Im Schatten der Männer

Diese Frauen prägten die Welt des Designs

In der Geschichte der Designwelt wurde Frauen zu lange nur wenig Beachtung geschenkt. Wir zeigen dir grosse Namen, die es neben vielen anderen Designerinnen, Innenarchitektinnen und Architektinnen verdient haben, ins Rampenlicht gerückt zu werden.

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Auch heute noch sitzen deutlich mehr Männer in den Chefsesseln der Designwelt. Warum das so ist? Dafür gibt es verschiedenste Gründe: Fehlende Unterstützung für Mütter oder Vorurteile gegenüber Frauen, was technische Fähigkeiten anbelangt, um nur zwei zu nennen.

Wirft man einen Blick auf das vergangenen Jahrhundert, wird schnell klar, dass es Frauen in der Welt des Designs nie einfach hatten. Vielfach standen sie von der Gesellschaft gedrängt im Schatten ihrer Ehemänner oder Mentoren. Ihnen wurde kein Lob zugesprochen, und sie gerieten in Vergessenheit. Dabei waren sie auf ihrem Gebiet Pionierinnen und haben ein eindrückliches Erbe an Möbeln, Gebäuden oder anderem hinterlassen. Das Buch «Design von Frauen» (2019) widmet sich exakt diesem Thema: Gezeigt werden 100 Frauen, die Grossartiges in dieser Branche geleistet haben. Wir stellen fünf davon vor.

Eigentlich hat die irische Innenarchitektin und Designerin Eileen Gray eindrückliche Bauwerke kreiert, hauptsächlich ist sie aber für ihre designten Möbel bekannt. Das mitunter, weil ihr damaliger Lebenspartner, der Architekt Jean Badovici (1893–1956), eines ihrer Häuser als seines ausgab. Und auch Le Corbusier (1887–1965) ist schuld daran: Der schweizerisch-französische Architekt soll so aufgebracht gewesen sein, dass eine Frau ein solch tolles Werk erschaffen hatte, das ganz in einem Stil gehalten war, den er als seinen deklarierte, dass er die Wände ihres Sommerhauses in Roquebrune (F) mit bunter Farbe verunstaltete. Gray sprach von einem «Akt des Vandalismus». Ein zweites bemerkenswertes Projekt Grays war Tempe a Pailla in Castellar (F) – eine Villa, die im Krieg zerstört wurde. Sie galt als Pionierin und war mit den von ihr designten modernen Wunderwerken ihrer Zeit deutlich voraus.

Heute ist die einstige Designerin vor allem bekannt für die extravaganten Möbelstücke, die sie schuf. Dazu zählen etwa der Sessel «Serpent» oder der Tisch «E.1027», der als eines der meist kopierten Designs der klassischen Moderne, die Anfang des 20. Jahrhunderts ihr Hoch erlebte, gilt.

Die Finnin Aino Aalto ist ebenfalls ein gutes Beispiel für die versteckten Frauen im Designbereich: Ihren Mann, der finnische Architekt, Stadtplaner und Möbeldesigner Alvar Aalto (1898–1976), findet man viel öfters in den Geschichtsbüchern als sie, dabei galten die beiden als gefeiertes Designerpaar ihrer Zeit und arbeiteten völlig gleichberechtigt an den gemeinsamen Werken. Auch sie wirkten hauptsächlich während der klassischen Moderne, die sie mit ihrem Pioniergeist schwer prägten, wobei Aino deutlich moderner eingestellt war als ihr Mann.

Die Designerin studierte Architektur in Helsinki und trat Mitte der 1920er-Jahre ins Büro ihres zukünftigen Ehemannes, welches sie später zusammen führen sollten. Auch neben ihrer Rolle als Mutter von zwei Kindern wirkte sie als Verwalterin des Designbüros mit. Doch ihr wurde die Arbeit nicht offiziell zugeschrieben. Denn zu dieser Zeit galten bei kreativ tätigen Ehepaaren nur die Männer als führende Partner, obwohl die Frauen gleich viel zum Erfolg beitrugen. Doch Alvar Aalto wusste das Talent seiner Frau zu schätzen und lobte eines ihrer Projekte als «schönstes Treppenhaus der Welt». Sie entwarf die Stufen für die von ihm designte Bibliothek in Viipuri. Ihren grössten Erfolg konnte die ausgebildete Architektin aber mit dem Glasdesign «Bölgeblick» feiern, was auf Deutsch so viel wie «Wellenblick» bedeutet.

«Mademoiselle, wir besticken hier keine Kissen», raunte Star-Architekt Le Corbusier, als Charlotte Perriand mit 24 Jahren selbstbewusst in sein Atelier stolzierte. Sie zeigte ihm seine Entwürfe, er war mässig begeistert. Das änderte sich, als er auf dem Pariser Herbstsalon im Grand Palais ihre «Bar unterm Dach» zu Gesicht bekam. Von da an war Perriand ein fester Bestandteil von Le Corbusiers Team, in dem sie zehn Jahre arbeiten sollte. Man übertrug ihr die Einrichtung und Möblierung mehrerer Villen. Danach ging sie ihren eigenen Weg und arbeitete als Innenarchitektin im eigenen Atelier. Sie wagte sich ins Ausland und wirkte während des Zweiten Weltkriegs als Beraterin für Industriedesign der japanischen Regierung. Trotz all ihres Erfolgs waren viele ihrer Werke lange Zeit nur unter dem Namen ihres Mentors bekannt. So war sie etwa auch an der Schöpfung des ikonischen Sessels «LC2» beteiligt, der häufig als Le Corbusiers Werk bezeichnet wird.

Auch sie war Teil eines Designerehepaars: Gemeinsam mit ihrem Mann, dem US-amerikanischen Designer und Architekt Charles Eames (1907–1978), wird Ray Eames heute als eine der bedeutendsten Designerinnen des 20. Jahrhunderts gefeiert. Dies war aber nicht immer so. Erst seit etwa 30 Jahren erhält Ray auch die Aufmerksamkeit, die ihr zusteht. Ein Moment, der die Ungerechtigkeit deutlich machte: Die britische Society of Industrial Artists and Designers verlieh Charles 1967 eine Designmedaille, während seine Frau nur eine rote Rose bekam.

Das Paar lernte sich 1940 kennen. Charles war damals Dozent für Industriedesign in Michigan, wo Ray Malerei studierte. Sie heirateten und zogen nach Kalifornien, wo sie begannen, mit Sperrholz zu experimentieren. Das Material verformten die beiden mit einer innovativen Technik, und es entstand mitunter der ikonische «Lounge Chair Wood» (LCW), für den die Eames so bekannt sind. Die Möbel gingen in Serienproduktion und waren heiss begehrt – und das sind die Designs heute noch. Obwohl lange Zeit nur Charles im Rampenlicht stand, wurden praktisch alle Entwürfe vom Ehepaar gemeinsam gemacht.

«Wenn du ein einfaches Leben willst, dann werde kein Architekt», soll Zaha Hadid einst gesagt haben. Schenkt man ihren Worten Glauben, hat sich die irakisch-britische Designerin also für den nicht ganz so easy Weg entschieden. Doch das zahlte sich aus: 2004 erhielt Hadid die bedeutendste Ehrung in der Architektur, den Pritzker-Architektur-Preis. Sie wirkte von den 1990er- bis 2010er-Jahren mit grösstem Erfolg. Wie schwer es Frauen in der Design- und Architekturwelt haben, spürte sie aber nur noch am Anfang ihrer Karriere, wo sie sich mit viel Biss bewies.

Gefeiert wird Hadid bis heute für ihre skulpturalen Formen und schwerelos anmutenden Designs, die Funktion und Form auf ein anderes Level hievten. Als erste weltweit bekannte und erfolgreiche Architektin schuf sie beispielsweise das «Vitra Feuerwehrhaus», aber auch Möbel, Mode, Produkte oder Ausstellungen. Unter anderem für grosse Marken wie Alessi, Melissa oder Swarovski. Mit ihren innovativen Ansichten und moderner Denkweise veränderte sie die Designwelt massgeblich und zeigte, wie man es als Frau gegen all die gesellschaftlichen Vorurteile in dieser Branche bis ganz nach oben schafft.

Buch-Tipp:

Das Buch «Design von Frauen» (2019) von Charlotte Fiell und Clementine Fiell zeigt die wichtigsten Frauen in der Geschichte der Designwelt. Für rund 52 Franken bei Orell Füssli.

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