25. Jun 2019

TEXT VON

Leoni Hof

Relikte unserer Zeit

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«Ich möchte an vorderster Front dabei sein, wenn sich die Gezeiten ändern.» Ein Gespräch mit dem Künstler und Designer Fernando Mastrangelo.

«Ich will keiner dieser Künstler werden, die immer wieder dasselbe machen, nur weil es sich verkauft.» Sagt Fernando Mastrangelo, Künstler und Designer, der sich auf Skulpturen, Möbel, Architektur und Innendesign spezialisiert hat. Mastrangelo lebt in Brooklyn, gerade konnte man an der Art Basel einen Vorgeschmack von dem bekommen, was er da so macht. Für Audemars Piguet entwarf er die Lounge, die an die Heimat der Schweizer Uhrenmanufaktur im Juragebirge erinnern soll.

Inspiriert von Landschaften, Menschen und Politik will der 40-Jährige in seiner skulpturalen Arbeit eine Welt schaffen, in der Natur, Texturen und die menschliche Existenz miteinander verwoben werden. Er sieht seine Arbeiten als «Relikte unserer Zeit» und gibt natürlichen Stoffen wie Sand, Salz und Silizium eine neue Verwendung, häufig um auf Umweltprobleme hinzuweisen. Bevor er sein eigenes Designstudio FM/S eröffnete, arbeitete Mastrangelo mit dem Künstler Matthew Barney zusammen. Neben eigenen Projekten, arbeitet er für Brands wie Dior oder Stella McCartney.

Bolero: Sie werden als «Enfant terrible der Designwelt» beschrieben – was bringt Ihnen diesen Ruf ein?

Fernando Mastrangelo: Es gibt in der Kunst und im Design viele Regeln, die so in den vergangen sechzig Jahren gut funktionierten. Bevor es das Internet gab, brauchten Künstler Institutionen, die ihre Arbeiten zeigten und ihnen ermöglichte, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Diese Institutionen brachten einen Markt hervor und sobald dieser etabliert war, wuchsen auch die Galerien, Museen und Messen. In meinem Studio sind diese Institutionen nicht mehr Teil der Währung, mit der ich handle. Ich bin Teil eines neuen, viel kleineren Marktes von Künstlern, die ihre Karriere selbst vorantreiben, die Social Media, selbst generierte PR-Kampagnen und Marketing direkt beim Sammler und Kunden einsetzen. Wenn ich als «Enfant terrible» bezeichnet werde, geht es weniger um meine Arbeiten als vielmehr darum, wie ich diese der Öffentlichkeit präsentiere. Ich möchte an vorderster Front dabei sein, wenn sich die Gezeiten ändern.

Was reizt Sie an den Materialien Sand und Salz?

Sie sind die Grundlage meiner Sprache. Natürliche Materialien sind eine Quelle der Inspiration. Sie treiben die Geschichte voran, die ich meinem Publikum zu erzählen versuche. Wenn ich eine Arbeit über den Zustand der schmelzenden Gletscher («Drift Mirrors», Bild unten) mache, verwende ich etwas, das eng mit deren Standort verbunden ist.

Was waren Ihre Gedanken zur Lounge, die Sie für Audemars Piguet an der Art Basel entworfen haben?

So, wie ich Geschichten für meine persönliche Arbeit erzähle, so näherte ich mich der Lounge von Audemars Piguet. Die Manufaktur hat eine lange und poetische Geschichte, die sich um sein Erbe dreht.  Ich wollte dieses Erbe würdigen und die Geschichte beschreiben als das ständige Streben nach Innovation.

Gibt es ein Werk, das für alles steht, was Sie durch Ihre Arbeit ausdrücken wollen?

Ich arbeite daran. Das ist wohl immer das Stück, an dem ich gerade bin. Bleiben Sie also dran!

Können Sie uns etwas über Ihre jüngsten Projekte erzählen?

«Tiny House» (Bild unten) beschäftigt sich mit der Zukunft des Wohnens. Die Natur und Fragen zum Klimawandel inspirierten mich. Für «Tiny House» wurden recycelte Materialien auf einer minimierten Fläche von 175 Quadratmetern verwendet. Wir haben recyceltes Glas und Kunststoff verwendet, um einen Raum zu schaffen, der Nachhaltigkeit fördert und schön ist. Der recycelte Kunststoff wurde in eine Ombre-Landschaft gegossen und verschrottete Glasfragmente in höhlenartige Wände verwandelt. Architektur und Nachhaltigkeit schliessen sich nicht aus.

Nachhaltigkeit ist auch das Thema Ihres Projekts «In Good Company»?

«In Good Company» ist eine gemeinnützige Organisation, die es mir ermöglicht, junge Designer zu unterstützen und zu ermutigen. Ich biete ihnen eine Plattform, um ihre Werke zu vermarkten und einem grösseren Publikum zu präsentieren. Ich kuratiere derzeit unsere Jahresausstellung mit Rossana Orlandi. Sie ist unsere Gastkuratorin und ich könnte nicht glücklicher sein. Es wird ihr erstes Mal sein, dass sie eine Show in den Vereinigten Staaten kuratiert. Ausserdem verleihen wir einen Förderpreis.