19. May 2018

TEXT VON

Christine Halter-Oppelt

FOTOGRAFIEN VON

François Halard

Wider die Zeit

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Seit dreissig Jahren fotografiert François Halard Häuser. Nun kuratiert er in Basel eine Ausstellung.

Wer Mitte Juni die Design Miami/Basel besucht, die einen Tag vor der Art Basel am Messeplatz eröffnet, der bekommt nicht nur aussergewöhnliche Möbel, Dekora­tions­objekte und Schmuck zu sehen, sondern auch die Arbeiten des bekannten Interior-Fotografen François Halard. Er kuratiert die von der Messe initiierte Sonderschau Design at Large, in welcher er grossformatige, konzeptionelle Architektur- und Raum­entwürfe zusammen mit seinen Bildern zeigt. Wir sprachen mit dem in New York lebenden Franzosen während der Vorbereitungen über sein Werk, prägende Begegnungen und Polaroids.

Porträt Der 57-jährige Fotograf vor einem Wandgemälde von Pablo Picasso in der Provence.

Bolero: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit der Design Miami/Basel?

François Halard: Ich hatte vergangenen Sommer eine Ausstellung im Kunstmuseum Toulon: Hunderte meiner Bilder, wurden auf zwei 29 mal 4 Meter grossen Wänden gezeigt. Das sah Rodman Primack, Direktor der Designmesse. Er hat mich dann in meinem Studio in Arles besucht. Später, ich war gerade auf Antigua, um Tory Burchs Haus zu fotografieren, rief er mich an und fragte, ob ich die nächste Design at Large in Basel kuratieren möchte.

Nach welchen Gesichtspunkten haben Sie die Beiträge für Basel ausgesucht?

Es war nicht einfach. Im Prozess zeigte sich, dass nicht alle Projekte geeignet sind. Einige waren nicht realisierbar, andere schlichtweg zu teuer. Die Auswahl steht erst seit ein paar Tagen.

Haben Sie ein Lieblingsprojekt?

Ein Beitrag, der mich sehr interessiert, ist das von einem 3-D-Printer gedruckte Haus des italienischen Architekten Massimiliano Locatelli. Doch es geht nicht um einzelne Projekte, sondern um den Versuch, alles in einen Kontext zu setzen.

Sie zeigen auch Ihre eigenen Arbeiten.

Die Herausforderung liegt in der Konfrontation meiner Bilder mit den dreidimensionalen Installationen. Ich werde meine Fotografien auf dem Boden auslegen, sodass man durch sie hindurchgehen muss. Eine Bildfolge wird sehr abstrakt sein. Man erkennt nichts Konkretes, nur Farben. Am Ende der Halle nehme ich die Proportionen der grossen Rolltreppe auf und spiegle ihre Form am Boden.

Ikone
Die Bilder der Villa Malaparte auf
Capri machten nicht nur den Fotografen, sondern auch das Gebäude berühmt.
Sie entstanden im Jahr 1998.

Gibt es ein bestimmtes Thema?

Die Zeit. Es geht darum, sich Zeit für Dinge zu nehmen, sie zu betrachten und zur Ruhe zu kommen. Das entspricht mir sehr. Die digitale Fotografie liegt mir nicht, sie nimmt uns das Gefühl für Stunden und Minuten. Darum fotografiere ich fast ausschliesslich auf Film mit analogen Kameras. Danach werden meine Bilder entwickelt, ausgewählt, bearbeitet und gedruckt. Für mich war es immer sehr wichtig, geduldig zu sein. Manchmal dauert es lange, bis man Zutritt zu einem bestimmten Ort bekommt. Das war bei der Villa Malaparte auf Capri so und auch beim Maison de Verre in Paris. Wenn man etwas Starkes machen will, muss man dafür kämpfen.

Ist die Geduld das Geheimnis Ihrer Arbeit?

Das ist möglich. Auf die Begegnung mit dem Künstler Cy Twombly habe ich fünfzehn Jahre lang gewartet. Wenn ich dann fotografiere, warte ich wieder – auf die richtige Stimmung, das richtige Licht …

Um den Moment einzufangen, müssen Sie manchmal aber auch sehr schnell handeln.

Exakt. Ich mag diese Komplexität. Wenn ich vor Ort bin, ist das meine Chance. Ich fotografiere ein ganzes Haus für gewöhnlich an ein oder zwei Tagen.

Was macht ein gutes Foto aus?

Zwei Sachen: Es soll das Spiegelbild eines Objekts und auch das des Fotografen sein. Die Idee und seine Reflexion, Objekt und Subjekt gleichermassen.

Refugium In sein Haus im südfranzösischen Arles zieht sich François Halard zum Arbeiten zurück.

Ihre Auftraggeber erwarten ansprechende Bilder von Ihnen. Sind Sie es nicht manchmal müde, immer nur der Schönheit hinterherzurennen?

Nein. Es ist genau das, was mich antreibt. Ich bin auch ein grosser Sammler und bewahre alles auf, was mir gefällt. Die Suche und das Finden inspirieren mich. Ich darf bei meiner Arbeit so viele schöne Dinge sehen – mit meiner Fotografie übersetze ich sie und bringe sie zu den Menschen.

Hat sich Ihr Blick für das Schöne über die Jahre verändert?

Nicht wirklich. Als ich achtzehn wurde, habe ich mir von meinen Eltern einen Besuch der Möbelmesse in Mailand gewünscht. Ich wollte Ettore Sottsass und die Alchimia-Ausstellung sehen.­ Damals sammelte ich die italie­nischen Zeitschriften «Domus» und «Abitare». Design war immer Teil meines Lebens.

Ihre Eltern waren bekannte französische Inneneinrichter. Was haben Sie von ihnen gelernt?

Sie gaben mir die Möglichkeit, schon sehr jung in eine ganz besondere Welt einzutauchen. Zu uns nach Hause kamen viele Fotografen, um das Interieur abzulichten, aber auch für Modeshootings. Ich habe dann die Schule geschwänzt und ihnen von der Treppe aus zugeschaut. Diese kleine Box, die sich Kamera nennt, hat mich fasziniert. Ich entdeckte, wie man eine ganz eigene Vision der Welt entwerfen kann und sich gleichzeitig vor dem Fremden schützt. Ich war auch oft in unserer Bibliothek. Da gab es viele Architektur- und Einrichtungsbücher. Ich habe noch immer eine Lei­denschaft für sie. Magazine gehen, Bücher bleiben.­ Sie bewahren die Erinnerung. Üb­ri­­g­ens, meine Eltern wollten gar nicht, dass ich Fotograf werde.

Sie sind aber trotzdem schon mit Anfang zwanzig von Paris nach New York gegangen, um für die amerikanische «Vogue» zu arbeiten. Das muss aufregend gewesen sein.

Ich war wie ein kleines Kind und habe mit offenen Augen eine völlig neue Welt entdeckt. Leider sprach ich kein Englisch, nur Französisch und Deutsch. Aber ich lernte schnell und durfte sehr jung unter vielen grossen Fotografen der alten Schule arbeiten, von Helmut Newton bis Richard Avedon. Das war eine tolle Zeit.

Sie leben noch heute in New York.

Aber ich arbeite in meinem Haus in Arles. Dort befinden sich mein Studio, meine Produktion und mein Archiv.

Was gibt Ihnen New York, das Arles nicht hat, und umgekehrt?

Ich liebe die Schnelligkeit von New York, die vielen Optionen und den Mix an Menschen. Arles ist genau das Gegenteil. Dort ist der Ort, an dem ich mir Zeit nehme und über Dinge nachdenke. Es ist wie Schwarz und Weiss. Paris ist weder das eine noch das andere. Darum mag ich die Stadt nicht.

Welcher Aspekt Ihrer Arbeit interessiert Sie gerade besonders?

Ich will mich weiterentwickeln, mehr experimentieren. Mit Formaten, mit Ausschnitten, mit dem Druck. Ich möchte meine Bilder verändern und etwas Neues aus ihnen machen. Darum bin ich über das Projekt mit der Design Miami/Basel auch so glücklich. Es eröffnet mir viele Möglichkeiten.

Verfolgen Sie noch andere Projekte?

Für die britische Zeitschrift «World of Interiors» habe ich gerade mit einer 8 × 10-Polaroidkamera, wie sie der amerikanische Fotograf Walker Evans benutzt hat, Objekte in meinem Haus in Arles fotografiert. Ich arbeite gerne in Referenz zu etwas, das ich mag.

Offenbarung Das Pariser Apartment von Yves Saint Laurent. Fotografiert von François Halard im Alter von 23 Jahren.

Woher bekommen Sie die Polaroidfilme, die ja nicht mehr produziert werden?

Ich besitze zwei Kühlschränke voll davon. Auch meine bereits entwickelten bewahre ich auf. Kürzlich ist ein Buch mit ihnen erschienen. Und letzte Weihnachten hatte ich bei Sotheby’s in London eine Ausstellung mit Polaroids. Man interessiert sich gerade sehr dafür.

Seit wann sind Polaroids für Sie mehr als nur ein Hilfsmittel, um die richtige Belichtungszeit zu ermitteln?

Als ich Cy Twomblys Atelier in Gaeta fotografierte, habe ich seine Polaroid-Arbeiten gesehen und erkannt, wie grossartig diese Art der Fotografie ist. Das ist fünfzehn Jahre her.

Welches war das schönste Interieur, das Sie je fotografieren durften?

Ganz sicher das Pariser Apartment von Yves Saint Laurent. Es war wie eine Offenbarung. Er kombinierte Kunst, Objekte und Einrichtung mit einer solch hochstehenden Ästetik, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Auch Carlo Mollino ist eine grosse Inspiration. Er war kein Fotograf und auch kein Architekt, sondern ein Visionär. Sein Haus diente allein als Hintergrund für seine erotischen Aufnahmen.

Design Miami/Basel
Die Designmesse findet vom 12. bis zum 17.Juni in Basel direkt am Messeplatz in der Halle 1 Süd statt. Im Erdgeschoss wird die Sonderschau Design at Large gezeigt.