Es blubbert. Rechts von mir. Ich lasse mir nichts anmerken und kaue weiter. Jeden Bissen mindestens dreissigmal. Ich zähle mit. Mein Schluckreflex meldet sich viel zu früh. Und dann rumort es links von mir. In der Stille des Restaurants sind die fröh-lichen Darmgeräusche der Tischnachbarn beinahe ohrenbetäubend – immerhin speist man hier meist allein, weil man allein angereist ist. Oder aber schweigend als Paar, weil die Anweisung, in Ruhe und mit Fokus auf die Mahlzeit zu essen, ihr Übriges tut.
Schweigen, kauen, heilen
Das Mikrobiom gilt als Schlüssel zur Gesundheit. Im «Vivamayr Maria Wörth» wird dieser Ansatz konsequent gelebt. Ein Selbstversuch.
Was mich am ersten Abend noch befremdet, dem begegne ich im Laufe meines Aufenthalts mit schmunzelnder, wissender Akzeptanz. Schliesslich ist man hier im Medical Health Resort Vivamayr Maria Wörth, um zu entgiften, zu entschlacken, zu reinigen – und zu einem neuen Lebensgefühl zu finden. Bittersalz, Glaubersalz und literweise Tee gehören deshalb zum täglichen Brot. Ebenso wie die schmackhafte Schonkost, die im hellen und luftig gestalteten Restaurant serviert wird. Auf den Teller kommt ausschliesslich, was ärztlich angeordnet wurde. Morgens Buchweizen-Porridge oder auch mal Kartoffeln mit Omelett. Mittags Fleisch, Fisch oder glutenfreie Pasta mit Gemüse, stets nach den Prinzipien der modernen «Vivamayr»-Küche. Abends bleibt es bewusst karg: ein Kännchen Brühe, ein vegetarischer Aufstrich und ein Kautrainer, wie die dicht gebackenen Fladenbrötchen heissen, die zum gründlichen Kauen anhalten.
Es war der österreichische Forscher und Arzt Dr. Franz Xaver Mayr, der den Darm als das «Wurzelsystem» des Menschen verstand, jenes System, dessen Störungen zahlreichen Zivilisationskrankheiten zugrunde liegen. Vor rund hundert Jahren entwickelte er daraus die nach ihm benannte F.-X.-Mayr-Kur, deren Prinzipien auf Entlastung, Reinigung und Regeneration des Darms beruhen, mit dem Ziel, den gesamten Organismus zu stärken. Das Bonmot, seine Probleme an der Wurzel zu packen, erhält hier auf einmal eine sehr körperliche Bedeutung. Auch wenn heute weder Milch noch Semmeln wie in den Anfängen serviert werden und die Diätpläne den modernen Erkenntnissen angepasst sind: Bewusste Askese gehört hier zum guten Ton. Und auch wenn die Gedanken oft um Essen und Genussmittel kreisen – vor allem um alles, was es nicht gibt, wie Kaffee bei mir –, wird genau darin ein zentraler Teil des Prozesses sichtbar.
Gleich nach der Ankunft beginnt im hauseigenen medizinischen Zentrum die umfassende Diagnostik: Bluttests, Stoffwechselassessments, Cardioscans, ärztliche Gespräche und Untersuchungen. Mängel werden schonungslos herauskristallisiert. Auf dieser Basis wird ein individueller Behandlungsplan erstellt. Man wird zum Dauergast der weitläufigen ersten Etage mit medizinischer Rezeption, Sprechzimmern, Therapie- und Massageräumen, Labor, Kneipp-Zone sowie Bereichen für Bewegungs- und Fitnessanalysen. Handys und Laptop sind verpönt, der Tagesablauf durchgetaktet: Arztbesuche, Elektrolysefuss-bäder, Fussreflexzonenmassagen, Lymphdrainagen, Bewegungstherapie auf der Vibrationsplatte Galileo, Shiatsu, Stressreduktion, emotionales Detox. Nachtruhe ist um 21 Uhr – nach dem Leberwickel, versteht sich. Am fünften Tag setzt er ein, der viel zitierte Serotonin-Kick. Euphorisiert schlummere ich im Moorbad weg, während mich die Lichtershow in der Massagewanne vor Glück träumen lässt … karibikblau, lagunengrün, lavarot.
«Lassen Sie mich sehen, wie es Ihnen heute geht», sagt Dr. Adriana Fink, die mich betreuende Ärztin, und untersucht meine Zunge. Die übliche Frage, «Wie geht es Ihnen heute?», stellt sich hier nicht. Warum auch? Es gehört zur Aufgabe der Ärztin, zu erkennen, was mir fehlt. Mittels funktioneller Myodiagnostik werden meine Unverträglichkeiten sichtbar. Und allerspätestens bei der manuellen Bauchbehandlung, einer viertelstündigen obligatorischen Massage, weiss ich: Man ist hier in den richtigen Händen.
Nachgefragt: 5 Fragen an Dr. Doris Schuscha, Ärztin im Medical–Health–Resort Vivamayr Maria Wörth.
Bolero Sie setzen im «Vivamayr» keine Abnehmspritzen wie Ozempic ein – passt die Idee einer medikamentösen Gewichtsreduktion grundsätzlich nicht zu Ihrem ganzheitlichen Konzept?
Doris Schuscha Sie hat ihre Berechtigung. Und wir stehen der modernen Medizin grundsätzlich offen gegenüber. Entscheidend ist jedoch, dass sie auf Basis einer klaren Indikation und im richtigen Gesamtpaket eingesetzt wird. Im «Vivamayr» in Maria Wörth klären wir darüber auf, dass die Abnehmspritze eine unterstützende Krücke sein kann auf dem Weg zu einem gesünderen Lifestyle und nur in Kombination mit einem gesunden Lebensstil langfristig wirkt. Wurde sie aber als medizinisch sinnvoll erachtet und als Motivationsbooster verschrieben, begleiten wir die Gäste gern dabei, Ernährungs- und Bewegungsverhalten nachhaltig zu verändern. Denn die Spritze ist kein Wundermittel und keine Dauerlösung.
Wenn Patientinnen bereits mit Ozempic oder ähnlichen Abnehmspritzen zu Ihnen kommen: Welche medizinischen Checks und Anpassungen im Therapieplan halten Sie für zwingend nötig, damit sich Ihr Programm und das Medikament sinnvoll ergänzen und nicht gegenseitig behindern?
Eine umfassende medizinische Abklärung ist essenziell, um mögliche Defizite, hormonelle Disbalancen, Stoffwechselerkrankungen oder andere körperliche Ursachen von Übergewicht zu identifizieren. Dazu gehört eine detaillierte Stoffwechselanalyse inklusive Bestimmung des Fettgewebe-, Muskelmasse- und Wasseranteils. Die klinische Untersuchung bildet die Basis, um Verdauungstrakt, Herz-Kreislauf-System, hormonelle und neuronale Regelkreise sowie die Organe ganzheitlich zu beurteilen. Wir legen grossen Wert auf die Darmgesundheit, ein ausgewogenes Mikrobiom und eine gute Verdauungsleistung, weshalb Lebensmittelunverträglichkei-ten, Dysbiosen, Parasitosen oder Candi-dosen gezielt abgeklärt und bei Bedarf behandelt werden. Ergänzend kommen je nach Fragestellung Blut-, Harn- und Stuhlanalysen zum Einsatz.
Wo sehen Sie die grössten Risiken, wenn jemand sich auf die Spritze verlässt, aber die von Ihnen betonte Veränderung von Verdauung, Ernährung, Stressmanagement, Bewegung und Lebensstil vernachlässigt?
Zu den bekannten Nebenwirkungen zählen vor allem gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen, Durchfall oder Verstopfung, aber auch Appetitlosigkeit, Müdigkeit, Gallensteine oder Bauchspeicheldrüsen-entzündungen. Darüber hinaus kön-nen psychische Nebenwirkungen wie depressive Verstimmungen bis hin zu Lebensunlust und erhöhtem Suizid-risiko auftreten. Durch reduzierte Nahrungsaufnahme sind zudem Nährstoff-, Vitamin- und Mineralstoffmängel möglich. Deshalb ist eine ganzheitliche Betreuung mit enger medizinischer Beglei-tung unerlässlich. Fehlt diese und auch die Lifestyle-Anpassung, sehen wir häufig einen massiven Muskelabbau, was langfristig zu körperlicher Schwäche, eingeschränkter Fettverbrennung und dem berühmten Jo-Jo-Effekt führt. Die logische Konsequenz ist Frustration.
Was empfehlen Sie konkret, um während und nach einer Spritzentherapie einen stabilen Stoffwechsel,eine funktionierende Verdauung und langfristig gesunde Gewohnheiten aufzubauen?
Der wichtigste Schritt ist, den Menschen ihre Eigenverantwortung wieder bewusst zu machen. Wir begleiten sie liebevoll und individuell auf dieser Reise zu sich selbst, wie gesagt beginnend mit einer ärztlichen Anfangsuntersuchung, auf deren Basis wir persönliche Therapie- und Ernährungsempfehlungen aussprechen. Ziel ist die Harmonisierung und Stärkung des gesamten Organismus, unterstützt durch ein breites Spektrum naturheilkundlicher Therapien. Eine zentrale Rolle spielt dabei eine gesunde Ernährung mit den richtigen Speisen und nachhaltigen Essgewohnheiten – nicht umsonst ist unser wichtigster Therapieraum das Restaurant. Ebenso entscheidend ist jedoch die seelische Gesundheit, die unsere Psycho-loginnen mit ihrem Emotional-Detox-Konzept gezielt fördern. Denn mal ehrlich: Wie oft essen wir nur, um uns emotional zu stabilisieren?
Halten Sie Abnehmspritzen für einen vorübergehenden Trend, oder werden sie sich langfristig in der Behandlung etablieren?
Ich hoffe, dass die Forschung an medikamentöser Unterstützung der Gewichtsregulation weiter voranschreitet, denn nicht jeder bringt von Beginn an die Kraft und die geistige Energie für einen ganzheitlichen Ansatz mit. Eine erste Entlastung von aussen kann dabei hilfreich sein. Unsere über zwanzigjährige Erfahrung im Stoffwechsel- und Gewichtsmanagement zeigt jedoch klar: Eine echte, also nachhaltige Lösung lässt sich nur durch die Verbesserung und die Optimierung des Lebensstils erreichen.