13. Jan 2020

TEXT VON

Leoni Hof

FOTOGRAFIEN VON

Diane von Schoen/Piper Verlag

Was Frauen wollen

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Über ihr Buch «Three Women» sprechen alle. Ein Treffen mit Lisa Taddeo.

Lisa Taddeo lässt mich leer schlucken. Im Epilog ihres ersten Buchs «Three Women» schreibt sie: «Wir geben vor, Dinge zu wollen, die wir nicht wollen, damit niemand sieht, dass wir nicht bekommen, was wir brauchen.» Wenn jemand die eigenen Ahnungen so klar in Worte fasst, bleibt einem die Spucke weg. Man denkt: Endlich! Und dass man gerade vielleicht das wichtigste Buch des Jahres in Händen hält, da ist man auf Seite sieben. Und eigentlich möchte man sie nicht mögen, die Bücher, die alle feiern. Als «Three Women» im Sommer im Original erscheint, schlägt das Wellen auf allen medialen Kanälen. Es gibt frenetische Lobeshymnen, ein paar Verrisse.

Ja, im Buch gibt es schräge Metaphern. Und nein, Taddeo hat keine LGBT+-korrekte, allumfassende Abhandlung über das Begehren geschrieben. Sie ist nicht grössenwahnsinnig. Zoomt nicht raus, sondern ran. Für das Buch traf die Journalistin und Autorin Lina, Maggie und Sloane. Dies sind ihre Geschichten. Unter deren Oberfläche die Schätze universeller Wahrheiten gehoben werden können. Sie kreisen um das Begehren von Frauen, um Lieben und Leiden. Denn das eine scheint es nur mit dem anderen zu geben. Für sie, für uns. Taddeos Buch entwickelt dabei eine Wucht, ohne das Intime des Moments zu verlieren. Man legt es nicht mehr aus der Hand, so wahr und so traurig und so lustvoll ist das, was man da liest. Man nickt und seufzt und manchmal dreht es einem den Magen um, weil da nicht über eine Welt jenseits unseres Tellerrands geschrieben wird, sondern eben gerade von diesem. Was das Buch so wichtig macht für eine männliche Leserschaft. Der es hiermit dringend ans Herz gelegt sei. Was Frauen wollen, sollte auch sie interessieren.

Acht Jahre arbeitet Taddeo am Buch. Fährt kreuz und quer durchs Land. Geht in Bars und Restaurants, in Truckstops. Sie verteilt Flyer: Unerwiderte Liebe? Haben Sie eine Geschichte zu erzählen? Sie spricht mit über tausend Menschen, mit hunderten länger als zwanzig Minuten, mit zehn einige Monate. Es bleiben drei Frauen, mit denen sie Jahre verbringt. Das daraus entstandene Buch bewegt nun auch bald die deutschsprachigen Leser. Wir treffen uns in Taddeos deutschem Verlag in München. Die Autorin lebt gerade aus dem Koffer. Gähnt und entschuldigt sich noch, als das zum zwölften Mal passiert. Gähnt, während sie lacht und während ihre Augen glänzen vor Tränen. Kein Kaffee kommt gegen das Zuwenig an Schlaf an. Und Sorge ist ein schlechtes Ruhekissen. Doch davon gleich mehr. Dieses Gespräch wird trotzdem eines, an das man sich Tage später erinnert. Unter der Dusche, auf dem Weg ins Büro, in Gesprächen mit Freunden. Und so geht es einem auch mit diesem Buch. Am Ende ihres Epilogs schreibt die Autorin: «Ich bin aufgebrochen, um vom Feuer und vom Schmerz der weiblichen Lust zu erzählen, damit Männer und andere Frauen erst einmal verstehen können, bevor sie urteilen.» Taddeo möchte uns mit Mitgefühl infizieren. Gelingt ihr das, sollte «Three Women» auch hier zum Bestseller werden.


#METOO «Ich hatte 95 Prozent des Buches vor #metoo geschrieben. Es fühlte sich an wie die Antithese der Bewegung. Tatsächlich war sie kein Teil der Realität dieser Frauen. Ich wollte das Thema darum nicht nachträglich aufpfropfen.» .

BOLERO Sie schreiben über eines der ältesten Themen der Welt, das Begehren. Was ist neu an «Three Women»?

LISA TADDEO Wir reden viel über Prominente, Politiker, vielleicht noch über gewöhnliche Menschen, denen Aussergewöhnliches passiert. Den Menschen, mit denen ich sprach, passierte nichts. Bis auf ihr Leben. Durch das wir oft einfach so hindurchgehen. Während des Schreibens dachte ich an meine Mutter. Niemand, nicht einmal ich, wusste, wer sie wirklich war. Ich wollte die Geschichten dieser Menschen in einer so intimen Weise erzählen, dass ihre Kinder sie kennenlernen könnten.

Wie fanden Sie Lina, Maggie und Sloane?

In Indiana traf ich einen Arzt, der mit Frauen Hormontherapien durchführte. Woraufhin sie abnahmen, sich super fühlten, mehr Sex wollten, egal, ob verheiratet oder nicht. Ich fand das spannend, zog hin, startete eine Diskussionsgruppe im Hinterzimmer der Praxis. Eines Tages kam Lina und erzählte, dass ihr Mann sie nicht mehr auf den Mund küssen wolle. Ich wusste: Das ist sie. Sie war so offen. Lina nahm sich vor, ihrem Mann drei Monate Zeit zu geben, sie zu berühren, bis sie sich von ihm trennen wollte und eine Liaison mit ihrer Highschool-Liebe begann.

Auf Maggie stiess ich in North Dakota. Ich recherchierte für eine Geschichte über eine Gruppe illegaler Immigrantinnen, die tagsüber im Café arbeiteten und nachts raus auf die Ölfelder gebracht wurden, um dort mit den Arbeitern Sex zu haben. Ich sass in diesem Café und wartete darauf, dass sich die Geschichte entfaltet. Dann las ich den Artikel über Maggie, die als Schülerin ein Verhältnis mit ihrem Lehrer hatte, ihn Jahre später anklagte. Er hatte sie erwiesenermassen stundenlang und oft nach Mitternacht angerufen. Ich konnte nicht verstehen, wie eine Jury diesen Mann freisprechen konnte! Ich wollte, dass man endlich Maggies Geschichte hörte.

Sloane ist Unternehmerin, betreibt ein Restaurant mit ihrem Mann. Der es mag, ihr beim Sex mit anderen zuzuschauen.

Sie haben am Leben der Frauen teilgenommen, sind in ihre Städte gezogen. Wie schwierig war es, sich gleichzeitig aus ihrem Leben rauszuhalten?

Jemandem zuzuhören und von eigenen Erfahrungen zu berichten ist hilfreich, Ratschläge sind es nicht. Wer hat schon eine Ahnung vom Leben der anderen? Und meistens würden wir uns selbst nicht an das halten, was wir anderen empfehlen.

Warum wollten diese Frauen ihre Geschichte teilen?

Wir reden doch alle gern über uns selbst. Und ich war kein Teil ihres Umfelds, ich verurteilte sie nicht und würde es niemandem weitererzählen. Nur der ganzen Welt. Ich hätte nie gedacht, dass so viele Menschen das Buch lesen.

Bereuen Sie Ihren Erfolg?

Ja und nein. Für Maggie fühlt sich das Buch wie ein Abschluss an. Ich möchte aber nicht, dass man hinter Sloanes und Linas Identitäten kommt. Ich bereue das Buch nicht. Aber ich weiss nicht, ob ich es noch mal schreiben würde. Ich fühle mich verantwortlich. Ich möchte die Frauen beschützen, kann das aber nur bis zu einem gewissen Grad.

Sind Ihnen viele Menschen abgesprungen, weil sie doch nicht ins Buch wollten?

Mit einer Frau sprach ich mehrere Monate. Traurigerweise sprang sie ab, als sie sich verliebte. Ihr Partner sollte nicht über ihre Vergangenheit lesen.

Wie lebt man mit jemandem zusammen, vor dem man seine Vergangenheit versteckt?

Ich würde mich scheiden lassen, wenn ich über die Vergangenheit meines Mannes lesen müsste. Wir realisieren nicht, was die Details mit uns machen, bis wir sie hören. Dann kriegen wir sie nicht mehr aus dem Kopf.

Sie sagen: «Ich wollte das Verlangen entdecken, nicht Sex.» Was ist der Unterschied?

Sex an sich ist eine emotionslose Sache. Wenn wir über Sex ohne Begierde reden, worüber reden wir dann? Wenn ich über Begierde rede, rede ich auch über Sex. Ich habe mal mit einer hochpreisigen Escortdame und den Männern gesprochen, die mit ihr zusammen waren. Manchmal verbrachten sie die Nacht miteinander, manchmal die Ferien. Aber in der Sekunde, in der das vorbei war, gingen beide zurück in ihre Leben. Ich traf einen Mann, bevor und nachdem er mit einer Prostituierten schlief. Das war wie ein Durst, der danach gestillt war. Es gibt Frauen, die Sex haben wie Männer. Aber auch da geht etwas vor in ihnen. Männer können sich besser abschotten. Die Dinge voneinander trennen.

Sie sind pessimistisch gegenüber sexueller Gleichheit?

Ich bin nicht pessimistisch, nur realistisch. Die Biologie kann nicht ignoriert werden. Wir wollen eben nun mal, was wir wollen und sollten das auch bekommen. Frauen sollten mehr bekommen als Männer. Einfach weil es Jahrhunderte andersherum war, das wäre nur fair. Auch wenn ich daran glaube, dass wir alle gleich sind. Es ist aber nun an der Zeit, dass endlich mal das andere Geschlecht oben ist.

Dies ist auch ein Buch über Mütter. Sie schreiben sehr berührend über Ihre: «Manchmal wirkte es so, als hätte sie überhaupt keine eigenen Bedürfnisse. So, als wäre ihre Sexualität nur ein schmaler Pfad im Wald, einer dieser unmarkierten, die dadurch entstehen, dass irgendjemand mit Stiefeln das Gras niedertrampelt.» Hat dieses Buch Ihr Selbstverständnis als Mutter verändert?

Meine Mutter war nicht sehr herzlich. Aber jeden Tag bei mir. Sie konnte nicht Auto fahren, vielleicht lag es daran. Wir sprachen distanziert miteinander. Ich bin das Gegenteil davon mit meiner Tochter. Aber ich habe Angst davor, sie zu sehr zu lieben. Und ich habe Angst davor, dass sie mich zu sehr liebt. Weil ich meine ganze Familie in wenigen Jahren verloren habe. Meine Mutter sagte immer: Du wirst einmal keine gute Mutter. Mir fiel das wieder ein. Ich denke ständig daran. Ich arbeite so viel und fühle mich wie eine schlechte Mutter. In anderen Kulturen verlassen Kinder die Seite der Mutter lange nicht. Ich fühle, dass das richtig ist. Aber das lässt sich nicht durchführen. Während dieser Europareise ist meine Tochter bei mir. Aber das ist teuer. Ich stecke gerade das Geld, das ich verdiene, in mein schlechtes Gewissen, keine gute Mutter zu sein. Manchmal komme ich nur dazu, ihr einen Gutenachtkuss zu geben. Das ist schrecklich.

Das Schreiben hat Sie aber auch schon gerettet. Sprechen wir ein wenig über Ihr Leben?

Ich wuchs in New Jersey auf. Mein Vater war Arzt, meine Mutter Hausfrau. Nachdem meine Eltern gestorben waren, ging ich nach New York.

Auf der Suche nach etwas – und das ist Ihre eigene Aussage – «das mich retten oder umbringen würde».

Ich war depressiv, weil ich allein war. Ich wollte nicht mehr leben, hoffte aber, dass etwas passieren würde, das mich wieder leben lassen wollte. New York erschien mir dafür der richtige Ort. Ich bin viel herumgelaufen, ich schrieb. Manchmal lebt man einfach Tag für Tag. Heute wohne ich in Connecticut. Bis das hier passierte, arbeitete ich in der Schulbibliothek meiner Tochter und schrieb. Weil ich ihr nah sein wollte, aber auch arbeiten musste. Ich hatte ein sehr normales Leben. Gerade fühlt es sich wie das Gegenteil davon an.

Wie weit sollten wir für unsere Leidenschaften gehen?

So weit wir wollen. Das bedeutet für jeden etwas anderes. Darum kritisieren die Leute jemanden wie Lina, die etwas mit dem Mann anfängt, den sie will. Lina sagt: «Wir sollten uns nicht kritisieren, bevor wir nicht das Leben des anderen gelebt haben.» Ich stimme dem zu.

Warum sollten Männer Ihr Buch lesen?

Frauen sollten lernen, andere Frauen nicht zu verurteilen, Männer aber auch.

Warum tun Frauen sich das immer wieder gegenseitig an?

Ich glaube, dass das mit Biologie zu tun hat. Männer sind darauf gepolt, unzählige Frauen zu befruchten. Frauen darauf, dem Kind eines Mannes Sorge zu tragen. Wir haben also das Gefühl, es gebe in diesem Pool nur eine gewisse Anzahl Männer, Männer sehen aber eine ganze Menge Frauen. Ich glaube, das ist ein Teil davon. Die Gesellschaft schreibt Frauen ausserdem vor, dass sie es nicht verdient haben, Begierden zu haben. Dass sie es nicht verdienen, etwas zu wollen. Frauen haben sich das zu eigen gemacht. Fast mehr, als Männer das tun.

Wie verändert Ihr Buch die Art, wie wir über Frauen und Sex reden?

Ich hoffe, dass sich die Leute weniger verurteilen und weniger Angst davor haben, ihre Geschichte zu teilen. Ich hoffe, wir realisieren, dass jedes unserer Leben von Bedeutung ist. Wir wollen alle das Gleiche: gesehen und geliebt werden.

«Three Women – Drei Frauen» bei Piper.