marrakech

19. Oct 2017

TEXT VON

Samuel Müller

Tempel für einen Modegott

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Marrakesch setzt Yves Saint Laurent ein neues Denkmal. Gleichzeitig wird sein Pariser Studio erst– mals zugänglich gemacht.

Man schrieb das Jahr 1966, als Yves Saint Laurent den Jardin Majorelle in Marrakesch zum ersten Mal betrat. Eine Oase aus Kakteen und Palmen, in welcher der Puls der marokkanischen Grossstadt langsamer schlägt.

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DER DESIGNER in seinem Pariser Studio 1986. Erste Ideen für seine Kollektionen hat er oft in Marrakesch skizziert.


Zweiundvierzig Jahre später verstreut genau hier sein Lebens- und Geschäftspartner Pierre Bergé seine Asche über einem Rosenstrauch. Marrakesch war – neben Paris – die zweite Heimat des Modeschöpfers. An beiden Orten setzt man dem Leben und Schaffen Saint Laurents jetzt ein Denkmal.

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DAS PAAR Yves Saint Laurent (r.) und Pierre Bergé haben sich in den Siebzigerjahren in Marrakesch eine zweite Heimat aufgebaut.

 


 


 

 



 

 

Am dritten Oktober wird der ehemalige Hauptsitz des Designers an der Avenue Marceau in Paris erneut der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die bisherigen Ausstellungsräume sind während des Sommers umfassend renoviert und vergrössert worden. Zum ersten Mal können Besucher auch das Allerheiligste des Designers, das Studio, betreten und den Arbeitstisch bestaunen, an dem Saint Laurent sein Leben lang gezeichnet hat.
Am 19. Oktober gehen rund zweitausend Kilometer weiter südlich die Tore des mYSLm, des Musée Yves Saint Laurent Marrakech, auf. Der Bau kann mit einem Café, Buchladen, Auditorium und einer Bibliothek als veritables Kulturzentrum verstanden werden. Bergé hat die Architekten Olivier Marty und Karl Fournier von Studio KO mit dem Siebzehn-Millionen-Franken-Projekt betraut. Die Fassade aus vorstehenden Terrakottaziegeln soll an textiles Gewe- be erinnern, das glatte Innere des Museums an das seidene Futter einer Haute-Couture-Robe. Ganz bewusst hebt sich die Formensprache von jener Saint Laurents ab. Bergé forderte die jungen Architekten ausdrücklich dazu auf, ein Gebäude zu bauen, das ein modernes, heutiges Marokko widerspiegelt.

«Yves war ja auch ziemlich grössenwahnsinnig.»
PIERRE BERGÉ, ehemaliger Partner von Yves Saint Laurent

Seit dem Tod Saint Laurents hat es sich Bergé, 86, zur Mission gemacht, das Vermächtnis seines Lebenspartnerszu erhalten. Dieses Bestreben gipfelte 2009 in der spektakulären Versteigerung der privaten Kunstsammlung des Paares. Niemals zuvor hatte eine Pri-vatsammlung einen höheren Erlös erzielt. Die Hälfte der 373,9 Millionen Euro floss in die Fondation Pierre Bergé – Yves Saint Laurent. Von den rund 5000 Kleidern aus dieser Stiftung werden dreihundert in Marrakesch untergebracht. Zur Eröffnung präsentiert das Museum die legendärsten Outfits wie das Mondrian-Kleid, den Smoking oder die Saharienne. Etwa fünfzig Kleider werden permanent ausgestellt, wobei sich deren Auswahl in regelmässigen Abständenändert.

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DAS KLEID Das von Piet Mondrian inspirierte Cocktailkleid aus dem Jahr 1965 wird in der Eröffnungsausstellung des mYSLm zu sehen sein

 

Ein weiterer Teil des Museums ist für Wechselausstellungen konzipiert. Die erste davon ist sinnigerweise Jacques Majorelle gewidmet. Der französische Maler hat sein Leben lang an dem botanischen Kleinod, dem Jardin Majorelle, gearbeitet. Saint Laurent kaufte und restaurierte ihn zusammen mit Bergé im Jahr 1980. Angrenzend richteten die zwei Männer ihr privates Domizil, die Villa Oasis, ein.

Saint Laurents Marokko war zutiefst durchtränkt vom Geist der Siebzigerjahre und Marrakesch war ein Geheimtipp unter wohlhabenden Bohemiens und Hippies. Die Versuchungen der Stadt waren für den jungen Designer massgeschneidert. Neue Drogen und sexuelle Abenteuer befreiten ihn von seinen Hemmungen. Nagende Ängste und Zweifel quälten ihn schon seit Jugendjahren. In Nordafrika entfloh er dem Druck des Modemetiers und dem Kult, der schon früh um seine Person entstand. Auf der anderen Seite war er besessen von einem unbändigen Schaffensdrang, von einem manischen Willen, gesehen zu werden. Ein Kampf, den der hochsensible Mann bis zu seinem Tod austragen musste.

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DER HAUPTEINGANG des Museums führt direkt in einen runden Innenhof unter freiem Himmel.

 


Marrakesch verschaffte ihm Linderung in diesem scheinbar aussichtslosen Gefecht.
Mit der Eröffnung des mYSLm geht Saint Laurents Geschichte an seinem Herzensort weiter. Das Museum ist nur einen Steinwurf vom Jardin Majorelle und der Villa Oasis entfernt. Wer alle drei Sehenswürdigkeiten besuchen möchte, braucht sich nicht zu sorgen, in den Gassen von Marrakesch verloren zu gehen. Sie haben eine gemeinsame Adresse: die Rue Yves Saint Laurent, Marrakesch.