Emin wurde 1963 in Croydon geboren, einem der hässlichsten Stadtteile Londons, demselben, aus dem auch Kate Moss stammt. Prägung erhielt sie jedoch von dem, was sie ihr «seltsames, dysfunktionales Leben in Margate» nennt. Margate, jenem Küstennest in Kent, wo ihre Mutter, eine Britin mit Roma-Wurzeln, und ihr türkisch-zypriotischer Vater lebten. Beide hatten bereits andere Partner, als Tracey und ihr Zwillingsbruder unterwegs waren, doch sie einigten sich auf ein Arrangement, wonach die Mutter mit ihren Kindern in eines der Guest-Houses des Vaters ziehen konnte. Als Tracey sieben war, verliess dieser die Familie ganz, und nach seinem Bankrott zogen sie in eine leere Personalwohnung. Während die Mutter schuftete, war Tracey oft allein. Mit dreizehn verliess sie die Schule, mit fünfzehn Margate – mit zwanzig Pfund, einer Reisetasche und zwei David-Bowie-LP. Sie kehrte aber immer wieder zurück, lebte in einem Bed and Breakfast und arbeitete zeitweise in einem Sexshop an der High Street.
Der Essayist Brian Dillon schrieb, Emins Lebensgeschichte stamme direkt aus einem englischen Albtraum einer heruntergekommenen Küstenstadt, «dem Ort von Jugendfantasien und Spielhöllen, aber auch von finanzieller Not, emotionaler Katastrophe, Sucht, Missbrauch und völliger Vernachlässigung». Eine mögliche Antwort darauf, weshalb Leute, die sonst kaum Galerien betraten, von Emin so gefesselt waren. Schliesslich schaffte sie es an ein Kunstcollege in Maidstone, wo sie in Drucktechnik abschloss, und fand am Royal College of Art in London verständnisvolle Lehrer. Ausserdem belegte sie Philosophiekurse an der Birkbeck University of London. Fortan verbrachte sie mit Zeichnen und Schreiben ihre Zeit. Sie habe rund 5000 Skizzenbücher vollgekritzelt, hat sie einmal gesagt. Zur Bewerbung am Royal College of Art reichte sie sieben ihrer besten Bücher ein, voll mit Gedanken, Zeichnungen, Ideen und Notizen – und wurde aufgenommen.
Als Anfang Neunzigerjahre die YBA – die Young British Artists – um Damien Hirst mit kontroversen Kunstaktionen das Establishment aufrüttelten, eröffnete Emin zusammen mit Sarah Lucas einen Shop in Shoreditch: Provokative T-Shirts mit der Aufschrift «Fucking Useless» und «Arsehole» waren besonders beliebt und ausserdem Aschenbecher, Handgemachtes. Am Samstag wurde Party gemacht, sie hack-te in Performances Liebesbriefe in die Schreibmaschine, und nachts schliefen sie im oberen Stock in Schlafsäcken, während in den Ecken die Ratten raschelten. Ein Jahr später gab sie mit einer Ausstellung in der angesagten White Cube Gallery ihr Debüt: «My Major Retrospective» – und wurde ins Londoner Kunstestablishment katapultiert. Charles Saatchi, Werbe- und Sammlermogul, der früher für die Wahlkampagnen der Conservative Party verantwortlich war, erwarb Tracey Emins «My Bed».
Die Bekanntheit, die sie erlangte, gründete letztlich auf einem grossen Missverständnis: Sie war keine Provokateurin, die auf Teufel komm raus Aufmerksamkeit suchte, sondern einfach nur ehrlich. Sie bezog sich nicht auf Marcel Duchamp und seine Ready-mades oder sonst irgendwelche Konzeptkunst. Sie war eine Künstlerin, die Unglück und Schmerz mit ihren Ausdrucksmitteln in die Kunstarena brachte, so wie auch Egon Schiele oder Eduard Munch seelisches Leiden auf Leinwand bannten. Die Boulevardpresse stempelte sie jedoch hartnäckig zum Inbegriff des britischen Bad Girl, ihre Alkoholräusche taten das Übrige, um das Image als rebellische, trotzige Göre zu zementieren. (Heute ist sie abs-tinent.) Emins Chaos, Scham, Selbstentblössung waren keine Markenstrategie, sondern ihr Material für ihre Kunst und ihr Schreiben. Dass sie damit gerade in England Aufsehen erregte, überrascht nicht. Sie brach ganz einfach mit der britischen Norm der Selbstbeherrschung.
Heute ist sie Grossbritanniens Aushängeschild: Wer mit dem Eurostar im Bahnhof St Pancras International ankommt, wird von ihrer Handschrift in Form einer riesigen Lichtinstallation empfangen: «I want my time with you».
Schrift gehört seit den 1990er-Jahren zu Emins Repertoire. Damals schrie sie mit Neonröhren und Applikationen auf Decken ihre Seele heraus: «You loved me like a distant star», «It’s a crime to live with the person you don’t love». Schreiben war für Emin immer Ausdrucksmittel, Therapie, Manifest. Heute hat sie aber auch zurück zur Malerei gefunden: Ihre Gemälde und Zeichnungen sind von fragilen Frauenfiguren bevölkert, die sich auf einem Bett zusammenkauern, Menschen in intimen Momenten oder geisterhafte Gestalten, umgeben von Worten feministischer Wut.
Zu ihrer Lebensfeier in der Tate Modern wird Emin ihre Beziehung zu Margate und ihre Familiengeschichte beleuchten – inklusive ihres bislang wenig bekannten türkisch-zypriotischen Erbes väterlicherseits. Dem Thema Abtreibung widmet sie zwei ganze Räume. Selbstverständlich darf auch das einst skandalumwitterte «My Bed» nicht fehlen, mit dem sie 1999 notorische Berühmtheit erlangte. (Einst im Besitz von Charles Saatchi, wurde es 2014 für 2,54 Millionen Pfund von einem deutschen Sammler ersteigert und ist heute eine Dauerleihgabe in der Tate Modern.)
Mit der Me-too-Bewegung hat sich der Zeitgeist gedreht: Emin gilt heute als Pionierin, die vor zwanzig Jahren vorwegnahm, wofür Aktivistinnen heute kämpfen – über sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch offen sprechen zu können, ohne dass Opfer stigmatisiert werden. «Traceys unerschrockene Auseinandersetzung mit Frauenerfahrungen – Sex, Schwangerschaft, Abtreibung, Beziehungen – war Ende der Neunziger schockierend», sagt Tate-Kuratorin Jess Baxter. «Heute sollte Emin dafür gefeiert werden, dass sie diese Inhalte schon vor Jahrzehnten thematisierte.»
Tracey Emin gehört inzwischen zum Kanon zeitgenössischer Kunst und bleibt sich und ihrem Publikum weiterhin nichts schuldig. In der Tate-Retrospektive werden neuere iPhone-Selfies, die sie nach der Krebsdiagnose im Krankenhaus zeigen – mit sichtbarem Stoma oder blutgefärbtem Urin – älteren Polaroidselbstporträts gegenübergestellt, die ihren Körper in aufreizender schwarzer Unterwäsche zeigen.
Dass sie Margate, dem Ort ihrer Jugend und ihrer Qualen, einen prominenten Platz einräumt, ist kein Zufall. Margate ist das Zentrum ihres zweiten Lebens geworden. Hier lebt sie zusammen mit ihren zwei Katzen Teacup und Pancake in direkter Nachbarschaft mit ihrem engsten Freund, dem Galeristen Carl Freedman. Nach dem Tod ihrer Mutter und ihrer Krebserkrankung zog sie zurück an den Ort ihrer Kindheit. Bereits 2017 hatte Emin eine leer stehende Druckerei erworben, die sie in ein Haus mit Swimmingpool, Atelier und Archiv verwandelte. 2021 folgte das ehemalige öffentliche Badehaus, das sie für Künstlerstudios und eine Artist-Residency nutzte, zum Mentoring junger Talente aus der ganzen Welt. In den letzten fünf Jahren beherbergte sie siebzehn Künstlerinnen und Künstler aus Ländern von Uganda bis zu den USA. Ausserdem verwandelte sie eine Bar in einen Ausstellungsraum, richtete das frühere Leichenschauhaus als Ausbildungsküche für Gas-tronomen ein und kaufte am Strand einen Pavillon, der künftig Café, Duschen und Veranstaltungsräume beherbergen soll.
An das, was nach ihrem Tod geschieht, hat sie ebenfalls gedacht: Die Initiativen sollen weiter bestehen, Margate zugutekommen und Kunstschaffende unterstützen. «Margate ist meine Pyramide», scherzte Tracey Emin in einem Interview.
An einem kalten Januartag besuchte Madonna Margate. Sie kennt Tracey seit über 25 Jahren und ist eine grosse Bewunderin ihrer Kunst. Auf Instagram postete sie von ihnen beiden und schrieb: «Dame Tracey Emin ist eine Perle, eine kostbare Halskette, die um eine Küstenstadt in England namens Margate gelegt wurde. Was sie in dieser Gemeinschaft am Meer geschaffen hat, ist wirklich bemerkenswert. Das ist für mich der Himmel. Jedes Mal, wenn ich dort bin, fühlt es sich an, als wäre ich in einem Traum.»
Tags darauf schlug die Boulevardpresse zu. «The Sun» schrieb: «Die einst spiessige britische Küstenstadt ist heute so angesagt, dass selbst Madonna sie als ihr persönliches ‹Himmelreich auf Erden› bezeichnet.»
Retrospektive «Tracey Emin. A Second Life», Tate Modern, London, bis 31. August.