Nein, ich glaube, das ist Teil meines Charakters. Mich beeindruckt so schnell nichts. Ich respektiere etwa viele Musiker, aber ich bin nicht so beeindruckt, dass ich mich in ihrer Gegenwart unwohl fühle. Ich kann mit wichtigen Leuten beim Abendessen sitzen oder vor Politikern sprechen und bin mir dabei immer meiner selbst bewusst. Ich bin selbstbewusst. Was nicht heisst, dass ich nie Zweifel oder Ängste habe.
Kommt das daher, weil Sie sehr früh Verantwortung übernommen haben, im Beruf, aber auch privat?
Ja, dieser Prozess hat bei mir früh angefangen. Ich habe meinen Vater sehr jung verloren. Meine Mutter hat uns gerettet, sie hat mir immer gesagt: Wir brauchen keinen zweiten Vater, du musst nicht die Vaterfigur ersetzen, und ich werde das auch nicht tun …
Aber ist es nicht das eine, dies zu hören, und etwas anderes, es auch annehmen zu können?
Natürlich. Ich war vierzehn und fühlte mich trotzdem für sehr viele Dinge verantwortlich. Ich wollte meine Familie nie enttäuschen. Nie. Ich war sehr hart mit mir selbst und sehr hart mit anderen. Wenn ich etwas zum jungen Lorenzo sagen könnte, wäre es, weniger streng mit den anderen zu sein. Aber das war meine Art, mit dem Schmerz umzugehen. Ich empfand Druck und hatte das Gefühl, mehr arbeiten zu müssen als andere.
War es für Sie eine Bürde, dass Ihr Vater auch diesen Beruf ausgeübt hatte?
Am Anfang wurde ich sehr an ihm gemessen, ich war der Sohn von … Mittlerweile habe ich meine eigene Karriere. Damals war ich sehr jung, und manche hätten mich gern scheitern sehen. Aber ich hatte nie Angst, und irgendwie hat mich das auch herausgefordert im Sinne von: «I will show you, my friend, who I am.» Ich habe so zu meiner heutigen Stärke gefunden.
Wie äussert sich die in Ihrer Arbeit?
Mit der Erfahrung kommt mehr Ruhe. Mit mehr Erfahrung weiss man auch eher, was so nicht funktioniert. Der Ton etwa, den man gegenüber einem Orchester anschlägt. Die Art, wie man etwas sagt, weil man gerade frustriert ist. Der Ton macht die Musik, das wird einem erst mit mehr Erfahrung bewusst.
Dann hat Dirigieren vor allem mit Psychologie zu tun? Die Handbewegungen sind nur fürs Publikum?
Keineswegs! Die Gesten dienen der Kohäsion – der Musiker, des Klangs. Der Prozess während der Proben hat aber sehr wohl viel mit den Ensemblemitgliedern zu tun. Natürlich muss ich eine klare Vision haben, um ein Ergebnis auf höchstem Niveau zu erzielen. Aber Kritik anzubringen ohne Negativität, das ist eine Kunst, eine Lebensaufgabe. Ich versuche, stets besser zu werden. Man muss authentisch bleiben und sich gleichzeitig bewusst machen, wie man mit den Musikern umgeht, die man vielleicht nicht kennt, die eine andere Sprache sprechen, einen anderen kulturellen Hintergrund haben. Gleichzeitig arbeiten wir oft unter Zeitdruck.
Wie unterscheidet sich Ihr Dirigieren von dem früherer Generationen?
Ich bin Lorenzo Viotti, ich habe meine eigene künstlerische Stimme. Wir leben in einer schnelllebigen Zeit, vor dreissig Jahren nahm man sich Zeit, Bücher zu lesen, heute haben wir Zugang zu allen möglichen Informationen. Vor allem die Technologie verändert viel. Damals gab es viel weniger Konzerte und viel mehr Zeit, zu proben. Heute sind die Budgets kleiner, es müssen mehr Konzerte gespielt werden, das beeinflusst die Art, zu arbeiten.
In einem Interview sagten Sie, Sie hätten lernen müssen, Nein zu sagen: Was war das bedeutendste Nein Ihrer Karriere, und was folgte daraus?
Ich musste letzten Sommer aus gesundheitlichen Gründen ein wichtiges Konzert mit den Wiener Philharmonikern an den Salzburger Festspielen absagen. Ich hatte mich gefreut, meine Schwester war dabei. Und dann ging zweieinhalb Monate einfach nichts. Das war extrem schwierig. Und gleichzeitig das Beste, was mir passieren konnte. Ich hatte Zeit für meine Tochter, sie war damals sechs Monate alt. In meinem Leben werde ich sicher wieder die Möglichkeit haben, nach Salzburg zu gehen. Aber diese Zeit mit meiner Tochter, die kommt nie wieder zurück.
Wie lässt sich Ihr Beruf mit Ihrem Familienleben vereinbaren? Diese Frage bekommen sonst immer nur Frauen gestellt …
Man muss sehr organisiert sein, eine Balance finden, meine Freundin hat auch ihre Karriere. Okay, ich koche nicht, weil ich sehr, sehr schlecht koche. Aber wenn ich daheim bin, mache ich den Haushalt. Ich komme nach Hause, sobald ich freihabe, auch wenn es nur für zehn Stunden ist. Meine Tochter aufstehen zu sehen, ist es das wert. Schlafen kann ich später noch genug. Vater zu sein, das ist mein grösster Erfolg.
Und welcher berufliche bedeutet Ihnen am meisten?
Ein Konzert in Granada. Mit einem Orchester, zu dem auch zehn Leute verschiedenen Alters mit psychischen oder physischen Beeinträchtigungen zählten. Neun Monate lang hatten sie das Stück geprobt. Den Moment mitzuerleben, in dem die Musiker realisierten: Wir sind auch wichtig, wir sind ein Teil dieser Gegenwart. Das werde ich nie vergessen. Das Wort Erfolg ist dafür viel zu klein.
Sie sind globaler Uhrenbotschafter von Bvlgari. Wann erkannten Sie die Verbindung zwischen Luxuswelt und Hochkultur?
Als ich die Menschen traf, die in der Manufaktur arbeiten. Da gibt es Parallelen zu meinem Beruf. Das ist nicht einfach nur ein Job. Es ist eine Leidenschaft. Zehn Stunden pro Tag an einem einzigen Detail zu arbeiten … Und wenn der Uhrmachermeister sagt: «Das funktioniert nicht», fängt man wieder von vorn an. Ähnlich ist das auch bei uns. Wir proben manchmal vier, fünf Wochen und verändern Dinge noch bis zur Generalprobe. Manchmal bin ich mir bis zum Schluss nicht sicher, ob etwas funktioniert. Ich stelle mir konstant die Frage: Wie kann ich es noch besser machen? Da treffen sich unsere Welten. Das ist der wahre Luxus, es geht hier nicht um Bling-Bling. Es gibt eine Geschichte, es gibt eine Tradition.
Sie zeigen sich gern auf Instagram. Wie viel von Lorenzo Viotti bekommen wir da zu sehen?
Social Media ist etwas Statisches. Man kann ein Bild von sich abgeben, genau so, wie man das eben möchte. Ich poste einfach, worauf ich Lust habe. Auch wenn es nun einen Teil meines Lebens gibt, den ich privat halte. Wenn man mich kennenlernen will, schaut man sich nicht mein Instagramprofil an, sondern kommt zu einem Konzert.
Sie wurden als Posterboy der Klassikwelt betitelt, hat Sie das verletzt?
Absolut, besonders in der klassischen Musikwelt sind die Leute teilweise nicht besonders offen. Es gibt Orchester oder Institutionen, die mich gecancelt haben.
Wegen Ihrer oberkörperfreien Posts?
Klar, die Leute, die in diesen Institutionen Macht haben, wollen mich in eine Schublade stecken. Das war natürlich schmerzhaft, und ich verstehe das nicht. Aber dann bedeutet es auch, dass ich nicht die richtige Person für diesen Ort bin. Das ist okay.
Wie verändert sich die Welt der Klassik? Denn das sollte sie ja, weil sich im besten Fall auch das Publikum verändert. Oder eben wegbleibt.
Wenn die nächste Generation kein Interesse für unsere Welt hat, dann sterben wir. Wir haben während Corona gesehen, dass wir keine Kunst für die Kamera sind. Wir sind eine Kunst, die live erlebt werden muss. Wir bedienen gleichzeitig die Augen, die Ohren, den Geruchssinn. Aber wir müssen die Leute mitnehmen. Als Chefdirigent habe ich etwa die Möglichkeit, vor dem Konzert einige Worte ans Publikum zu richten, um das Eis zu brechen. Wir haben das in Amsterdam gemacht, und nach einem Jahr bestand das Publikum über die Hälfte aus unter 35-Jährigen.
Auf Social Media bin ich der Typ, der beim Ironman mitmacht und für Bvlgari posiert, aber eben auch dirigiert. Das macht neugierig. Und wenn die Leute dann im Publikum sind, sind sie gefangen. Dann weiss ich ganz genau, was ich zu tun habe, damit mir ihr Herz gehört. Sie werden sich in die Musik verlieben und zurückkommen. Ich erreiche die Menschen nicht, weil ich Turnschuhe trage auf der Bühne, das ist Blödsinn. Ich erreiche sie, weil die Musik ihr Herz berührt.
Gibt es ein Werk, das Sie nicht dirigieren würden, weil Sie noch nicht so weit sind?
«Tristan und Isolde» zum Beispiel. Ich muss noch viel mehr Erfahrung mit anderen Werken von Wagner sammeln, um zu diesem Meisterwerk etwas beitragen zu können. Es ist fast metaphysisch. Ich habe noch nicht die Reife dafür. Das Gleiche gilt für die «Missa solemnis» von Beethoven oder für einige Werke von Bach.
Welches war das grösste Risiko, das Sie in den letzten Jahren eingegangen sind?
Vater zu werden. Dafür gibt es keine Ausbildung. Man ist nie wirklich darauf vorbereitet, und es ist nie der perfekte Zeitpunkt dafür. Ich lebe nun für jemand anderen. Ein Risiko ist das nicht wirklich, vielleicht für die Beziehung, das hört man ja sehr oft. Aber es ist das schönste Risiko, das man auf sich nehmen kann.
Sie haben mal gesagt: «Ich mache meinen Job nicht, um gemocht zu werden. Ich glaube, dass Musik in unserer Zeit eine grosse Rolle spielen kann.» Welche Rolle ist das?
Musik kann zu einem Moment der Begegnung werden. Jeder erlebt sie individuell, bei einer Opernaufführung entsteht daraus etwas Kollektives. Dieser Moment knüpft an die eigene Geschichte an, an eine Emotion, eine Erinnerung. Menschen, die einander nicht kennen, werden zusammengebracht, ohne einander zu beurteilen. Es ist ein Raum, der Freiheit schenkt. Jeder kann für sich mitnehmen, was er braucht. Die Vibrationen der Musik haben einen besonderen Effekt auf unsere Seele. In der Oper geschieht eine Osmose der Künste: Die Ohren, die Augen werden angeregt, jemand hustet, einer verliebt sich, ein anderer stirbt. Es ist das Leben, verdichtet in einem Fenster von zwei, drei Stunden. Danach geht man nach Hause und fragt sich: Was habe ich da gerade erlebt? Darum glaube ich, dass Opernhäuser eine der wichtigsten Institutionen überhaupt sind. Leute wie ich geben dort ihr ganzes Herzblut rein.