Wir wollen ein Ökosystem kreieren, das Zugänglichkeit mit Premium-produkten verbindet. Darin dürfen Regeln gebrochen werden. Wir sind nicht nur ein Galeriemodell, nicht nur ein Unternehmen, nicht nur eine Sache. Stellt man die Frage in den Raum, ob Parfum, Schmuck oder ein Lifestyleprodukt auch eine Form von Design ist, lautet meine Antwort immer: Ja. Wir kreieren deshalb einen Zwischenraum – zwischen Trunk-Show, Messe, Markt und etablierten Formaten wie der Design Miami, die oft auf ein spezifisches Alter und eine bestimmte Einkommensklasse zugeschnitten sind. Unsere Besucher sollen Spass haben und mit unseren Ausstellern und Marken interagieren.
Sind Sie mit Herausforderungen konfrontiert, gerade weil Sie so breit aufgestellt sind?
Multidisziplinäre und hybride Events können auch verwirren, ja. Das ist sowohl das Schöne daran als auch der Fluch. Ich war immer der Überzeugung, dass sich kreative Disziplinen wie Design, Mode, Architektur und Gastronomie überschneiden sollten. Aber die Leute denken gern in Schubladen und wollen wissen, was sie bekommen – besonders Investoren. Mit dieser Tatsache sowie mit unserer Mischung aus Sammler- und Industriedesign habe ich als Kurator definitiv zu kämpfen.
Die Frage nach dem Produktionsmassstab greifen Sie im diesjährigen Thema «Scale» – Skalierung – auf.
Ja, ich wollte mich mit dem Anspruch an Transparenz, Rückverfolgbarkeit und Nachhaltigkeit im heutigen Design, verglichen mit dem blossen Anspruch an die Ästhetik, die in den letzten Jahren vorherrschte, auseinandersetzen. Ich finde, über dieses Thema sollte man didaktischer und pädagogischer sprechen: Was ist der Unterschied zwischen einem Unikat und einer limitierten Auflage, warum ist etwas aufgrund seiner Qualität oder Seltenheit besonders teuer? Wir haben unsere Aussteller dazu angeregt, sich mit dieser Expansion in Form eines visuellen Spiels auseinanderzusetzen.
Wie weit sollte Design Ihrer Ansicht nach demokratisiert werden? Wir leben in einer Zeit maximaler Zugänglichkeit, und gleichzeitig hat sich eine starke Sehnsucht nach Exklusivität und seltenen Luxusobjekten manifestiert.
Wo die Grenzen des Begriffs Design sind, wurde schon immer diskutiert. Wir haben ja seit jeher bäuerliche Gegenstände hergestellt – ich denke an die Objekte der amerikanischen Shaker –, auf die wir heute nostalgisch zurückblicken. Neu ist einfach die Art, wie wir Design heute definieren: als künstlerischen Ausdruck individueller Handschriften, die sich im Objekt manifestieren. Damit rücken Fragen nach Herkunft, Herstellung und Knappheit in den Vordergrund – wurde ein Stück handwerklich gefertigt, von einer Fabrik, von einem Herausgeber oder in einer Massenproduktion? Zugleich wird Authentizität zunehmend an Entscheidungen gemessen: daran, ob ein Designer seinen Namen demokratisiert oder ihn bewusst exklusiv positioniert. Geht er als Modedesigner eine Kooperation mit H&M ein, oder verkauft er nur in Galerien oder Kunstinstitutionen? Dass wir Design heute wie ein Paar Schuhe kaufen können – erschwinglich, zugänglich und nicht nur einer Oberschicht vorbehalten –, ist eine Realität, die ich spannend finde. Dennoch muss nicht jedes originelle Stück mitten im Garten des Jardin des Tuileries in Paris zu sehen sein.
Wie beurteilen Sie das Designempfinden der heutigen Gesellschaft?
Ich sehe «Matter and Shape» als Spiegelbild des zeitgenössischen, globalen Geschmacks: ein bisschen skandinavisch, ein bisschen japanisch und minimalistisch, hie und da durchaus eklektisch. Erschwingliche Marken dürfen für mich dabei den gleichen Platz einnehmen wie ein einmaliger Designstandpunkt. Ich glaube an die Mischung und bin überzeugt davon, dass Kunden mit einem guten Auge ein breites Spektrum an Produkten in einen Raum zu integrieren wissen. Ich kenne viele Ästheten, die ihre Landhäuser mit Möbeln von zugänglicheren Marken ausstatten. Leider – oder zum Glück – kaufen wir nicht alle nur Giacometti und Royère!
Wie viel der Kuratierung widerspiegelt Ihren persönlichen Geschmack, und wie sehr müssen Sie das Gesamtbild im Auge behalten?
Für mich geht es stets um Integrität. Mein Geschmack ist sehr breit, ich schätze verschiedene Epochen, unterschiedliche Stile, verrückte Dinge oder brutalistische. Meine Auswahl wird deshalb immer maskuline, rationale Geometrie umfassen wie auch feminine, florale und folkloristische Stücke. Ich empfinde die Designwelt heute oft als zu männlich – es gibt viel Metall, Stahl … Manche nennen es die Kokainästhetik der Achtziger-, andere den Industrialismus der Siebzigerjahre. Es gibt eine Menge davon, mir ist es oft zu einfach.
Diese stilistische Verwässerung beobachtet man auch beim Konsumenten: Es gibt im Design wie auch in der Mode einen kollektiven Geschmack und immer weniger Individualität.
Durch die Digitalisierung und den E-Commerce haben die Leute den Bezug zum Produkt verloren. Viele halten sich an bestimmte Namen und die Idee, dass man diesen oder jenen Stuhl haben muss, weil er eine Design-Ikone ist. Natürlich sind das oft fantastische Stücke. Aber man muss Möbel nicht wie Pokémonkarten sammeln. Das hat nichts mit Geschmack oder Identität zu tun, sondern mit dem Ankreuzen eines Kästchens. Man ist nur Teil einer Gruppe, eines Trends. Das finde ich wirklich langweilig.
Welche Ansprüche muss ein Jungdesigner heute für Sie erfüllen?
Das Rad kann nicht neu erfunden werden. Ein Stuhl wie auch ein Kleid bringt eine Funktionalität mit, die bis zu einem gewissen Grad respektiert werden muss. Ich freue mich aber über Menschen, die auf gesunde Weise auf die Vergangenheit blicken, ihre Helden betrachten und eine Welt intensiv ergründen, sei das durch Forschung oder ein Material. Ein Freund von mir beschäftigt sich zum Beispiel mit der afrikanischen Tradition der Skarifikation und denkt darüber nach, diese auf Möbel anzuwenden. Ich finde das erstaunlich und eine sehr zeitgemässe Art, über Geschichte nachzudenken und sie auf ein Objekt zu übertragen.
Gibt es ästhetische Richtlinien, nach denen Sie beurteilen?
Wir schauen uns immer wieder Projekte an, die noch nicht vollständig realisiert sind oder noch eine gewisse Mehrdeutigkeit aufweisen. Sehen wir dafür keinen Platz, wird es auch das Publikum nicht tun. Mit dem Aufstieg des Designers als Trendberuf kommen zudem viele Nachahmer dazu, die Produkte besser verpacken, als sie sind – mit grossartigen Websites, Logos, Namen. Für mich ist vieles davon ziemlich hohl. Ich kehre auch deshalb gern zu Herstellern zurück, die eine starke Linie verfolgen. Oder zu Traditionsunternehmen, die ein wenig entstaubt werden müssen, wie zum Beispiel Lobmeyr oder das japanische Textilunternehmen Hosoo, das Stoffe nach Mass für Dior, Chanel oder Fendi produziert.
Die Handwerkskunst, auf der solche Häuser aufgebaut sind, verschwindet heute immer mehr.
Dieser Realität muss man unbedingt entgegenwirken. Ich finde es extrem wichtig, dass junge Menschen versuchen, alte Maschinen wieder in Betrieb zu nehmen oder etwas zu erlernen, das von einem Familienmitglied oder einem bestimmten Ort stammt. Viele der unglaublichen Dinge, die in den letzten hundert Jahren hergestellt wurden, könnten wir heute nicht mehr erschaffen. Oder es wäre unglaublich teuer und aufwendig. Ich denke an den Jugendstil oder die Art-déco-Bewegung, die letztes Jahr ihr hundertjähriges Bestehen feierte. Ihre Relevanz wird noch Dekaden währen – umso wichtiger ist es, dass es Experten gibt, die Referenzen und Werkzeuge und Originale identifizieren können.
Wie werden Sie auf neue Talente aufmerksam?
Vertrauen spielt eine zentrale Rolle: Es entsteht durch mein Netzwerk, Kontakte, befreundete Lehrer oder auch Bekannte von mir, die in Communitys eingebettet sind, zu denen ich keinen Zugang habe. Bereise ich ein neues Land oder setze ich mich mit einer Szene auseinander, die mir noch nicht vertraut ist, überlege ich mir als Erstes, wer mir Türen öffnen kann. Von herumgereichten Adresslisten halte ich wiederum gar nichts – ich finde nichts langweiliger, als Reisepläne auf diese Weise vermeintlich zu vollenden. Sie schliesst sämtliche Spontanität und Zufälle aus.
Dem Unentdeckten wohnt ja immer ein Zauber inne. Soll jedes Stück von der breiten Masse gesehen werden?
Es stellt sich natürlich immer die Frage, ob das Lokale zu uns nach Paris kommen und damit weniger lokal werden soll. Ich finde Studios und Ateliers, die man nur nach Vereinbarung besuchen, und Produkte, die man nur an einem Ort kaufen kann, fantastisch. Andere wiederum sind darauf angewiesen, besucht zu werden – physisch oder digital. Seien wir ehrlich: Das ist schliesslich das, was die Welt am Laufen hält.
«Matter and Shape» findet vom 6. bis 9. März in Paris statt. Tickets via matterandshape.com.