchen Momenten auch das:
1 Ding nennen, das du schmeckst. 2 Dinge nennen, die du riechst. 3 Dinge nennen, die du spürst. 4 Dinge nennen, die du hörst. 5 Dinge nennen, die du siehst.

Angst verbreitet sich oft schneller als das jeder Virus könnte. Susanne Kaloff kennt sie persönlich und hat ein Buch darüber geschrieben. Frank und frei und sehr persönlich gibt die Autorin Tipps, die auch dem Teilzeit-Ängstlichen weiterhelfen. Das Gefühl, den Boden unter den Füssen zu verlieren, kennen wir schliesslich alle.


«Sie hat Bock» von Katja Lewina (DuMont)

An diesem Punkt sollten wir uns inzwischen alle einig sein: Das Zusammensein unserer Geschlechtsorgane (und Münder, Hände, Herzen) bracht dringend neue Regeln. Ich weiss, ich weiss, das klingt erst mal nach wenig Spass. Aber! Auch dazu habe ich eine Geschichte …

Irgendwo auf Instagram las ich gerade diesen Satz: Keep your hands clean and your mind dirty. Nun, Katja Lewina nimmt in «Sie hat Bock» kein Blatt vor den Mund und das ist auch gut so. Hier gehts zur Sache, die Autorin erzählt direkt aus ihrem Bett und führt so die Debatte über weibliches Begehren fort. Das ist spritzig, forsch, intim, auf den Punkt. Lewina sagt: «Es liegt in unserer Hand, unsere Spielregeln zu schreiben, im Leben und beim Sex.» Ich werde das Buch in ein paar Jahren meiner Tochter zur Lektüre geben – hoffe aber sehr, dass sie das bis dahin nicht mehr braucht.


«Schlachthof und Ordnung» von Christoph Höhtker (weissbooks.w)

«Menschen als solche haben bei mir nicht das beste Image.» «Aha», motivierte er sie zum Weiterreden. «Der individuelle Mensch ist aus meiner Sicht sowohl langweilig als auch böse», ergänzte sie. «Deswegen finde ich es umso erstaunlicher, dass ich mich mit den meisten relativ gut verstehe. Probleme hatte ich eigentlich noch nie. Doch um Artikel wie die von Anne Girardoux zu schreiben, müsste ich etwas fühlen, verstehst du? Etwas im weitesten Sinne Freundliches.» «Und das tust du nicht?» «Nein, ich spüre generell wenig.»

Und damit ist Callgirl-Soziologiestudentin-Terroristin Gina Vermehren auch so ziemlich die einzige in diesem Roman. Alle anderen, vom PR-Manager über den hundert-, nein tausendjährigen Arzt, dessen Patienten sich wünschten, er würde aus dem Fenster steigen und verschwinden, weil er die Wunderdroge Marazepam nicht mehr verschreibt, bis hin zu einem Journalisten, einem Manager und einem Privatdetektiv, geben sich die Narrenkappe in die Hand. Die meisten von ihnen stehen unter Drogeneinfluss oder eben nicht und verlieren sich in Entzugserscheinungen, Wahnvorstellungen oder einfach nur dem Alltag. Ein bisschen erinnert Höhtkers Stil an Michel Houellebecq, allerdings mit weniger Grössenwahn und Schlüpfrigkeit, dafür mit Ironie-durchtränkter Sachlichkeit (siehe Fussnoten, die gerne auch mal eine halbe Seite lang sind). Der einzige Ort, an dem in diesem Roman wirklich noch Ordnung herrscht, ist der Schlachthof. Oder? Am Ende weiss das nicht mal mehr der Erzähler. Oder?


«Dankbarkeiten» von Delphine de Vigan (DuMont)

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie oft Sie am Tag Danke sagen? Danke für das Salz, für die aufgehaltene Tür, für die Auskunft. Danke für das Rückgeld, fürs Baguette, das Päckchen Zigaretten. Ein Danke aus Höflichkeit, dem gesellschaftlichen Umgang geschuldet, automatisch, mechanisch. Fast leer. Manchmal wird es unterlassen. Manchmal auch übertrieben betont: dank dir. Danke für alles. Tausend Dank. Vielen, vielen Dank. (…) Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie oft Sie in Ihrem Leben wirklich Danke gesagt haben? Ein echtes Danke?

Michka denkt sehr viel darüber nach. Immer mehr, weil sie es immer weniger sagen kann. Bald vielleicht gar nicht mehr. Ihr schlüpfen die Wörter durch die Finger. Zerrinnen auf dem Weg aus dem Mund zu willkürlichen Buchstabenkombinationen. Sie hat Aphasie. Sie muss ins Altersheim. Sie weiss das. Ihre Ziehtochter Marie und ihr Logopäde Jérôme verstehen, was in ihr vorgeht. «Ich kann sie vor mir sehen, als wäre ich dort – die leeren, ausgedörrten Weiten, die verwüsteten Wege, die mitten in ihren Sätzen auftauchen, wenn sie zu sprechen versucht», sagt Jérôme. Was ist schmerzvoller, der reale oder der metaphorische Verlust der Sprache?  Michka kämpft nicht verbissen. Dazu ist ihre Angst zu gross, den Menschen nicht mehr rechtzeitig Danke zu sagen, die ihr einst das Leben gerettet haben und nach denen sie immer noch sucht. Deshalb bündelt sie ihre Energie nicht für alles, sondern für das Eine. Ein wesentliches und aufrichtiges Danke. Nur 163 Seiten umfasst Delphine de Vigans Roman und bleibt ihrer Protagonistin dabei treu. Das Wesentliche bedarf weniger Worte. Wenn es von Herzen kommt, manchmal sogar nur einem.


«Allegro Pastell» von Leif Randt (KiWi)

Gründonnerstag, 29. März 2018. Der Frankfurter Hauptbahnhof wurde von milder Abendsonne geflutet, die wartenden Passagiere an Gleis 9 warfen lange Schatten. Auf die Minute pünktlich um 18 Uhr 30 fuhr Tanja Arnheim mit ICE 375 aus Berlin ein. Als Jerome Daimler, der eine Tüte mit frischen Backwaren in der Hand hielt, Tanja auf Höhe des Bordbistros aussteigen sah, überlegte er für einen Moment, ob er ihr entgegenlaufen sollte, aber dann fand er es charmanter, einfach stehen zu bleiben. Tanja, die ihre glatten haare streng hinter den Kopf gewachst hatte und Kopfhörer trug, ging mit ihrem Rollkoffer direkt auf Jerome zu, ohne ihn zu sehen. (…) Tanja setzte ihre Kopfhörer ab, sie küssten sich. Wie sieht es aus, hast du Hunger?

Folgendes: Tanja und Jerome lieben sich in ihrer perfekten Millennials-Selbstinszenierung mal in Berlin mal im hessischen Ödland kurz vor Frankfurt am Main. Dabei sind sie (und der Autor) über jede Kritik erhaben, denn getreu nach dem Motto Einwandvorwegnahme reflektieren und kritisieren sie sich vor, während und nach jeder Handlung selbst ­– nicht gegenseitig wohl gemerkt. Allerdings nicht in wirren postmodernen Erzählexperimenten, sondern chronologisch, rational und ganz wichtig: absolut und vollkommen, ja maximal ironiefrei. Sie denken nicht nur, dass sie etwas, sie wollen es wirklich. Denken sie jedenfalls.  Ihre Selbstreflektion wird nicht thematisiert (auch nicht vom Autor, der grundsätzlich nicht kommentiert, sondern einfach nur abbildet), sie findet einfach statt. Natürlich mit der richtigen Sonnenbrille und der richtigen Menge Lokalkolorit, dennoch todernst und ganz ohne Hashtag. Nun hat man Leif Randts Roman ja schon mit Christian Krachts «Faserland» verglichen. Was beide Romane gemeinsam haben, ist sicherlich die Präzision der Beobachtung und das Gespür für die richtigen Worte. Für Worte, die keinen Interpretationsspielraum lassen. Allerdings fehlt Jerome und Tanja die Gelassenheit, die den Ich-Erzähler aus «Faserland» immerhin von Sylt bis in die Mitte des Zürichsees bringt. Jerome und Tanja lassen sich lieber alles offen. Auch das Happy End. Würden Sie das nicht tun, dann wäre «Allegro Pastell», wenn auch längst kein Kracht, eben nicht so gut, wie es tatsächlich ist.


«Im Bauch der Königin» von Karosh Taha (DuMont) erscheint am 19. Mai, das eBook ist bereits erhältlich

Und immer fragten sie mich, wie ich es angestelt hatte, den neuen Jungen, der wesentlich grösser und stärker war, zu verprügeln, und ich erzählte, weil mir jeder zuhörte und mich glauben liess, etwas Bedeutendes vollbracht zu haben, und ich erzählte, weil die Männer sich freuten und die Frauen sich ärgerten, weil mein Vater mich auf den Schoss nahm und mich aufforderte, die Geschichte seinen Männerfreunden zu erzählen, als wären sie eine seiner Anekdoten, als wäre ich seine Handpuppe.

Dies ist ein Wendebuch, eine Geschichte aus zwei Perspektiven: Shahira bricht die Regeln der kurdischen Community: Sie ist alleinerziehend, lebt ausschweifend und schert sich nicht um die Meinung der Leute. Für Amal und Raffiq, die Freunde ihres Sohnes Younes, ist sie Faszination und Provokation zugleich. Shahiras Andersartigkeit konfrontiert alle drei mit ihren eigenen Sehnsüchten, ihren Vorurteilen und Entscheidungen, die sie treffen müssen. «Im Bauch der Königin» vereint die Geschichten, die uns Amal und Raffiq erzählen. Sie zeigen, dass es nicht die eine Wahrheit gibt.


«Julian ist eine Meerjungfrau» von Jessica Love (Knesebeck)

Dieses Bilderbuch ist der Hit für Kinder, rührt aber auch Erwachsene: Julian liebt Meerjungfrauen – er wäre am liebsten selbst eine. Als er auf der Heimfahrt in der U-Bahn drei als Meerjungfrauen verkleidete Frauen mit farbenfroh aufgetürmten Haaren und schillernden Fischschwänzen sieht, ist der Junge völlig hingerissen. Mit einem Vorhang und Farnblättern verkleidet er sich daheim selbst als Nixe. Zum Glück hat er eine Grossmutter, die ihn ermutigt zu sein, wie er ist!