Reise nach Los Cabos

Mexico Light

Los Cabos ist ein Ort der Extreme: landschaftlich spektakulär, touristisch hoch entwickelt, ein Ort voller Sonne, Sicherheit und ­Luxus. Nur wer genauer hinschaut, erkennt die Herausforderungen, die es zu meistern gilt.

Die Küste von Los Cabos

Am südlichsten Zipfel der mexikanischen Halbinsel Baja California treffen Welten aufeinander: die raue, karge Wüste und der tiefblaue Pazifik, die internationale High Society und die genügsamen Locals, «los cabeños», geschäftiges Treiben und endlose Stille. Los Cabos ist kein einzelner Ort, sondern eine Region, bestehend aus San José del Cabo mit seinem kolonialen Charme, dem Partymekka Cabo San Lucas, dem ursprünglichen Cabo del Este und dem weitgehend unberührten Schutzgebiet Cabo Pulmo. Es ist die am dichtesten bevölkerte Gegend von Baja California.

Was heute als luxuriöse Feriendestination gilt, war lange ein abgelegener Aussenposten Mexikos, unbeliebt, unwegsam, geformt von Isolation und Naturgewalten. Indigene Gruppen wie die Pericú lebten hier eine bescheidene Existenz, Jäger und Sammler, angepasst an ein Leben fast ohne Wasser und mit minimalen natürlichen Ressourcen. Mit der spanischen Kolonialisierung im 17. Jahrhundert entstanden erste Missionen, die fortan als religiöse und landwirtschaftliche Zentren dienten. Doch die Region blieb wirtschaftlich unbedeutend. Piraterie, Naturkatastrophen und Krankheiten verhinderten eine nachhaltige Entwicklung, und bis weit ins 20. Jahrhundert war Los Cabos vor allem eines: weit weg von allem. Ein Nachteil. Und ein Reiz.

Denn Los Cabos war zuerst ein Ort für wilde Männer mit Booten und erst viel, viel später einer für Villen mit Infinity-Pools. In den 1950er-Jahren, noch lange vor Flughafen und befestigten Strassen, kamen Schauspieler wie John Wayne, Bing Crosby oder Gene Autry nicht wegen Stränden oder Luxusresorts, sondern wegen des legendären Hochseefischens und der völligen Abgeschiedenheit. Ihre Besuche – oft unter einfachsten Bedingungen – begründeten den Ruf von Los Cabos als exklusivem Rückzugsort für Eingeweihte. Über zwei Dekaden lang sollte es genau das bleiben.

Der Wendepunkt kam in den 1970er-Jahren. Die mexikanische Regierung erkannte das touristische Potenzial der Region und erklärte Los Cabos zu einem sogenannten Centro Integralmente Planeado – einem gezielt geplanten Tourismusgebiet, in dem Infrastruktur und Freizeitangebote systematisch entwickelt wurden. Mit dem Bau des internationalen Flughafens, der ersten Hotels, der Golfplätze und eines hochwertigen Strassennetzes nahm die Entwicklung der Halbinsel Fahrt auf. Stars wie Frank Sinatra, Lucille Ball und Desi Arnaz und später George Clooney, Madonna und Leonardo DiCaprio zählten zu den prominenten Gästen, die den exklusiven Charakter der Halbinsel weiter unterstrichen – nun nicht mehr nur auf Booten mit Angelrute, sondern in Villen und Resorts, die Komfort und Sicherheit boten. Der Mythos der Abgeschiedenheit wurde geschickt mit modernem Luxus kombiniert: als ein Ort, an dem man gesehen werden konnte – und trotzdem unbeobachtet blieb.

Heute zählt Los Cabos zu den wichtigsten Tourismuszentren Mexikos. Die Region ist ein Magnet für Luxusreisende aus den USA, Kanada und inzwischen auch Europa. Mit mehr als 18 500 Hotelzimmern zählt sie zu den Regionen mit der höchsten Dichte an Premium-Unterkünften in Lateinamerika, unter ihnen renommierte Ketten wie Four Seasons, Ritz‑Carlton, Montage oder Waldorf Astoria. Im kommenden Frühling soll das «Amanvari» eröffnet werden, das lange ersehnte Mexiko-Debüt der Aman-Gruppe. Wenig später soll mit dem «Soho House Los Cabos» in Cabo del Sol – einer der prestigeträchtigsten Adressen der Halbinsel – das erste «Soho House» in einer lateinamerikanischen Feriendestination eröffnen. Los Cabos boomt – und es ist mehr als nachvollziehbar, warum.

Los Cabos wird oft als «Mexico light» bezeichnet: Die Gegend ist unglaublich sauber, sicher, gut organisiert und perfekt auf die Bedürfnisse europäischer und vor allem nordamerikanischer Gäste abgestimmt. Für viele Reisende bedeutet das einen stressfreien Einstieg in das mexikanische Leben: Sonne, Meer, fröhliche Musik, bunte Häuser und aromatische Küche – ohne sich mit den komplexen Realitäten und Gefahren eines herausgeforderten Landes auseinandersetzen zu müssen. Hier darf jeder ohne Unwohlsein zur Schau tragen, was er sich im Leben erarbeitet hat – die Uhr, die Designermode –, er darf in jeder Weltsprache nach den Gerichten seiner Heimat fragen und hat, wenn er dann wieder zu Hause ist, doch einen Stempel im Pass, der davon zeugt, dass er – ganz der Weltbürger, ganz die Weltbürgerin – den sicheren Hafen des globalen Westens verlassen hat. Genau das macht Los Cabos für viele attraktiv. Und für andere austauschbar.

Wer zur zweiten Gruppe gehört – ich –, erliegt der Magie der Region erst, wenn er die zwei Ballungszentren San José und San Lucas verlässt. Denn wie so oft auf der Welt ist der Weg von Wirbel zu Wunder ein kurzer. Meine Reise führt mich zuerst in Richtung Norden, entlang der Pazifikküste, in die malerischen Gassen von Todos Santos. Eingebettet zwischen Wüste, Palmenhainen und den Ausläufern der Sierra de la Laguna, lebt man in dem 1723 als Jesuitenmission gegründeten Städtchen in Kolonialbauten mit Bougainvillea an den bröckelnden Mauern. Trifft man sich hier in lauschigen Innenhöfen auf selbst gerösteten Kaffee, findet man sich unter Künstlern, Schriftstellerinnen und Aussteigern. Für viele ist Todos Santos das kulturelle, stille Herz von Baja California Sur. Es dauert keine zehn Minuten, bis ich verstehe, weshalb. Es ist ein Ort zum Verweilen. Die meisten bleiben ein paar Tage. Viele bleiben für immer.

Wenn Todos Santos das stille Herz der Region ist, findet man sein wildes auf den holprigen Sandstrassen des Cabo del Este, des Ostkaps. Hier finden Abenteuerwillige noch das Baja California, wie es einst John Wayne in seinen Bann zog: als atemberaubend schöne Wildnis. Wer das auskundschaften will, muss vor allem eines mitbringen: Geduld. Wo sonst Schnellstrassen regieren, herrscht hier Schotter; statt Hotelkomplexen prägen hier Buschland, das tiefe Blau des Mar de Cortés und einzeln verstreute Villen das Landschaftsbild. Die Hoteliers, die sich ansiedeln, tun dies mit einigen wenigen Gästezimmern, ausgerichtet auf diejenigen, die den Luxus im Einfachen suchen und die Kraft in der Stille. Statt bis tief in die Nachtstunden zu feiern, zelebriert man am Cabo del Este, wie die Sonne frühmorgens aus dem Meer steigt – beim Yoga, Surfen oder – ich – mit einer Tasse heissen Kaffee, nichts tuend, gegen eine Sanddüne gelehnt. Hier am Ostkap spielt die Musik langsam, noch genau wie damals, und keiner, der herkommt, möchte es anders.

Denn wenn irgendwo deutlich wird, wie stark eine lokale Gemeinschaft etwas bewegen kann, dann in Cabo Pulmo. Das kleine Dorf an der Ostküste liegt direkt an einem der ältesten Korallenriffe im Golf von Kalifornien – ein Ort, den der legendäre französische Unterwasserforscher Jacques Cousteau ehrfürchtig als «the world’s aquarium» bezeichnet hat. In den 1990er-Jahren stand dieses Ökosystem – wie so viele seiner Art – kurz vor dem Kollaps: Überfischung, illegale Fangmethoden und fehlende Regulierung hatten die Fischbestände dramatisch dezimiert. Und es waren die Dorfbewohner, die erkannten, dass ihr langfristiges Überleben untrennbar mit dem Zustand des Meeres verbunden war; sie begannen, sich aktiv und mit Nachdruck für die Schaffung eines Meeresschutzgebiets einzusetzen – ein radikaler Schritt in einer Region, in der Fischerei über Generationen hinweg die Lebensgrundlage gewesen war. Die Regierung schenkte ihren Bürgerinnen und Bürgern Gehör: 1995 wurde Cabo Pulmo offiziell zum Nationalpark erklärt.

Die Veränderungen zeigten sich schneller, als viele erwartet hätten. Schon nach wenigen Jahren erholten sich die Fischbestände, Raubfische kehrten zurück, und das Riff wurde zu einem der erfolgreichsten Beispiele für marine Regeneration weltweit. Die Einheimischen agieren seither als wachsame Hüter ihres Parks: Sie patrouillieren die Gewässer, melden illegale Aktivitäten und betreiben heute vor allem kleinen, kontrollierten Ökotourismus – von Tauchschulen über Schnorchelausflüge bis hin zu einfachen Unterkünften, die als bewusster Gegenpol zum Massentourismus von damals fungieren. Geführt unter lokaler Kontrolle, mit Transparenz und der Erkenntnis, dass wirtschaftlicher Gewinn nur mit einem intakten Ökosystem funktioniert, ist Cabo Pulmo heute ein Vorzeigebeispiel dafür, was Tourismus sein soll. Was Tourismus sein muss.

Und hoffentlich liegt genau darin die Zukunft von Los Cabos: nicht nur als perfekte Sonnentankdestination, sondern als Region, die vorlebt, wie Wachstum, Umwelt und lokale Identität im Gleichgewicht gehalten werden können. Denn was so schön ist, gehört beschützt, gehört bewahrt. Von allen. Für immer. Meine Rückkehr ans Cabo del Este ist bereits gebucht.

Anreise

Condor fliegt montags und freitags von Zürich via Frankfurt direkt nach San José del Cabo. Als Alternative stehen verschiedene Verbindungen mit Stopovers in Mexiko‑Stadt oder US‑Drehkreuzen zur Auswahl.

Check–in

Nest Baja Eingebettet in das wilde Buschland der Ostküste, setzt die Anlage mit nur rund zwei Dutzend Ocean-View-Cottages – einige mit privaten Dachterrassen oder Plunge-Pools – auf intimen Ökoluxus. Besonders in Erinnerung bleiben neben den Zimmern selbst die Restaurantterrasse mit Panoramaaussicht und die ­Yogaplattform mit Blick aufs Meer. DZ ab Fr. 250.–, nestbaja.com

Paradero Todos Santos Das Boutique-Resort auf dem Landgut La Mesa nahe Todos Santos mit rund 35 Suiten liegt eingebettet in farbige Felder, Wüste und Palmenoasen. Brutalistisch inspirierte Architektur lässt Innen- und Aussenräume ineinanderfliessen, während die Küche lokale, frische Zutaten in kreativen Gerichten und Cocktails mit regionalen Aromen vereint. DZ ab Fr. 440.–, paraderohotels.com

Hotel Casa Natalia Mitten im historischen Zentrum von San José del Cabo gelegen, bietet das von einer Schweizerin geführte Boutique-hotel die ideale Basis für eine entspannte Erkundung der Altstadt. Die 18 Zimmer sind gemütlich eingerichtet, oft mit privater Terrasse oder Hängematte, und mit Arbeiten von lokalen Künstlern dekoriert. DZ ab Fr. 75.–, casanatalia.com

Gourmet

Flora’s Field Kitchen Das «Flora’s» in San José del Cabos gilt als Pionier der Farm‑to‑table‑Küche in der Region und wurde von Michelin mit einem Green Star gewürdigt. Gespeist wird, wenn möglich, im Freien und mit Blick auf den Gemüsegarten, die Obstbäume oder die historischen Farmgebäude. flora-farms.com

Acre Die minimalistischen Betongebäude bei San José beherbergen ein Green-Star-prämiertes Farm-to-table-Restaurant, verschiedene Event-Locations und Showküchen, eine Tieraufzuchtstation, Ferienhäuser sowie einige wenige Gästezimmer – alles so durchdesignt, dass es Freude macht. acreresort.com

Oystera Das Kultlokal in den hohen, weitläufigen Räumen einer ehemaligen Zuckerfabrik im Zentrum von Todos Santos serviert Meeresfrüchte und regionale mexikanische Küche. Wer lieber draussen sitzen möchte, nimmt im lauschigen Patio hinter dem Haus Platz. santaterra.mx/oystera

To–do

Vaquero-Kultur Der Ökotourismus‑Betrieb Rancho Cacachilas bietet Einblick in die Vaquero-Kultur Mexikos: Inmitten spektakulär trockener Berglandschaft mit über 60 Kilometern privaten Wander‑ und Reittrails gibt es Workshops zum traditionellen Handwerk und Lunches aus eigenen Hofprodukten. Wer möchte, bleibt und übernachtet im Glamping-Stil. ranchocacachilas.com

Unterwasserwelt Dank strikten Schutzmassnahmen ist Cabo Pulmo ein spektakuläres Unterwasserparadies, das man unbedingt besuchen sollte. Diverse lokale Anbieter organisieren Bootstouren, Schnorcheltrips oder geführte Tauchgänge in kleinen Gruppen.

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