17. Mar 2018

TEXT VON

Laura Catrina

FOTOGRAFIEN VON

© Imaxtree

Von Frau zu Frau

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Mit Natacha Ramsay–Levi als neuer Kreativ–Direktorin wird das Pariser Haus Chloé auch in Zukunft relevant sein. 

Es sitzt ein ganz besonderer Gast im Publi­kum in der Pariser Avenue Percier. Gleich wird in den Räumen des Chloé-Hauptquartiers die erste Kollektion der neuen Chefde­signerin präsentiert. Vielleicht ist Nicolas Ghesquière noch gespannter als alle anderen, wie Natacha Ramsay-Levis Debüt ausfallen wird. Vielleicht aber auch nicht, weiss er doch um ihr Talent und Können wie kein anderer. 

Natacha Ramsay-Levi
Natacha Ramsay-Levi

 

Nach dem Studium an der Modeschule Studio Berçot bewirbt sich die junge Pariserin 2002 als Praktikantin bei Balenciaga, wo Ghesquière damals Chefdesigner ist. Zunächst kocht sie nur Kaffee, doch die beiden verstehen sich so blendend, dass sie bald zu seiner rechten Hand wird. Zusammen prägen die beiden über eine Dekade lang den avantgardistischen Look der Marke und führen das Traditionshaus ins neue Jahrtausend. Während Ghesquière als Creative Director im Rampenlicht steht, ist der Name seiner Assistentin zwar in der loka­len­ Szene bekannt, der breiten Öffentlichkeit jedoch nicht geläufig. Als Chloé sie vor einem­ Jahr überraschend zur Nachfolgerin von Clare Waight Keller ernennt, steht Ramsay-Levi erstmals selbst im Mittelpunkt.
«Chloé fühlt sich für mich total natürlich an. Ich war für diese Position bereit», meint die Designerin selbstbewusst. Das Label folgt damit einem Trend: Viele Modehäuser­ verpflichten keine bekannten Persönlichkeiten mehr, sondern setzen auf Insider, die zwar jahrelange Erfahrung im Business haben, aber nie an der Spitze standen.­ 
 

Als Ramsay-Levi im September nach der Modeschau auf den Laufsteg tritt, ein wenig verlegen, aber strahlend, hat sie die Herzen der Branche – und die der Kunden, welche dank Livestream ebenfalls dabei sein können – bereits erobert. Selten wirkte eine Desi­gnerin oder ein Designer so ungekünstelt und nahbar. Mit ihrer Art könnte Ramsay-Levi nicht besser zu ihrem neuen Arbeitgeber passen. Die 38-Jährige verkörpert jene Nonchalance, welche die Chloé-Gründerin Gaby Aghion geprägt hat. Die gebürtige Ägypterin zieht Mitte der Vierzigerjahre mit ihrem Mann Raymond nach Paris. 1952 gründet sie zusammen mit ihrem Geschäftspartner Jacques Lenoir, der für die unternehmerische Seite zuständig ist, ihr eigenes Modelabel. Da Aghion ihren­ Vornamen nicht passend findet, entscheidet sie sich, es nach ihrer Freundin Chloé de Bruneton zu benennen, einer Stylistin der Galeries Lafayette. Die entspannten, verspielten Silhouetten stehen im krassen Gegensatz zur damals vorherrschenden steifen Haute Couture und werden gerade deshalb ein grosser Erfolg. Die hochwertigen, aus den besten Materialien gefertigten Kleider sind von der Stange erhältlich – ein Novum und die Geburtsstunde des Prêt-à-porter. Ihre erste Modeschau organisiert Aghion im Café de Flore, dem Epizentrum des jungen, intellektuellen Paris. Die unkonventionellen Präsentationen inmitten des Anti-Establishments der Rive Gauche werden in den kommenden Jahren zum Markenzeichen von Chloé. Auch wenn – oder gerade weil – Aghion eng mit den intellektuellen Kreisen verkehrt und sich von ihnen inspirieren lässt, stellt sie deren Ideen und Ideale mit einer lockeren Verspieltheit infrage. Diese wird bezeichnend für die Kollektionen.

Ende der Fünfzigerjahre engagiert Aghion eine Reihe von jungen Designern – darunter Gérard Pipart, Maxime de la Falaise und Karl Lagerfeld –, die unter ihrer kreativen Leitung arbeiten. Ein damals revolutionäres Konzept. Lagerfeld erinnert sich an das kleine Appartement, welches als Studio fungierte: «Es war der Place to be. Wir waren mehrere Designer und Gaby koordinierte alles. Jeder von uns arbeitete als Freelancer – ein neuer Job damals – auch für andere Unternehmen.» In den Siebzigerjahren wird Lagerfeld zum alleinigen Designer von Chloé ernannt und verleiht der Marke mit seiner Entourage um Illustrator Antonio­ Lopez und den Models Pat Cleveland und Donna Jordan eine glamouröse Attitüde. Aghion selbst leitet das Haus bis 1985, bleibt jedoch auch danach eng mit ihm verbunden und verpasst bis zu ihrem Tod 2014 kaum eine Show. Ende der Achtzi­ger verlässt auch Lagerfeld Chloé, kehrt aber 1992 für weitere fünf Jahre als Chefdesigner zurück. 1997 wird die erst 25-jährige Stella McCartney als neue Chefdesignern verpflichtet. Die Tochter von Musiker Paul McCartney kommt frisch vom Londoner Cen­-
tral Saint Martins College und bringt ­
Rock ’n’ Roll und Sexiness in die Kollek­tionen – ihre verspielten, jugendlichen Entwürfe bringen dem Haus eine neue Generation von Fans. 2001 gründet ­McCartney ihre eigene Marke, ihre rechte Hand und enge Freundin Phoebe Philo wird ihre Nachfolgerin. Die Britin­ lanciert erfolgreich Handtaschen, welche die Ära der It-Bags einläuten. Auf Philo folgen mit Hannah MacGibbon und Clare
Waight Keller zwei weitere Engländerinnen.

Mit Natacha Ramsay-Levi ist nun seit mehr als 25 Jahren wieder eine Französin an der kreativen Spitze von Chloé, das inzwischen zum Schweizer Luxusgüterkonzern Richemont gehört. Für ihre erste Kollektion hat Ramsay-Levi die Geschichte der Marke und die Arbeit ihrer Vorgänger genau studiert. «Ich bin sehr stolz darauf, Teil eines Hauses zu sein, das von einer Frau gegründet wurde, um Frauen zu kleiden», sagt sie.

 Erdige Farbtöne und Safari-inspirierte Outfits erinnern an Gaby Aghions Kindheit in Ägypten. In den mit folkloristischen Symbolen bedruckten Seidenkleidern erkennt man Karl Lagerfelds frühe Entwürfe. Sein mit Jugendstilmotiven bemalter Tertulia-Dress von 1966 wies den Weg für den charakteristischen Boheme-Chic des Hauses.­ Stella McCartneys famose Pferdeprints aus den Neunzigerjahren verarbeitete Ramsay-Levi als aufgesticktes Muster auf Samtblazern und -overalls. Die Romantik von Clare Waight Kellers fliessenden Kleidern zeigt sich in einer Reihe von klein geblümten Georgette-Dresses, den romantischsten Entwürfen. Ihnen verleiht Ramsay-Levi mit geschnürten Gladiatorenboots jene Toughness, die den Chloé-Kollektionen­ zuletzt manchmal gefehlt hat. Unverkennbar sind die Einflüsse ihrer Arbeit unter Nicolas Ghesquière. Dreiviertelhosen und schmal geschnittene Ledermäntel im Seventies-Stil oder kettenhemdartige Kleider erinnern an jenen Retro-Futurismus, mit dem Ghesquière­ zuerst bei Balenciaga und später bei Louis Vuitton so erfolgreich wurde. «Ich den­ke immer an ihn, fast jeden Tag», sagt Ramsay-Levi über ihren ehemaligen Chef und Mentor.

Das Frauenbild, welches Natacha Ramsay-Levi vertritt, könnte nicht besser in die heutige Zeit passen. «Ich möchte Frauen die Möglichkeit geben, ihre innere Stärke zu zeigen, nicht ihre Macht», sagt sie. Kaum etwas veranschaulicht das deutlicher als feminine, viktorianisch angehauchte Kleider, die mit flachen Stiefeln getragen werden. Sie taugen für den komplexen Alltag moderner Frauen, die sich sowohl um ihre Kinder kümmern, als auch zielstrebig eine Karriere verfolgen. Eine Garderobe für Frauen, die sich keinen bestimmten Look aufdrängen lassen, sondern mit Mode ihre Persönlichkeit unterstreichen und erweitern. «Für mich ist Chloé sehr demokratisch. Man braucht kein Experte zu sein, um die Marke zu verstehen. Jeder kann sie sich zu eigen machen», sagt Ramsay-Levi. Essenziell für den zukünftigen Erfolg der neuen Designe­rin wird daher auch sein, dass sie als ganz normale Frau und Mutter auftritt, nicht als abgehobene Modeschöpferin.

 Auf den privaten Schnappschüssen ihres Instagram-Accounts sieht man, wie sie ihren­ Sohn Balthus zur Schule bringt. Diesen hat sie mit dem Gründer des Magazins «Purple Fashion», Olivier Zahm. Ohne Skrupel mischt sie ihre eigenen Designs mit ­anderen Marken und knipst von dem Outfit auf dem Weg zur Arbeit ein Fahrstuhl-Selfie. «Die Chloé-Frau ist sehr real, sie lebt nicht in einer Fantasiewelt», sagt sie.

So zeigt auch die erste Werbekampagne unter ihrer Leitung eine Gruppe von Frauen, die sich auf den Strassen von Paris bewegen; jede für sich, jede mit einem eige­nen Ziel und doch zusammen stark. Unter dem Hashtag #chloegirls versammelt das Label eine Reihe von Models, Schauspielerinnen, Musikerinnen und Influencerinnen, die den Geist der Marke in die Welt hinaustragen. Die Zukunft von Chloé? «Die Marke muss relevant sein. Ich möchte, dass die Kleider getragen werden. Ich möchte, dass die Frauen sie annehmen», sagt Ramsay-Levi. Mit ihr als Aushängeschild könnten die Chancen nicht besser stehen.